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Ein Besuch an der Basis: Wie Wahlkampfhelfer auf den letzten Metern um jede Stimme werben

Helden der Demokratie

Hameln. Sie haben gekämpft, unterstützt und mitgelitten: Wahlkampfhelfer der Parteien. Noch bis morgen sind sie in ihrem Element. Denn es gilt, noch die letzten Unentschlossenen zu überzeugen. Dieser Gedanke treibt auch Helmut Reinecke an, wenn er in den letzten Wochen morgens um 8 Uhr das Haus verlassen hat. Der 65-Jährige fährt die Plakate der CDU ab und tauscht sie bei Bedarf aus. Wie oft er inzwischen mit Kabelbindern einen Uwe Schünemann oder Michael Vietz an einen Laternenpfahl gebunden hat – Reinecke kann es nicht mehr schätzen. Dass er sich für die Partei einsetzt, ist für ihn selbstverständlich: Reinecke ist in eine politische Familie hineingewachsen. „Schon als Fünfjähriger habe ich mit Reißzwecken Wahlkampfaufrufe an einem Stamm befestigt.“ Heute seien die Plakate wichtiger denn je, glaubt er. Denn die Zahl der Wechselwähler habe im Vergleich zu früher zugenommen. „Mein Vater sagte früher, man brauche die ein bis zwei Prozent Wähler, die am Wahltag nicht wissen, wen sie wählen“, erzählt Reinecke, mittlerweile machten diese rund ein Drittel der Wählerschaft aus.

veröffentlicht am 21.09.2013 um 21:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 02:41 Uhr

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Autor:

Andrea Tiedemann, Nina Reckemeyer und Wiebke Westphal
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Dass die Schünemann-Plakate in diesem Jahr besonders gelitten haben, nimmt Reinecke gelassen. „Jugendstreiche“, sagt er – so etwas habe es früher auch schon gegeben. Eine Erleichterung sei, dass die CDU auf Hohlkammer-Plakate umgestellt habe: Einen Herrn Vietz am Laternenpfahl „hochzuschieben“, fällt dem Senior nun um einiges leichter, als jedes Mal Holzgestell und Kleistereimer auszupacken.

Während Reinecke den klassischen Wahlkampf unterstützt, hat Can Bolat eine eher unkonventionelle Idee. Der 16-Jährige zieht für die SPD durch Hamelns Kneipen. Bierdeckel und Flaschenöffner sind im Gepäck – „was junge Leute eben brauchen“. Seine Mission ist es, junge Wähler zu gewinnen. Bolat selber darf in diesem Jahr zwar noch nicht den Bundestag mitwählen, dafür aber den künftigen Landrat. „Das zeigt, dass man erwachsen wird“, sagt der Gymnasiast. Besonders über die Themen Studiengebühren und Mindestlohn, so seine Erfahrung, komme man mit den Jugendlichen ins Gespräch. Er ist überzeugt, dass sein kreativer Wahlkampf Wirkung zeigt. „Wir waren auch schon in Kostümen unterwegs“, erzählt der jüngste Juso Hamelns. Er selber hatte sich als Jedi-Ritter aus den „Star-Wars“-Filmen verkleidet. „Das ist gut angekommen.“ Ein bisschen freue er sich aber auch auf die Zeit nach der Wahl, wenn wieder mehr Zeit für Schule und Freunde bleibe. „Der Wahlkampf ist schon sehr anstrengend.“

Anstrengend ist die Zeit auch für Johannes Wache. Er hat „schon so viele Aktionen gemacht“, die Anzahl kann er sich „schon nicht mehr merken“. Seit acht Jahren steht der Schlosser im Ruhestand für die Interessen eines linken Sozialismus Spalier: „Das machen wir alles aus Überzeugung. Wer soll es denn sonst machen?“ In den Wochen vor der Wahl klappert er Haus für Haus ab, wirft Handzettel ein. Vorgestern Abend hat er „so um 10 noch was verteilt“ – Tageszeit, Wind und Wetter spielen im Wahlkampf eine untergeordnete Rolle. Neben viel Zuspruch, erzählt Wache, schlage ihm aber auch harte Kritik entgegen. „Aber wenn man Gewerkschaftsinteressen vertritt, muss man sich eben einiges anhören“, schätzt der 68-Jährige.

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Für die Grünen in Hameln-Pyrmont entwirft Michael Maxein die Wahlplakate und Flugblätter mit der gelben Sonnenblume. Das „kleinkarierte Hemd“ stammt von ihm. „Die Plakate sind natürlich PVC-frei“ – logisch, Maxein kämpft für nachhaltige Umweltpolitik. Seit 2004 engagiert er sich für eine „ganze Palette“ an Veranstaltungen, organisiert, besorgt „den Kleinkram“, verschickt Postkarten, holt Genehmigungen ein, seit dem Frühling ist er zudem Grünen-Kreisvorsitzender. In den stressigen Wochen vor dem großen Tag organisiert er nebenbei noch einen Malwettbewerb, um auch die Kleinsten ins grüne Boot zu holen. Kleinkram beschafft hat Maxein erst jetzt wieder, für einen Wahlstand mit Kinderecke: Windräderbasteln steht auf dem Plan, mit Perlen, Papier und ohne Plastik – und wenn’s gut läuft, „drehen die sich am Ende auch“, sagt er.

Vor dem Aerzener Rathaus dreht ein anderer seine Runden: Ludwig Cramer. Es regnet wie aus Kübeln, doch mehr als 40 Jahre Wahlkampf für die FDP scheinen Cramer wind- und wetterfest gemacht zu haben. „Ich stehe heute bis 18 Uhr hier, bis der Markt schließt“, sagt der 78-Jährige gut gelaunt. Seit mehr als 40 Jahren gab es keine Wahl, in der Cramer nicht für die Liberalen an vorderster Front gekämpft hätte. So auch in diesem Jahr: 1000 Flyer hat er in den vergangenen Wochen in die Briefkästen der 14 Aerzener Ortsteile gesteckt, alle drei Tage nach den Wahlplakaten geschaut. Heute möchte Cramer, der selbst 35 Jahre im Aerzener Gemeinderat war, Jo-Jos, Kochlöffel und Eis am Stiel an die Marktbesucher verteilen, alles in Gelb, versteht sich, und mit FDP-Logo versehen. Doch die Zahl derer, die im Regen einen Zwischenstopp unter dem FDP-Schirm einlegen, bleibt im einstelligen Bereich. Eigentlich, berichtet der Aerzener, sei er angesichts seines fortgeschrittenen Alters schon froh, „wenn mich bald jemand ablösen würde. Aber es würde mir in der Seele wehtun, wenn ich hier ein Vakuum hinterließe.“ Am Wahlabend ist übrigens Cramers vorerst letzter Einsatz in diesem Jahr. Um 18 Uhr wird er mit seinem Auto losfahren und die Wahlplakate, die er vor sechs Wochen aufgehängt hat, einsammeln. Und archivieren: „Ich hebe die Plakate auf, die kann man noch mal verwenden. Die Sprüche wiederholen sich sowieso alle paar Jahre.“



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