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Einrichtung an der Erichstraße wird 25 Jahre alt / Neues Konzept soll mehr Besucher bringen / Ehemalige erinnern sich

Hamelns Regenbogen – Lichtblick für viele Jugendliche

Hameln. Er ist „ein atmosphärisch-optisches Phänomen, das wahrgenommen wird als kreisbogenförmiges Lichtband, dessen radialer Farbverlauf eine den Spektralfarben ähnliche Abfolge zeigt“: Regenbogen. Diese Beschreibung, wie sie auf Wikipedia steht, fällt wohl niemandem ein, wenn es um den Hamelner Regenbogen geht. Farbenfroh aber ist auch der, abwechslungsreich und für viele Jugendliche ein Lichtblick im häufig verwirrenden Durcheinander der Pubertät. In diesem Jahr feiert das städtische Jugendzentrum seinen 25. Geburtstag und ist damit längst raus aus jenem Alter, in dem er für Aufwachsende eine wichtige Anlaufstelle ist.

veröffentlicht am 30.01.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 07.11.2016 um 02:41 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Mit 25 ist man einfach nicht mehr das, was man mal war. Das gilt auch für das Kultur- und Jugendzentrum an der Erichstraße. „Ihr“ Regenbogen jedenfalls sei das nicht mehr, sagen sechs Ehemalige, die zusammengekommen sind, um aus „ihrer“ Zeit zu berichten. „Dunkel“ war er, viel dunkler als heute, erzählt auch Jürgen. Von den Jugendlichen wird der Jugendpfleger nur beim Vornamen genannt, wie alle anderen Betreuer auch. Aber dem hellen Regenbogen, der erst vor einigen Wochen einen gänzlich neuen Anstrich erhalten hat, ist Jürgen Fecho ebenfalls noch verbunden. Drei Jahre nach der Eröffnung trat er dort seinen Job an und ist mit Bernd Himler eines der Regenbogen-Urgesteine. Sie haben die Jugendlichen kommen sehen, begleitet, betreut, gestützt, gelenkt und gehen sehen.

Nicole Klein gehört längst zur „Weißt-du-noch“-Gene-ration und blickt mit 39 Jahren gerne zurück. „Hier sind viele Freundschaften entstanden“, erzählt sie, was für sie eine Besonderheit des Regenbogens war. Auch die vielen Fahrten, die damals angeboten wurden, haben sich ins Gedächtnis gebrannt. Nicole selbst war mit in Rinteln und in Berlin – die Fotos hat sie dabei. Dauerwelle gehörte ebenso dazu wie viel zu weite Klamotten. Welten liegen zwischen den natürlich daherkommenden Mädchen von damals und den weit übers wirkliche Alter hinaus Geschminkten von heute.

„Das Allergrößte war doch, endlich Teil der Jugendlichen zu sein“, sagt Julia Maulhardt. Die Nachwuchs-Kommunalpolitikerin, die heute für die Grünen im Hamelner Rat sitzt, war begeisterte Regenbogengängerin. 13 Jahre alt musste man sein, bevor ein Fuß in die Tür gesetzt werden durfte. Und daran haben sich natürlich alle gehalten? Von wegen. Jürgen Fecho erinnert sich an einen, für den er und Bernd Himler zum 18. Geburtstag ein Ständchen schmetterten. Statt sich zu freuen, genierte und wand der sich, um letztlich eine große Lüge zu beichten: Nämlich, dass er erst 17 war, sprich, sich schon mit zwölf reingeschmuggelt hatte.

Bis auf die kleine Anika (Mi.), die zur kommenden Regenbogen-Generation zählt, waren sie früher alle fast täglich dort. Fotos: bha

„Die Disko!“ war für Dagmara Dybka (35), Muhammed Ali Karamik (38) und Pietro Tarquinio Esparas (39) das Größte. Jeden Mittwoch, jeden Samstag. Immer pickepackevoll. Und dunkel. Bestens geeignet, um „noch richtig zu schwofen“, schwärmt Dagmara; zum Knutschen, zum Tanzen, zum Feiern. Für heutige Verhältnisse fand die Disko, die damals noch Disco war, zu unmöglicher Tageszeit statt: von 18 bis 21 Uhr und am Samstag von 19 bis 23 Uhr. „Man musste sich nicht verabreden“, um jemanden zu treffen, denn „aus der Clique“ war garantiert immer jemand da.

Damals haben die Älteren auf die Jüngeren achtgegeben und ihnen auch mal die Zigaretten aus den zu jungen Händen gehauen. Die Nationen waren bunt gemischt, genauso wie die Bildungsschichten. Ärger gab’s auch mal, inklusive Prügeleien, Alkohol und Hausverboten. Dem engen Freund Regenbogen blieben die meisten drei bis fünf Jahre treu, bevor sie mit einer Ausbildung begannen, andere Interessen hatten, die Stadt verließen. Das hat sich geändert, wie so vieles seit der Einweihung 1987. Bis dato hatte es in Hameln lediglich einen Jugendraum an der Walkemühle gegeben; die Politik war sich einig, dass ein Jugendzentrum mit pädagogischem Auftrag notwendig war.

Disko? Gibt es heute nicht mehr. Weil sich die Musikgeschmäcker nicht mehr unter einen Hut bringen ließen. Einzelne Hip-Hop- oder Rap-Partys lösten die Disse ab. Konzerte? Dito. Vor eineinhalb Jahren wurde die Stelle des Kulturbeauftragten gestrichen, seither sieht es mager aus mit Veranstaltungen. Auch seien die Kosten für Licht- und Tontechniker nicht mehr aus Hausmitteln zu finanzieren, sagt Fecho, Tonstudio? Nein. „Heute kann fast jeder zu Hause schneiden. Technisch auf dem neuesten Stand zu bleiben, sei unbezahlbar. Mittagessen? Aufgegessen. Seit es die Mensa am Schiller-Gymnasium gibt, darf der Regenbogen keines mehr anbieten, um keine Konkurrenz zu schaffen. Viele der früheren Angebote würden nicht mehr nachgefragt. Was es noch gibt: immer das offene Ohr für die Jugendlichen, Billardtische, Ferienfreizeiten … Was es noch alles geben soll, wird gerade mühsam erarbeitet. Ein neues Konzept wird von den Verwaltungsangestellten erstellt, um den Regenbogen langfristig wieder attraktiver zu machen und zu beleben.

Statt täglich und drei Jahre lang kommen weniger Jugendliche nur noch hin und wieder über einen kürzeren Zeitraum, erzählt Himler. Schule nimmt inzwischen einen viel größeren Raum ein, Zeit für Freizeit ist knapp bemessen. Doch er ist überzeugt: „Persönlichkeitsbildung findet nicht in der Schule statt“, sondern an Orten wie diesen, wo Jugendliche in ihrer Sprache auch mal Quatsch machen könnten, ohne dass immer gleich ein Erwachsener parat stehe. Auch bräuchten Jugendliche einen Ort wie diesen, an dem sie ihre Sorgen und Nöte loswerden könnten, findet Sabine Kintscher, die als Stadtjugendpflegerin für die Jungen und Mädchen da war. „Wo sollen die denn sonst damit hin?“

Trotz Umwälzungen, Personalfluktuation, Frust über Konzepte, deren Umsetzung irgendwo krepierte, schwankender Inanspruchnahme – ums nackte Überleben habe der Regenbogen nie kämpfen müssen, sagt Himler. Aus der Politik habe es immer Unterstützung gegeben für die Jugendarbeit. Doch künftig wird sich der Regenbogen anders aufstellen, um den veränderten Bedürfnissen gerecht zu werden. Geplant sind unter anderem engere Kooperationen mit Schulen, Vereinen, Verbänden und der Sumpfblume. Damit Jugendliche wie die 14-jährige Anika Sievert auch künftig etwas mit den (frischen) Farben und Angeboten des Regenbogens anfangen können und sie in 20 Jahren gerne an die Zeit zurückdenkt. Am 3. Februar feiert der Regenbogen eine Wieder-Eröffnungsparty – und irgendwann in diesem Jahr gibt es noch eine große Feier.

Nichts bleibt, wie es war, auch nicht das städtische Kultur- und Kommunikationszentrum. Der Regenbogen musste sich immer wieder wandeln und hatte – wie fast jedes Jugendzentrum – bei einigen immer mit einem schlechten Ruf zu kämpfen.

Foto: Wal



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