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Hamelns bunteste Straße - zu bunt?

veröffentlicht am 13.07.2009 um 19:40 Uhr
aktualisiert am 05.12.2017 um 14:37 Uhr

Hameln (mü). Von einer netten Geschichte über die bunteste Straße Hamelns zum Nachbarschaftsstreit ist es manchmal nur ein kleiner Schritt: Es sollte eine Geschichte über das Leben in Hamelns Koppenstraße werden. Auf die Frage, wie es sich in so einer Straße lebt, reagierten viele Anwohner aber nur zögerlich. Erst hartnäckiges Nachfragen machte den Grund dafür deutlich.

„Ich sage nur etwas, wenn mein Name nicht gedruckt wird“, sagt ein Mieter der bunten Häusermeile. Und dann sprudelt es aus ihm (Name der Redaktion bekannt) heraus: „Nicht viele Leute finden die bunt gewürfelten Fassaden der Koppenstraße schön. Farbtöne von Himmelblau über Babyrosa, leuchtendes Gelb bis zum intensiven Rot passen nicht in das Straßenbild. Die sind doch bescheuert. So etwas kann man in Künstlervierteln machen, aber hier wohnen normale Menschen.“ Warum die Farben bei einigen diesen oder ähnlichen Unmut auslösen, kann keiner wirklich erklären. Bei Gesprächen auf der Koppenstraße wird aber deutlich: Extrem leuchtende Farbkombinationen lösen auch eine extreme Geschmacksfrage aus.
 Dabei gehen die Meinungen in puncto Farbe weit auseinander: Einige finden, dass früher alles schöner war und weiße Häuser am besten aussehen. Andere finden Gefallen an der farbenfrohe Häuserzeile, meiden dieses Thema aber so gut es geht. „Warum sollen wir Ärger in Kauf nehmen, die Häuser bleiben ja bunt“, sagt zum Beispiel Birgit Klenke, die beim Betrachten der Häuser „immer ein bisschen an Ferien“ denkt.
Immer wieder kochen
die Emotionen hoch

 Die Mehrfamilienhäuser im vorderen Teil der Koppenstraße wurden Ende des 18. Jahrhunderts erbaut. Der Anwohner Rüdiger Seltmann erinnert sich, wie die Sache mit den grellen Farben kam. Anfang der 90er Jahre waren die einst weißen Fassaden grau und bröckelten. Seltmann: „Die Autoabgase der Deisterstraße hatten die Hauswände so eingerußt, dass sie grau geworden waren. Dann entschlossen sich die ersten Hausbesitzer, ihre Häuser zu sanieren. Es gab keine Absprachen zwischen den Eigentümern. Schnell wurde aber sichtbar, dass man mit dem Einheitsgrau Schluss machen wollte. Von der Hausnummer 1 bis 41 bekam jedes Haus eine andere Farbe.“ 1990 begannen die ersten Hausbesitzer, Farbe in das graue Umfeld zu bringen. Malermeister Schaper wohnt seit 1965 in der Koppenstraße. Er berichtet auf Nachfrage: „Ich habe selbst ein Haus zart gelb gestrichen.“
 „Beim ersten Haus staunten die Leute nur, beim zweiten Haus gab es erste Proteste“, weiß Friedrich S. zu erzählen, der nicht mit vollem Namen in der Zeitung stehen möchte. Dafür blickt er weiter zurück: „Bald kamen die ersten Drohungen, die Häuser sollten mit Graffitis übersprüht werden. Als die Farben bunter und intensiver wurden, verhärteten sich die Fronten. Erste Schmierereien an den Häusern mussten entfernt werden.“ Ehemalige Bewohner erzählen, dass es damals „zu wüsten Beschimpfungen und Drohungen“ zwischen Eigentümern und einigen Anwohnern gekommen sei.
 Empörte Bürger begannen zugleich, einen „Malstop“ zu fordern. Ihren Unmut brachten sie bei der Stadtverwaltung vor. Sachbearbeiter Voss machte sich ein persönliches Bild. Voss entschied, die bunten Hausfassaden zu dulden und nicht als „Störung des Stadtbildes zu bewerten.“ Denn bei der Farbgestaltung sind Eigentümer laut Gesetz relativ frei. Einschränkungen gibt es nur bei denkmalgeschützten Häusern. Oder wenn der Nachweis erbracht ist, dass es sich tatsächlich um eine „Störung des Stadtbildes“ handelt. „Um eine Störung des Stadtbildes nachweisen zu können, hätten wir einen langen Prozess führen müssen, die Eigentümer hielten an ihrer Farbgestaltung fest“, erzählt Voss.
 In den letzten Jahren versuchten die Anwohner, das Thema Farbe so gut wie möglich zu vermeiden. Dennoch: Immer wieder ist es Straßengespräch, und die alten Emotionen kochen hier und dort schnell wieder hoch. Eine Anwohnerin beschwert sich gegenüber der Dewezet: „Nicht immer wirkt Farbe entspannend und wohltuend auf die Menschen. Jeden Tag, wenn ich aus dem Fenster sehe, ärgere ich mich.“ Frank Bressler wohnte in den 80er Jahren in der Koppenstraße, mit dem heutigen Abstand findet er die Farbe gut. „Ich finde toll, was aus den Häusern geworden ist“, sagt er. „Warum muss denn immer alles gleich sein. Jeder möchte individuell sein. Wenn jemand den Mut dazu hat, bekommt man aber immer nur Stress.“



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