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Mit einer Karte fing alles an

Hamelner und Dolmetscher: Aus Briefwechsel wird Freundschaft

HAMELN. Der erste Briefwechsel zwischen Friedrich Isermann und Pavel Bovichev ist über 20 Jahre her. In den 90ern hatte der Hamelner dem Russen ein Hilfspaket und eine Weihnachtskarte geschickt – und Bovichev geantwortet. Heute übersetzt er als Dolmetscher für Spitzenpolitiker. Die Verbindung nach Hameln besteht.

veröffentlicht am 10.09.2018 um 16:05 Uhr
aktualisiert am 10.09.2018 um 16:50 Uhr

Deutsch-russische Freunde: Friedrich Isermann (links) schickte in den 90er Jahren ein Hilfspaket mit einer Weihnachtskarte nach Sankt Petersburg – und bekam wenig später eine Antwort von Pavel Bovichev, der heute für Spitzenpolitiker übersetzt. Foto:
Muschik, Moritz

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„Guten Tag, Friedrich. Ich heiße Pavel Bovichev. Ich lebe in Petersburg, lerne in der sechsten Klasse. Ich bin elf Jahre alt. Ich beschäftige mich mit Musik, singe im Chor, spiele Klavier. Ich habe deinen Brief und dein Paket bekommen. Vielen Dank! Ich hoffe, wir werden Freunde.“

Die Antwort auf seine Weihnachtskarte hat Friedrich Isermann aufgehoben. Der Brief von Pavel Bovichev liegt ordentlich verpackt in einer Folie in der grünen Mappe. Darin hat der Hamelner Erinnerungen gesammelt: Es sind Fotos, kleine Texte, Postkarten. Über 20 Jahre sind seit dem ersten Briefwechsel zwischen ihm und Bovichev mittlerweile vergangen.

Rückblick: Anfang der 90er Jahre war Bovichev Schüler, gerade elf Jahre alt. In der Weihnachtszeit schickte Isermann mit Freunden Hilfspakete zu einem Chor nach Russland. Zu den Kindern im Chor zählte auch Bovichev. „Damals waren es schwierige Zeiten nach dem Zerfall der Sowjetunion“, erzählt der Russe, der am Samstag in Hameln war, um von seiner Arbeit als Dolmetscher und der Verbindung nach Hameln zu erzählen. „Ich kann mich nicht mehr gut erinnern, was ich bekommen habe“, sagt er. „Vielleicht ein Kilo Mehl, ein Kilo Zucker, ein paar Süßigkeiten – und eine Weihnachtskarte.“ Sein Vorteil: Der Schüler konnte auf die Karte antworten. Etwas Deutsch hatte er zu der Zeit schon gelernt.

Zu Besuch in Deutschland: Friedrich Isermann und Pavel Bovichev auf Radtour. Foto: privat
  • Zu Besuch in Deutschland: Friedrich Isermann und Pavel Bovichev auf Radtour. Foto: privat
Pavel Bovichev arbeitet als Dolmetscher. Foto: privat
  • Pavel Bovichev arbeitet als Dolmetscher. Foto: privat
Pavel Bovichev lebt in Russland. Foto: privat
  • Pavel Bovichev lebt in Russland. Foto: privat

„Ich habe gedacht, dass mir ein Junge aus Deutschland geschrieben hat“, meint der heute 37-Jährige. Ein paar Monate später bekam er einen Brief. Er begann so: „Hallo Pavel, ich bin Friedrich, 67 Jahre alt.“ Trotz des großen Altersunterschieds blieben beide in Kontakt, schrieben sich regelmäßig Briefe. Jedes Jahr zu Weihnachten schickte Isermann ein Paket nach Sankt Petersburg – „mit Süßigkeiten, Lebensmitteln und allem, was bei uns damals fehlte“, so Bovichev. Ein paar Jahre später besuchte er Isermann und dessen Familie zum ersten Mal in Hameln. Andersherum reiste Isermann, der heute über 90 Jahre alt ist, zum Besuch nach Russland. Sie zeigten einander die Heimat des jeweils anderen, waren in Deutschland etwa mit dem Fahrrad unterwegs. Fotos der gemeinsamen Erlebnisse hat Isermann in der grünen Mappe gesammelt. Sie ist gut gefüllt.

Durch den Briefwechsel und die Besuche verbesserte Bovichev seine Sprachkenntnisse. Heute bestimmt die deutsche Sprache seinen Beruf. Er ist Dolmetscher, übersetzt Russisch, Deutsch und Englisch. Schon in der Schule lernte er Deutsch – ein Vorbild war zu dieser Zeit eine Verwandte von ihm: „Sie hat als Reiseleiterin mit der deutschen Sprache in Moskau gearbeitet und war dann Leiterin in einem Touristik-Büro“, erzählt er. In der Schule bekam er zusätzlichen Unterricht durch seine Lehrerin, studierte später fünf Jahre lang Germanistik in Sankt Petersburg. Danach ging er nach Heidelberg, um ein Studium in Konferenzdolmetschen draufzusetzen.

Seit über zehn Jahren arbeitet er nun professionell als Dolmetscher. „Es gibt nicht so viele Dolmetscher auf dem russischen Markt mit dieser Sprachenkombination“, sagt er. In seiner Karriere hat er schon für einige Spitzenpolitiker übersetzt. Für den russischen Ministerpräsidenten Dmitrij Medwedew zum Beispiel übersetzte er zweimal simultan. Beim Rohstoffforum in Sankt Petersburg etwa saß er in der Dolmetscherkabine, um den deutschen Politiker Edmund Stoiber zu übersetzen. Und bei einer Talkrunde saß er nur wenige Meter vom russischen Präsidenten Wladimir Putin entfernt.

Das stand am nächsten Tag überall in den Zeitungen.

Pavel Bovichev, Dolmetscher aus Russland

Der Auftritt vor laufenden Kameras blieb ihm besonders in Erinnerung. Er hatte seinen Platz neben Willy Wimmer, Staatssekretär a. D., um für ihn zu dolmetschen. „100 bis 200 Pressevertreter waren dabei. Die Fragen richteten sich an Putin“, so der 37-Jährige. Der Präsident beantwortete nacheinander Fragen – und übernahm dabei sogar Bovichevs Job als Dolmetscher. Als sich Wimmer zu Wort meldete, übersetzte Putin direkt seine Worte. „Das stand am nächsten Tag überall in den Zeitungen“, sagt Bovichev.

Von seinen Erlebnissen berichtete er am Samstag in Hameln. Isermann hatte ihn eingeladen. So wie nach der Weihnachtskarte vor über 20 Jahren …



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