weather-image
13°
Mehr als 50 Jahre altes Standardwerk hat ausgedient

Hamelner Stadtgeschichte wird neu geschrieben

HAMELN. Sie sei verstaubt und in weiten Teilen lückenhaft, die altgediente „Geschichte der Stadt Hameln“ von Dr. Heinrich Spanuth. Nun will die Stadt ihre Historie neu schreiben. Die Volkskundlerin und Historikerin Gesa Snell wurde mit der Aufgabe betreut.

veröffentlicht am 26.02.2018 um 20:25 Uhr
aktualisiert am 27.02.2018 um 11:40 Uhr

Die altgediente „Geschichte der Stadt Hameln“ von Dr. Heinrich Spanuth hat nach Ansicht der Stadtverwaltung ausgedient. Foto: Dana
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Sie sei verstaubt und in weiten Teilen lückenhaft: die altgediente „Geschichte der Stadt Hameln“ von Dr. Heinrich Spanuth. Deshalb will die Stadt ihre Historie jetzt neu schreiben und in einem eigenen Buch veröffentlichen. Spanuths Stadtgeschichte, die Geschichtsinteressierten jahrzehntelang als Standardwerk diente, hat nach Ansicht der Stadtverwaltung ausgedient.

Der erste Band des Spanuth, den der 1958 verstorbene Namensgeber gemeinsam mit Wissenschaftlern und Laien verfasste, erschien 1939/40. Zeitlich reichte er von der Steinzeit bis in die neueste Zeit, inhaltlich endete er mit dem Ende des Mittelalters. „Nur – die Ideologie der NS-Zeit habe sowohl die Sprache als auch die ausgewählten Themen der Darstellung geprägt“, stellt Dr. Gesa Snell, die bei der Stadt Hameln angestellte Historikerin und Volkskundlerin, fest.

So werde die Besiedlung der Hamelner Region im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie gedeutet, wenn es heißt: Schon früh „war unser herrliches Land von einem Netz von Ansiedlungen überzogen, hinter denen rassisch und kulturell fassbare Völker standen, Menschen von hoher Eigenkultur und geprägtem Eigenleben. Dieses völkische ursprüngliche Leben aber ist nicht irgendwann abgerissen, sondern hat sich auf dem bewahrenden, nährenden Boden der Heimat fortgepflanzt, um so in ‚Geschichte‘ und Gegenwart einzumünden“. Abschnitte wie dieser gingen unverändert in die 1983 im Verlag der Bücherstube Fritz Seifert Hameln erschienene neue Auflage ein. Sie seien „zeittypisch, lassen aber den Wunsch entstehen, neue Akzente in einer Stadtgeschichte zu setzen“, führt Gesa Snell aus.

Heinrich Spanuth (1873-1958) war Historiker und Religionspädagoge. Er erforschte nicht nur die Stadtgeschichte, sondern auch die Rattenfängersage.
  • Heinrich Spanuth (1873-1958) war Historiker und Religionspädagoge. Er erforschte nicht nur die Stadtgeschichte, sondern auch die Rattenfängersage.

Wie Spanuth der nationalsozialistischen Politik gegenüberstand, sei unklar. „Die politische Einstellung von Herrn Dr. Spanuth ist unseres Wissens nach bisher nicht grundlegend untersucht worden“, so Snell.

Aufgrund des ideologisch geprägten Teils kann der Spanuth heute nach Einschätzung von Snell „nicht mehr überzeugen“. Darüber hinaus sei das Werk lückenhaft. Das Kapitel über die Hamelner Hansegeschichte seien im Spanuth dünn, die Ereignisse zwischen 1918 und 1980 äußerst knapp dargestellt und die Beschreibung der letzten 30 Jahre, in denen zum Beispiel solche fundamentalen Veränderungen wie die Altstadtsanierung stattfanden, fehlt. Dies soll nun für die neue Stadtgeschichte nachgeholt werden. Ferner soll die Wirtschaftsgeschichte Hamelns sowie die Umbruchszeit von 1968 in den Blick genommen werden. „Es gab einige, wenige Wohngemeinschaften, später kommunistische Schülergruppen und Ähnliches“, deutet Snell an. „Solche Themen werden spannend!“

Ein weiteres Argument für eine neue Stadtgeschichte sei der Wandel der Geschichtswissenschaft. Die habe sich in den letzten 50 Jahren deutlich weiterentwickelt. Heute stünden etwa Fragen zur Migration, zur Sozialgeschichte und zur Umweltgeschichte im Mittelpunkt historischer Forschung. „Glücklicherweise haben heimische Fachleute und Interessierte in den letzten Jahren wichtige Arbeiten zur Hamelner Stadtgeschichte geschrieben“, so Snell. Zu nennen wäre an dieser Stelle etwa der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom, der insbesondere die Geschichte des Nationalsozialismus in Hameln und Umgebung aufgearbeitet hat. Doch was bislang fehle, sei „die chronologische, fachlich angelegte Gesamtdarstellung der Entwicklung der Weserstadt“, meint Snell.

Oberbürgermeister Claudio Griese sieht in einer kompetent aufbereiteten Stadtgeschichte auch einen Imagefaktor. „In Zeiten der scheinbaren Gleichförmigkeit von Innenstädten bieten unverwechselbare, historisch gewachsene Besonderheiten enormes Potenzial für den Tourismus und das Stadtmarketing“, sagt der Verwaltungschef. Diesen Schatz wolle die Stadt nun heben.

Und worin besteht dieser Schatz? „Der ,Schatz‘ besteht darin, Hamelner Spezifika zu identifizieren und die Stadt Hameln damit für Bürgerinnen und Bürger sowie Gäste noch interessanter zu machen“, antwortet Snell. So hätten sich schon früher die Bäcker gewünscht, dass sich in den Tiefen des Stadtarchivs ein „echt Hamelner Stollen-Rezept“ finden ließe. „Gäbe es das, wäre es natürlich eine tolle Sache für die hiesigen Handwerksbäcker, ein Produkt mit örtlicher Tradition anbieten zu können“, erklärt Snell. Authentizität habe heute einen sehr hohen Wert. „Diese lässt sich durchaus in lokaler Geschichte finden“, sagt Snell.

Die Voraussetzungen für einen Neustart in der Stadtgeschichte seien exzellent. „Die heutigen digitalen Recherchemöglichkeiten bieten Zugang zu einer deutlich größeren Zahl von Urkunden und Archivalien als in der Zeit der Entstehung des ‚Spanuth‘“, sagt Snell. Auch könne jetzt auf die Bestände europäischer Archive oder Bibliotheken zugegriffen werden, in Norddeutschland sowie im zentralen Bundesarchiv in Berlin.

Einen Erscheinungstermin gibt es für die neue Stadtgeschichte noch nicht. Das Projekt steht noch ganz am Anfang.

Information

Vorgänger

Der „Spanuth“ war laut Dr. Gesa Snell nach Jahrzehnten ein neuer Versuch, die Stadtgeschichte Hamelns aufzuarbeiten. Vor dem „Spanuth“ gab es nur „den (Friedrich) Sprenger“, der 1826 erschienen war und 1861 von Amtmann von Reitzenstein ergänzt wurde. Spanuth übernahm mit seinen Mitstreitern die gewaltige Aufgabe, nach mehr als 100 Jahren die Stadtgeschichte neu zu beschreiben.red/pk



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt