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Vor 75 Jahren wurde ein „Künstlerquartett“ gebildet / Wechselvolle Geschichte

Hamelner Serenaden feiern

HAMELN. Manchmal gehen Geburtsurkunden verloren, und manch Jubilar kokettiert mit seinem Alter und ist dann zehn Jahre lang 45. Fest steht: die Hamelner Serenaden sind bereits im Rentenalter und so rüstig wie eh und je.

veröffentlicht am 30.08.2018 um 14:37 Uhr

1943 hat die Stadt Hameln, mitten im Krieg also, einen weitreichenden Entschluss gefasst: Sie hat mit dem Konzertmeister Carl Blum aus Bad Salzuflen einen Vertrag geschlossen, wonach dieser hier ein „Künstlerquartett“ bilden sollte, das nicht nur regelmäßig Konzerte geben, sondern auch „begabten Schülern unentgeltlich Musikunterricht erteilen“ sollte. Außerdem sollte das Quartett bei repräsentativen Veranstaltungen der Stadt mitwirken – und mit der Zeit zu einem Kammerorchester erweitert werden.

Ein erstaunlicher Beschluss, mit dem die Stadt in schweren Zeiten für sich definiert, was denn zur Grundversorgung der Bevölkerung gehört: offenbar nicht nur die Sicherstellung der Lebensmittel- und Wohnraumversorgung, sondern auch eine kulturelle Dimension. Über die Motivation mag man streiten; sicher spielte auch eine beschwichtigende „Brot-und-Spiele“-Strategie des Dritten Reiches eine Rolle. Dennoch war es sicher nicht einfach, dafür erhebliche Mittel für dieses Vorhaben aus kommunalen Mitteln zur Verfügung zu stellen.

Der Konzertmeister Blum hat dann 1944 seine Arbeit aufgenommen. Zunächst mit unregelmäßigen Konzertangeboten, mit wechselnden Besetzungen und an verschiedenen Orten in der Stadt. Und immerhin so erfolgreich, dass er an dieser Tätigkeit festhielt, als 1945 mit Kriegsende das Anstellungsverhältnis beendet und erst 1952 durch einen Honorarvertrag fortgesetzt wurde. 1948 gründete Carl Blum das „Blum-Quartett“ mit fester Besetzung, das neben umfangreicher Mitwirkung bei städtischen, schulischen und kirchlichen Veranstaltungen eine Reihe von jährlich vier Konzertabenden ins Leben rief. Seit 1955 firmierten diese Konzertabende als „Serenaden im Hochzeitshaus“, bei denen Solisten aus Hamburg, Hannover oder Detmold das Quartett musikalisch erweiterten.

Die Stadt Hameln übernahm die finanzielle Sicherung dieser Serenaden, die von bis zu 250 Menschen besucht wurden und damit ein kulturelles Ereignis für die Familien darstellten.

Im Jahre 1953 trat der Hamelner Musiklehrer und Geiger Erhard Hebisch in das Quartett ein, der auf Bitten des Kulturamtes 1964, nach dem Tod von Carl Blum, die Leitung übernahm. Als „Hebisch-Quartett“ hat das Ensemble dann ein Stück Hamelner Geschichte geschrieben und für ein vielseitiges Angebot an Programmen aus vier Jahrhunderten in unterschiedlichsten Besetzungen gesorgt. Heimische Künstler und international bekannte Künstler wie Matthias Gerchen, Silke Avenhaus, Wiebke Lehmkuhl oder Markus Becker konnten dabei live erlebt werden.

1980 bahnte sich eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit dem evangelischen Kirchenkreis und seinem Kantor Hans Christoph Becker-Foss an, und das „Streicherensemble Erhard Hebisch“ wurde neben der Serenadentätigkeit zum Rückgrat der kirchenmusikalischen Arbeit an der Hamelner Marktkirche. So war es kein Problem, mit den Serenaden ins 2009 eingeweihte „Haus der Kirche“ zu wechseln, als die Stadt aus der finanziellen Verantwortung ausstieg.

Dort sind die Serenaden jetzt seit zehn Jahren zuhause, nutzen den hervorragenden Bösendorfer-Flügel – ein Geschenk des Hamelner Lions-Clubs – und versuchen, auch ohne musikalische Stammbesetzung und hauptamtliche Organisation die seit 75 Jahren gewachsene Tradition fortzuführen.

Gemeinsam mit dem jetzt zehnjährigen Jubiläum „Haus der Kirche“ feiern die Serenaden ihren 75., 70. oder auch „nur“ 63. Geburtstag mit einem kammermusikalischen Programm aus dem Hause Bach.

Mitglieder des „Ensemble Antico“, das sich seit vielen Jahren auf barocke Spielweise mit alten Instrumenten spezialisiert hat und häufiger Gast in unserer Region ist, musizieren Werke von Johann Sebastian und Carl Philipp Emanuel Bach, Telemann und Goldberg. Die Hamelner Annika Yildiz (Violine), Leiterin des Ensembles, und Hans Christoph Becker-Foss (Cembalo) haben mit der Australierin Kate Green (Cello) und Dorothee Kunst (Fl.Traverso) aus Bremen das Programm zusammengestellt, zu dem die „Hamelner Serenaden“ am 1. September um 18 Uhr in die Hamelner Marktkirche St.Nicolai einladen: in Erinnerung an den mutigen Anfang natürlich bei freiem Eintritt. „Geburtstagsgeschenke“ in Form von Spenden sind natürlich gern gesehen.red



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