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Hamelner Segelflieger gingen vor fast 90 Jahren in die Luft

Im Februar 1930 war es endlich soweit. Ein Gummiseil katapultierte vom Schöt aus ein Segelflugzeug in die Luft. Stolz verfolgten die Mitglieder des Hamelner Vereins „Die Falken“ den nur wenige Sekunden dauernden Jungfernflug. Zwei Jahre Arbeit hatten sie in den Bau ihres Fliegers investiert. Mit diesem Ereignis wurde das erste Kapitel der Segelfluggeschichte in Hameln aufgeschlagen.

veröffentlicht am 11.08.2018 um 14:30 Uhr

Flugabenteuer pur: Pilot Hans Wehlen kurz vor dem Start des Schulgleiters vom Typ Zögling auf dem Rotenberg in Hameln. Foto: Karl Wallhöfer/PR

Autor:

Heinz Löffler
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Nachdem in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg der Motorflug verboten worden war, erinnerten sich einige Flugbegeisterte an die Gleitflüge der Darmstädter Schüler auf der Wasserkuppe in der Rhön von 1911 bis 1913. Sie hatten dort mit ihrem Gleiter in 1 Minute und 50 Sekunden eine Strecke von 838 Metern geflogen. Das war der erste Weltrekord im Segelflug!

Ab 1920 trafen sich die Segelflieger jährlich auf der Wasserkuppe mit ihren Gleitflugzeugen, die zum Teil fliegenden Drahtgestellen ähnelten, zum Wettbewerb und Erfahrungsaustausch. Für den fliegerischen Nachwuchs wurde ein Schulgleiter entwickelt, dessen Baupläne an die entstehenden Segelflugvereine ausgegeben wurden. Hiermit war es möglich, Anfängern die Kunst des Fliegens beizubringen. Dies war die Initialzündung für die weltweite Verbreitung des Segelfluges.

In Hameln bildeten sich 1928 drei Gruppen, die unabhängig voneinander mit dem Bau eines Schulgleiters vom Typ Zögling begannen. Die „Jungfliegergruppe 91“ des Deutschen Luftfahrtverbandes von Friedjof Hennies, die „Fliegenden Falken“ unter Heinrich Schreiber und der „Sturmvogel“ mit Willy Marx aus der Arbeitersportbewegung.

Die Flieger wurden in mühevoller Kleinarbeit gebaut: Unser Bild zeigt den Bau des Schulgleiters SG 38 im Jahr 1951 in der Werkstatt der Polsterei Knoblauch. Foto: Luftsportverein Hameln/Pr
  • Die Flieger wurden in mühevoller Kleinarbeit gebaut: Unser Bild zeigt den Bau des Schulgleiters SG 38 im Jahr 1951 in der Werkstatt der Polsterei Knoblauch. Foto: Luftsportverein Hameln/Pr

Im Januar 1930 wurde im Hotel Bremer Schlüssel der Luftfahrtverein Hameln von 1928 gegründet, erster Vorsitzender war der Berufsschuldirektor Edo Berg. Im gleichen Jahr schlossen sich die Fliegenden Falken dem Verein an. Nach zwei Jahren Bauzeit hatten im Februar 1930 die Fliegenden Falken die Nase vorn mit dem ersten Segelflugzeugstart vom Schöt. Der Luftfahrtverein Hameln schaffte dies erst im Herbst des Jahres.

Die Segelflugzeuge wurden mit einem Gummiseil in die Luft katapultiert und glitten einige Sekunden den Hang hinunter. Dies geschah auf dem Rotenberg, dem heutigen Ravelin Camp. Das war somit der erste Hamelner Segelflugplatz. Im gleichen Jahr entdeckte Adolf Marten die Ithwiesen oberhalb von Eschershausen als ideales Segelfluggelände. Im Hangwind des Ith waren längere Segelflüge möglich. Mit einem Lastwagen wurde der Gleiter dorthin transportiert. Von diesem Zeitpunkt an fuhren die Hamelner Segelflieger jedes Wochenende mit dem Fahrrad zu den Ithwiesen.

Die Jungfliegergruppe Bad Pyrmont schloss sich 1931 an und bildete den Luftfahrtverein Hameln-Pyrmont. Auf dem Rotenberg wurde eine Flugzeughalle fertiggestellt. Im Juli 1932 gelang Adolf Niemeyer erstmalig ein Segelflug. Er blieb dabei 50 Minuten und 32 Sekunden über dem Ith in der Luft.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurden die Vereine gleichgeschaltet und im Luftsportverband zentralisiert. Das Vereinsvermögen ging auf den Deutschen Luftsportverband, Ortsgruppe Hameln, über. Politisch missliebige Organisationen wie der Sturmvogel wurden aufgelöst. 1935 wurden zwei Flugzeuge gebaut, ein Zwölf-Meter-Zögling und die „Grüne Post“. Da die Baupläne der Grünen Post vom Ullsteinverlag herausgegeben worden waren, wurde dieses Flugzeug unter dem Vorwand technischer Mängel stillgelegt. Der Verlag galt als jüdischer Verlag. Aus Erbitterung über diese Verfügung schossen die Hamelner dieses Flugzeug ohne Piloten mit dem Gummiseil in die Luft, um es hierdurch zu zerstören. 1937 wurde der Deutsche Luftsportverband zum „Nationalsozialistischen Fliegerkorps“ (NSFK) umformiert. Die Hamelner Segelfluggruppe hieß nun: NSFK, Gruppe 9, Sturm 15/20, Trupp II/1. Von diesem Zeitpunkt an wurde Segelfliegen vom Staat unterstützt. Die Hamelner übten ihren Sport vorwiegend auf der Reichssegelflugschule Ithwiesen aus. Karl Wallhöfer und Kurt Hoffmann, der aus dem Sturmvogel kam, waren dort als hauptamtliche Fluglehrer angestellt.

Heini Werner gelang beim Ithwettbewerb 1939 mit einem Rhönbussard ein Streckenflug von 300 Kilometer bis nach Holland.

Mit Kriegsende 1945 wurde den Deutschen jegliche fliegerische Betätigung, sogar der Modellflug, untersagt. Unbekannte hatten die Flugzeughalle mit ihren drei Gleitern in Brand gesetzt. Die englische Besatzungsmacht eröffnete in Pötzen ein Segelfluggelände mit beschlagnahmten Segelflugzeugen. Die aus dem Kriege zurückgekehrten Flieger hatten ihre Flugbegeisterung jedoch nicht verloren. Sie gründeten zur Tarnung 1948 einen Modellbauverein und zwei Jahre später wandelten sie den Verein in den Luftsportverein Hameln um.

Nach der ersehnten Freigabe des Segelfluges 1951 wurde in Gemeinschaftsarbeit mit anderen Segelflugvereinen eine Startwinde und ein Schulgleiter gebaut, mit dem einJahr später endlich wieder geflogen werden konnte. Da kein eigener Flugplatz existierte, wurde auf abgeernteten Feldern und auch dem Gelände der Briten bei Pötzen gestartet. Mit dem 1953 selbst gebauten Cumulus stand dem Verein erstmals ein leistungsfähiges Übungsflugzeug zur Verfügung. Mit Unterstützung der Stadt Hameln wurde zur Nachwuchsschulung der Doppelsitzer Mü 13 E angeschafft. Endlich hatte der Verein ein modernes Schulflugzeug. Von 1957 bis 1968 nutzte der Verein ein von einem Mitglied gepachtetes Gelände bei Bisperode. Nach internen Auseinandersetzungen verließen die Reste des Vereins diesen Platz, schlossen sich mit dem Gehrdener Luftsportverein zusammen und flogen wieder in Pötzen.

Ihr Ziel, einen eigenen Flugplatz zu haben, verloren sie aber nie aus den Augen. Beginnend im Sommer 1966, bemühte sich der Verein um das heutige Gelände Bisperode-West. Dieser pachtete das Areal. Mit dem Bau der Flugzeughalle 1970 und dem Werkstattgebäude 1974 steht den Mitgliedern heute eine perfekte Infrastruktur in dem idealen Segelfluggebiet des Ith zur Verfügung. Der laufend modernisierte Flugzeugpark lässt keine Wünsche offen.

Termin: Am 1. und 2. September wird der Verein mit einem Flugtag seinen 90. Geburtstag feiern und sich der Öffentlichkeit vorstellen.

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