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Besser bechern

Hamelner können Kaffee künftig aus dem „FairCup“ schlürfen

HAMELN. Ein Kaffee auf die Schnelle – ein Pappbecher. Und nicht nur das. Hinzu kommen noch: ein Plastikdeckel, damit die Jacke ohne braune Flecken davonkommt, eine Pappmanschette, damit wir uns nicht die Finger verbrennen, und vielleicht auch ein Plastikstäbchen, um den Zucker zu verrühren. Es bleibt: eine Menge Müll für das Bisschen Koffein. In Hameln soll dieses Problem an der Wurzel gepackt werden: „FairCup“ heißen die neuen Pfandbecher, die schon bald regelmäßig in diversen Hamelner Bäckereien und Cafés aus- und dann hoffentlich auch wieder abgegeben werden.

veröffentlicht am 09.05.2019 um 16:53 Uhr

Bunt und Hunderte Male befüllbar: Die FairCups sind schon bald in Hameln im Einsatz. Foto: Stadt hameln
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Innerhalb einer Stunde landen in Deutschland 320 000 Einwegbecher im Müll, rund 2,8 Milliarden pro Jahr, so zumindest die Rechnung der Deutschen Umwelthilfe. „Pappbecher“ ist dabei eine recht freundliche Umschreibung des anfallenden Mülls, denn zu rund fünf Prozent bestehen diese aus einer Kunststoffbeschichtung, die ihr Recycling erheblich erschwert.

Die Stadt Hameln will nun den Müllberg ein wenig entlasten. In Kooperation mit der Klimaschutzagentur Weserbergland führt sie den FairCup ein. Einen wiederverwendbaren „To-go“-Becher, den es schon bald in vielen Cafés und Bäckereien geben soll. „Wir hoffen, dass möglichst viele Betriebe und Hamelnerinnen und Hamelner sich an der FairCup-Aktion beteiligen und so ein Zeichen für den Umweltschutz setzen“, sagt Stefan Welling, Klimaschutzbeauftragter der Stadt.

Die Bäckereien Wegener – hier soll es Mitte des Monats losgehen – und Schmidt seien mit ihren zusammen elf Filialen bereits an Bord, die Sumpfblume, die Elisabeth-Selbert-Schule und nun ganz frisch auch noch ein Café, sagt Sibylle Meyer, Geschäftsführerin des Göttinger Unternehmens FairCup, das vor knapp drei Jahren als Schulprojekt gestartet ist. „Das ist für den Anfang schon sehr gut.“

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Foto: Stadt hameln

Damit sich der mit dem Blauen Engel zertifizierte Becher möglichst schnell in der Stadt verbreitet, bezuschusst die Stadt die ersten zehn Anmeldungen. Diese Betriebe bekommen nun ein Starterpaket aus 40 Bechern samt Deckeln geschenkt. 600 Euro gibt die Stadt dafür aus.

Wer dann künftig einen Kaffe „auf die Hand“ kauft, hat in den teilnehmenden Betrieben die Wahl: Einweg oder Faircup. Den Pfad von 1,50 Euro (1 Euro für den Becher, 50 Cent für den Deckel) gibt es zurück, wenn der Becher bei teilnehmenden Betrieben wieder abgegeben wird. Je mehr Betriebe sich am FairCup beteiligen, desto mehr Rückgabestationen. Auch manche Pfandautomaten akzeptieren den FairCup bereits. Dann wird der Becher gespült und geht in die nächste Runde.

Genau hier setzte in den vergangenen Jahren allerdings Kritik an vergleichbaren Pfandsystemen an: beim Spülen. Vor etwa zwölf Jahren verglich eine niederländische Studie Papp- und Mehrwegbecher.

„Die Zeit“ fasste das Ergebnis 2018 so zusammen: „Ihrer Ansicht nach gibt es unter allen Arten, sich Kaffee servieren zu lassen, kaum eine umweltschädlichere Möglichkeit als wiederverwendbare Gefäße, die zwischendurch in den in Cafés üblichen Gastronomiespülmaschinen gereinigt werden.“ Sei es in Hinblick auf Klimabilanz, Gewässer- oder Bodenbelastung: Der Pappbecher stehe deutlich besser da.

FairCup-Chefin Meyer kennt Studie und Berichterstattung und hält dagegen: „Das ist Quatsch.“ Die Studie beziehe sich auf alte Gastro-Spülmaschinen – „die gab es vor zehn Jahren“. Mit heutigen Geräten, die innerhalb von wenigen Minuten ihre Spülgänge abschließen, deutlich weniger Strom verbrauchen und Wasser wiederverwenden, sei die Bilanz eine ganz andere. Wie alt die Spülmaschinen in einzelnen Betrieben sind, mag auf einem anderen Blatt stehen.

Das Unternehmen FairCup verweist lieber auf eine andere Studie. Dort wurden 2008 im Vorfeld der Fußball-Europameisterschaft in Österreich und der Schweiz Mehrweg- und Einwegsysteme verglichen. Fazit: In jedem Szenario sorgt Mehrweg für eine bessere Ökobilanz, sogar im Vergleich zu kompostierbaren Einwegbechern. Eine Ökobilanz, nach wie vielen Umläufen, ihre FairCups besser dastehen als die Wegwerfvariante, liegt Sibylle Meyer nicht vor.

Auf 500 bis 1000 Einsätze kann es nun in Hameln so ein FairCup aus weichmacherfreiem Polypropylen theoretisch bringen. Danach sei der unbedruckte Becher samt Deckel zu „100 Prozent recycelbar“, wie das Unternehmen betont. Was allerdings nicht bedeutet, dass sich alte in neue Trinkbecher verwandeln: Die deutschen Vorschriften lassen nicht zu, dass aus Lebensmittelverpackungen wieder Lebensmittelverpackungen hergestellt werden.

Und trotz der Chance auf eine Wiedergeburt als – zum Beispiel – Kinderspielzeug: Plastik und somit ein unverrottbares Erdölprodukt bleiben die FairCups doch. Nach alternativen Materialien werde gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut gesucht, sagt Sibylle Meyer, aktuell fehle dafür jedoch das Geld. Welchen ökologischen Effekt die Hamelner FairCups haben werden, hängt nun von den hiesigen Betrieben und Kunden ab.

Info: Wer mit seinem Unternehmen FairCup-Partner werden möchten, findet den Kontakt unter www.fair-cup.de.

Mein Standpunkt
Frank Henke
Von Frank Henke

Wenn am Ende die Ökobilanz stimmt: eine feine Sache. Zwar sind Kaffeebecher eher ein Hügelchen im Verpackungsmüll-Gebirge, aber in einem weiteren Bereich die Devise „Mehrweg statt Einweg“ zu leben, hat sicherlich Wert. Vielleicht auch einen pädagogischen.



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