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Cengiz Altin gerät als Sympathisant der Gülen-Bewegung in Kritik der AKP-Befürworter

Hamelner im Fadenkreuz von Erdogan-Anhänger: „Gebt dem Terroristen nicht Eure Stimme!“

HAMELN. In die Türkei würde Cengiz Altin derzeit nicht mehr reisen. „Ich weiß nicht, ob ich wieder zurückkommen würde“, sagt der 51-Jährige. Altin fürchtet, er könne in seinem Geburtsland gegen seinen Willen festgehalten, womöglich sogar ins Gefängnis gesperrt werden.

veröffentlicht am 26.12.2017 um 19:30 Uhr
aktualisiert am 27.12.2017 um 10:08 Uhr

„Viele Deutschtürken fühlen sich in Deutschland schon immer ausgegrenzt – Erdogan hat ihnen ihre Ehre zurückgegeben“, sagt Cengiz Altin. Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Der Hamelner ist Sympathisant der sogenannten Gülen-Bewegung. Der türkische Präsident Recep Erdogan macht die Organisation um den islamischen Geistlichen Fethullah Gülen für den Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich. Als freier Journalist hat Cengiz Altin bis vor gut einem Jahr für die zur Gülen-Bewegung zählende, türkischsprachige Tageszeitung Zaman gearbeitet. Doch seit dem Putschversuch ist vieles anders.

Zaman gibt es nicht mehr, die auflagenstarke Zeitung wurde nach dem Putsch in der Türkei verboten. Wenig später stellte auch das in Deutschland erscheinende Format, für das Altin als freier Journalist unentgeltlich über Hameln und die Region berichtet hatte, sein Erscheinen ein. Die Stimmung unter Deutschen und Deutsch-Türken ist oft angespannt, wenn es um die politische Entwicklung in der Türkei geht (wir berichteten). Cengiz Altin hat das am eigenen Leib zu spüren bekommen.

Im Sommer letzten Jahres war er in der Hamelner Öffentlichkeit sehr präsent. Wahlplakate mit seinem Gesicht zierten vor der Kommunalwahl viele Straßen der Rattenfängerstadt. Altin kandidierte für die SPD, der er seit zehn Jahren angehört, für den Hamelner Rat der Stadt. Irgendwann machte ihn jemand auf einen Post aufmerksam, der durch die Chroniken von Facebook-Nutzern geisterte. „Gebt diesem Terroristen nicht Eure Stimme!“, hieß es auf Türkisch zum Foto von einem seiner Wahlplakate.

Altin konnte es kaum glauben. Er kannte den Urheber des Posts, sie seien immer nett und freundlich zueinander gewesen. Und dann so was? Altin erstattete Anzeige bei der Polizei. Auf der Wache wurde ihm geraten, vorsichtig zu sein. Doch als er dem Angezeigten einige Zeit später auf der Straße begegnete, sei „alles gut“ gewesen …

Es war der erste und bislang einzige derartige Zwischenfall, den Altin seit dem Putschversuch erlebte. In anderen deutschen Städten sind Einrichtungen der Gülen-Bewegung von Erdogan-Anhängern attackiert, Gülen-Sympathisanten bedroht worden. Doch er, ist sich Altin sicher, sei „in Hameln eigentlich beliebt“. Seine Beziehungen zu anderen Hamelner Türken hätte sich nicht verschlechtert. Es gebe „nur politische Meinungsverschiedenheiten“, es werde mehr diskutiert als früher. „Seit dem Putschversuch werde ich von manchen gefragt: Bist du immer noch bei diesen Terroristen? Dabei ist doch immer noch nicht klar, wer für den Putschversuch überhaupt verantwortlich ist“, gibt Altin zu bedenken.

Als er 14 Jahre alt war, hat er in der Türkei selbst einen Putsch miterlebt. Damals, 1980, putschte das Militär. „Das war wie im Krieg“, erzählt er. Jeden Tag seien die Särge der Toten von unterschiedlichen Gruppen durch die Straßen getragen worden, bis irgendwann wieder Ruhe herrschte. „Ich weiß, wie es ist, wenn ein Putsch passiert“, sagt er mit zweifelndem Blick auf die Geschehnisse im Juli 2016 in der Türkei. „Damals wurde als erstes das Fernsehen besetzt und ausgeschaltet – aber diesmal gab es Live-Übertragungen.“ Er glaubt nicht, dass die Gülen-Bewegung hinter dem Putschversuch steckt.

Ein Jahr nach dem Militärputsch, 1981, kam Altin aus der Schwarzmeerstadt Samsun nach Deutschland, wo sein Vater bereits als Gastarbeiter gearbeitet hatte, zuerst in Grohnde, später in Hameln.

Viele Jahre ging Altin in der DITIB-Gemeinde am Thiewall ein und aus. Zeitweise war er sogar der Vorsitzende der türkisch-islamischen Glaubengemeinschaft, das erste Mal im Alter von 25 Jahren. Später habe er vorzugsweise die Islamische Gemeinde in der Hunoldstraße besucht. Doch seit ein paar Monaten gehe er auch dort nicht mehr hin. Allerdings habe dies keinen besonderen Grund, wie er sagt.

Über Bekannte, die in der Thiewall-Gemeinde zu Besuch waren, habe er erstmals von der Gülen-Bewegung erfahren. „Das war vor zehn bis 15 Jahren“, sagt Altin. Die vielen Schulen und Hilfseinrichtungen, welche Fethullah Gülen in vielen Ländern der Welt betreibt, beeindruckten ihn.

Er begann, sich mit der Lehre der Gülen-Bewegung zu identifizieren, allerdings sei er nie Mitglied geworden, er sei „Sympathisant“, wie er sagt. Ein Bekannter fragte ihn irgendwann, ob er für Zaman schreiben wolle. Ehrenamtlich. Zumal Altin bis dahin nie journalistisch gearbeitet hatte. Er ist gelernter Maschinenbauer. Seitdem ist er auf vielen Presseterminen der Stadt Hameln und des Landkreises zugegen.

Altin bedauert die Entwicklung in der Türkei. Dabei habe er bis vor wenigen Jahren selbst noch hinter Erdogan gestanden, die Türkei habe ihm viel zu verdanken. „Aber mit der Macht wurde er anders“, sagt Altin und verweist auf die vielen Menschen, die seit dem Putschversuch in Gefängnissen festgehalten werden.

Cengiz Altin glaubt zu wissen, warum so viele Deutschtürken Erdogan nach wie vor die Treue halten. „Viele Deutschtürken fühlen sich in Deutschland schon immer ausgegrenzt – Erdogan hat ihnen ihre Ehre zurückgegeben“, sagt er. Dazu komme, dass viele kritiklos glauben, was ihnen im türkischen Fernsehen gesagt wird.

Die Gerüchte, denen zufolge die Gülen-Bewegung schon lange versucht habe, den türkischen Staat zu unterwandern, glaube er nicht. Auch sonst sehe er keinen Anlass für Kritik an der religiösen Organisation von Fethullah Gülen. „Sie wollen nur gute Sachen“, sagt er über die Gülen-Bewegung – und erinnert dabei ein wenig an die Anhänger Erdogans, die an dessen Politik nichts Negatives ausmachen können.

Information

Der Name der Bewegung ist auf Fethullah Gülen zurückzuführen. In den späten 1960er Jahren entwickelte sich im Umfeld des islamischen Predigers ein Netzwerk, das heute als Gülen-Bewegung oder auch „Hizmet“ (türkisch: Dienst) bekannt ist. Heute ist die Bewegung in rund 160 Ländern vertreten und engagiert sich in den Bereichen Religion, Bildung, Medien, Wirtschaft und Wohltätigkeit. Besonders ausgeprägt war der Einfluss der Gülen-Bewegung bis vor Kurzem in der Türkei. Die Meinungen über die Bewegung gehen weit auseinander, wie die Bundeszentrale für politische Bildung zu berichten weiß. Demnach stellen Anhänger Fethullah Gülen als leidenschaftlichen Befürworter des interreligiösen Dialogs und kulturellen Austauschs dar, während Kritiker in ihm einen islamistischen Ideologen sehen, der über ein strikt organisiertes Wirtschafts- und Medienimperium regiert und den Sturz der säkularen Ordnung der Türkei anstrebt. Fethullah Gülen lebt seit 1999 im freiwilligen Exil in den USA.pk



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