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Liebenswert umgesetzte Zeitgeschichte

„Hamelner Geschichten“ als Uraufführung im Pfannekuchenhaus

HAMELN. Ort auf Ort und Uraufführung auf Uraufführung: eben noch Tanz-Meditation in der Synagoge – am Sonntag gleich drei Mal „Auswärtsspiele“ unseres Theaters im Pfannekuchenhaus. „Hamelner Geschichten“ nennt Wolfgang Haendeler seine Annäherung an Persönlichkeiten der Rattenfängerstadt.

veröffentlicht am 05.11.2017 um 16:28 Uhr

Christiane Ostermayer und Christoph Linder. Foto: Wilfred gebauer
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Richard Peter Reporter
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Darunter ein eher Vergessener, der politische Publizist Karl Theodor Richard Lessing, der 1892 am Städtischen Gymnasium sein Abitur machte und 1933 in Marienbad erschossen wurde – als erstes Nazi-Opfer in Tschechien.

Das Pfannekuchenhaus als begehbare Bühne, und Lessing, der von draußen aus dem Regen kommt – erzählt aus seinem Leben, das in Hameln nur noch durch einen Gedenkstein in Lüders-Park präsent ist. Ein Kritiker Hindenburgs, der damit „ins Schwarze wie ins Braune traf“ – und früher Verfechter des Klimaschutzes. Seine bittere Erkenntnis: „Die Natur ist tot, wir haben sie getötet.“

Ein paar Jahrhunderte zuvor, als der Rattenfänger eben die Kinder entführt hatte: „Die unglücklichen Eltern“. Eine fiktive Geschichte, die sich genau so abgespielt haben könnte – samt „kalt gebliebenem Bett“ und der Osten euphemistisch als „blühende Landschaften“ zitiert. Und der Lohn des Pfeifers als „freiwillige Leistung“ deklariert.

Umzug auf offener Bühne für die „Glückel von Hameln“ – auch wenn sie nur kurz hier lebte. Auch sie nur noch wenig erinnert. In „sieben dicken Bänden“ hat sie ihr Leben aufgezeichnet. Und Hameln – nachdem ihr das Publikum in den ersten Stock gefolgt ist – als „lumpiger und unlustiger Ort“ bezeichnet. Die jüdische Familie wieder in Hamburg, handelt mit Gold, Diamanten – verleiht Geld. Das einzige Geschäft, das ihnen erlaubt ist. „Amen“ als Schlusswort.

Dann der Rattenfänger, der jetzt, ganz grün wie ein Jäger, die Kinder fängt. „Ein Magier, Guru oder Teufel?“ Und ein achtstrophiger „The Piper’s Song“ von Wolfgang Haendeler, der mit „The most famous guy of the town was an artist“ beginnt und mit „His magical sound is just better than – sex“ endet. Und mittendrin die flehentliche Bitte eines Theaterdirektors: „And please pay the artists, as fair as you should.“

Bezauberndes Finale – ein bisschen mehr die Dietrich als unsere „Trümmer-Elsa“ am angestammten Tatort. Ein „Kind der Liebe“ – vulgo: „Bastard“ – aus Leipzig mit ungarischen Genen. Und über alle Realität hinaus: „Na, was sagt die Oma dazu?“

Elsa Buchwitz, in deren Rosenhof in Rohrsen sich Künstler wie Götz George und Anneliese Rothenberger wohlfühlten, gilt als Retterin unserer Altstadt. 1983 eröffnete sie ihr Pfannekuchenhaus. „Ohne mich“ – wenn auch als „Hexe“ verschrieen – „wäre sie nicht mehr da“ unsere gepriesene Altstadt.

Wolfgang Haendeler hat sich die „Hamelner Geschichten“ ausgedacht, die Regie führte Friederike Karig, die durchweg sinnlichen Kostüme schuf Veronika Kaleja. Auf der Bühne und mitten durchs Publikum: Christiane Ostermayer und Christoph Linder.

Und beide jeweils beides: Figuren, die sie spielen und Spiel mit dem Publikum. Moderatoren und immer perfekt im Ramen des Pfannekuchen-Rahmens.

Liebenswert umgesetzte Zeitgeschichte.

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