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Modellprojekt für sauberere Luft

Hameln will es beim Radverkehr nun allen zeigen

HAMELN. Reihenweise untermauern Verwaltungsgerichte das Recht auf saubere Luft. In mehreren Städten müssen Straßen wegen der Schadstoffbelastung gesperrt werden. Im Bemühen, den Autoverkehr zu reduzieren, möchte Hameln nun in einem Punkt Vorbild werden: beim Fahrradparken. 900 000 Euro sollen aufgewendet werden.

veröffentlicht am 11.10.2018 um 12:31 Uhr
aktualisiert am 12.10.2018 um 10:20 Uhr

Damit noch mehr Hamelner auf das Fahrrad steigen, soll ein flächendeckendes System komfortabler und sicherer Abstellmöglichkeiten geschaffen werden – unter anderem am Bahnhof, besonders aber auch in den Wohngebieten.
Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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„Klimaschutz durch Radverkehr“ lautet das Credo der Hamelner Stadtverwaltung, seitdem den Verantwortlichen im Rathaus klargeworden ist, wo der Schlüssel zur Lösung gleich mehrerer Herausforderungen liegt. Es ist auch der Titel eines Bundeswettbewerbs um die besten Ideen in diesem Sektor. Die Stadt Hameln möchte mit der „deutschlandweit erstmaligen Einrichtung und Betreibung eines modernen stadtweiten Fahrradparksystems“ dabei sein und dafür entsprechende Fördergelder abgreifen. Weil vom Bund bis zu 70 Prozent der Kosten getragen werden können, beliefe sich Hamelns Eigenanteil auf rund 270 000 Euro. Der Großteil davon – 238 000 Euro – sind bereits im Haushalt 2018 etatisiert.

Es handelt sich um Gelder von Hauseigentümern, die sich von ihrer Pflicht freigekauft haben, Autoabstellplätze zu schaffen.

Dass die Entscheidung der Einwohner, wie sie zur Schule, Arbeit oder zum Einkaufen kommen, stark von der Gestaltung des Wegenetzes oder des Linienbusangebotes abhängen, ist lange bekannt. Etwas neuer ist die Erkenntnis, dass der Umstieg aufs Fahrrad auch davon abhängt, ob sich die immer öfter hochwertigen und teuren Geräte, darunter zunehmend E-Bikes, auch für Bewohner von Mehrfamilienhäusern und unterwegs komfortabel und sicher abstellen lassen. Hier plant die Stadt nun den großen Wurf: Ab September 2019 sollen, so das Konzept, binnen drei Jahren flächendeckend bis zu 500 teils mehrständige abschließbare Fahrradboxen aufgestellt sowie zwei bis drei Sammelgaragen eingerichtet werden. Unter anderem ist vorgesehen, wie von Radlern seit Jahren gefordert, ein Deck des Parkhauses am Bahnhof zur Fahrradetage zu erklären.

Die Fachleute in der Stadtverwaltung denken an ein System barrierefreier Abstellboxen in Wohngebieten sowie größere Fahrradgaragen; eine könnte zum Beispiel am Weserradweg in Höhe der Pfortmühle realisiert werden. „Hierfür sind je nach Standort vermietete und einzeln zusammenschließbare Boxen verschiedener Größen vorgesehen“, heißt es in einer Mitteilung an die Stadtratsmitglieder. Die Vermietung und Wartung soll über einen externen Partner erfolgen. Für die Standorte wurden vier Kategorien gebildet:

  • Wohnnähe: dazu wird mit Hausbesitzern und Vermietern kooperiert.
  • Zentrale Orte: Optimierung und Erweiterung der wichtigsten Abstellanlagen etwa am Bahnhof und in der Altstadt.
  • Stadtrand: Schaffung von Park-and-Bike-Plätzen für Pendler an den Einfallstoren.
  • Arbeitsplatz: Förderung von Fahrrad-Abstellplätzen bei Arbeitgebern.

Falls erforderlich, seien an Straßenrändern „einzelne Längsparkstände, die derzeit für Pkw vorgesehen sind, umzuwidmen“. Auf der Fläche eines Autos sei es möglich, fünf Boxen mit Platz für je zwei Fahrräder unterzubringen. Die Planer betonen: „Die Errichtung der Boxen im öffentlichen Straßenraum ist für die Förderwürdigkeit des Projektes von entscheidender Bedeutung. Neben der öffentlichen Sichtbarkeit wird hiermit vor allem der Modellcharakter ausgedrückt, und das in Deutschland bisher einmalige Vorhaben kann sich als Beispielprojekt zur Nachahmung entwickeln.“

Im Mai hatte Hameln eine Projektskizze beim Bund eingereicht – und die dortigen Experten überzeugt. Die Einsender der besten Projekte wurden zur Ausarbeitung eines formalen Förderantrags eingeladen. Abgabetermin hierfür ist der 15. Oktober, also der kommende Montag.


Termin: Mit der Teilnahme am Bundeswettbewerb „Klimaschutz durch Radverkehr“ wird sich der Ausschuss für Umwelt, Nachhaltigkeit und Klimaschutz am Mittwoch, 17. Oktober, befassen. Die öffentliche Sitzung im Energietreff der Stadtwerke (Hafenstraße) beginnt um 16 Uhr.

Information

Im „Masterplan Mobilität“ – exakt „Masterplan für die Gestaltung nachhaltiger und emissionsfreier Mobilität“ – listet die Stadt Hameln Maßnahmen auf, um folgende Ziele zu erreichen:

Verbesserung der Luftqualität durch Minderung der Stickoxidmenge im Autoverkehr;
Veränderung des „Modal Split“ im Verkehrsaufkommen, also der Nutzung der verschiedenen Verkehrsmittel, zugunsten des so genannten Umweltverbundes aus Fußverkehr, Radverkehr und öffentlichem Personenverkehr;

Schaffung von klimafreundlichen und zukunftsweisenden Mobilitätsangeboten;

Nutzung der Digitalisierung für eine bessere Vernetzung der Verkehrsträger.

Das Bundesumweltministerium unterstützt Investitionen in die Verkehrsinfrastruktur im Rahmen des Wettbewerbs „Klimaschutz durch Radverkehr“. Es geht um modellhafte investive Projekte, die dazu beitragen, die individuelle Verkehrsmittelwahl zugunsten des Fahrrades zu beeinflussen, die Nutzung von Autos zu verringern, durch eine bundesweite Ausstrahlung möglichst viele Folge- und Nachahmungsprojekte anzuregen und konkrete Treibhausgasminderungen zu erzielen.

Der Nationale Radverkehrsplan empfiehlt den Kommunen, zwischen 8 und 12 Euro je Einwohner in die Verbesserung der Infrastruktur zu stecken, der ADFC als Fahrradlobby sogar 30 Euro. Für Hameln müssten es laut Radverkehrsplan etwa 500 000 bis 700 000 Euro sein, laut ADFC 1,7 Millionen. Dies zeigt die Dimension des Projektes „Fahrradparken“, für das nun 900 000 Euro veranschlagt sind. Mit weiteren 800 000 Euro für die ausstehende Optimierung der Wege würde Hameln das vom ADFC empfohlene Niveau erreichen. Lange hatte die Stadt auf den Ausbau des Fahrradroutennetzes in kleinen Schritten gesetzt – nun drängt wegen der Schadstoffbelastung und des Klimaschutzes die Zeit. Zudem gibt es Beispiele – etwa Kopenhagen und London –, wo der schnelle Stadtumbau kurzfristig ein massenhaftes Umdenken in der Bevölkerung ausgelöst hat.

Der ADFC betont: „Wir brauchen auf der Straße Fahrradboxen oder -häuschen auch für Familien, die Räder, aber kein Auto haben. Es ist ein gesellschaftliches Problem, dass ein Fahrzeug mit vier Rädern und Nummernschild selbstverständlich auf der Straße geparkt ist – aber geschütztes Parken für Fahrräder gibt es nicht.“

Der Städte- und Gemeindebund unterstützt die Forderung des ADFC nach mehr Geld für den Fahrradverkehr. „Wenn wir wirklich eine Umsteuerung bei der Mobilität wollen, sind 2,4 Milliarden Euro für den Radverkehr pro Jahr nicht viel Geld“, meint Vizepräsident Roland Schäfer. mafi

Mein Standpunkt
Marc Fisser
Von Marc Fisser

Wer Stadtbewohner massenhaft aufs Fahrrad bringen möchte, muss überzeugende Angebote machen. Die Abstellsituation stadtweit gravierend zu verbessern, ist ein wichtiger Aspekt. Doch beim Wegenetz ist Hameln noch immer nicht entscheidend vorangekommen. Beides muss stimmen, damit es funktionieren kann.



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