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Kettenreaktionen in der Nordstadt – und nun?

Hameln sieht rot – weil der Grüne Pfeil fehlt

Hameln. Manche sagen, er war neben dem Sandmännchen die beste Erfindung der DDR: der Grüne Pfeil. Er erlaubt das Rechtsabbiegen bei rotem Ampellicht. Zehneinhalb Jahre nach der Wiedervereinigung, am 20. März 2001, lernten die Autofahrer das kleine Verkehrsschild auch in Hameln kennen und sofort schätzen. Jetzt sehen die Leute am Steuer allerdings rot, weil einer der fünf grünen Freunde plötzlich verschwunden ist. So geschehen an der Kreuzung von Reherweg und Fischbecker Landstraße. Für alle, die es nicht wahrhaben möchten und die liebgewonnene Gewohnheit des freien Abbiegens beibehalten – davon gibt es offensichtlich viele –, haben die Mitarbeiter des Ordnungsamtes nun neben der Ampel ein Beerdigungsschild aufgestellt:

veröffentlicht am 02.12.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 14:21 Uhr

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Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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Ein rotes Kreuz ixt nun also den Grünen Pfeil aus. Das riecht nach einem Schilda der Schilder! Ein Hammer für Hamelner!

Für deutsche Verhältnisse ist es ausgesprochen unbürokratisch, nutzloses Warten an verwaisten Kreuzungen mit einem simplen grafischen Hinweis zu verkürzen. Ohne jede Elektronik, ohne Steuererhöhung oder Feiertagsstreichung. Nur wer ganz genau hinschaut, der bemerkt, dass es so unbürokratisch gar nicht zugeht. Denn neben den gern übersehenen Anweisungen für die Fahrzeuglenker – zu beachten haben sie vor allem das „Stop“ vor dem „Go“ – existiert eine lange Verwaltungsvorschrift. Sie reglementiert detailliert das Aufhängen des Grünpfeils. Recherchen der Dewezet im Paragrafendschungel zeigen nun jedoch: Die VwV zur STVO kann es nicht sein, die zum Schildchenschwund am Reherweg geführt hat.

In der Verwaltungsvorschrift zur Straßenverkehrsordnung wird unter Punkt „XI. Grünpfeil“ der freie Blick auf den Fahrzeugverkehr und die Fußgänger verlangt. Von rechts dürfen – und sei es unerlaubterweise – keine Radfahrer kommen. Durch Abbieger von der gegenüberliegenden Seite darf keine Gefahr ausgehen. Beim Rechtsabbiegen dürfen keine Schienen gekreuzt werden. Schulwege sind tabu. „An Kreuzungen und Einmündungen, die häufig von seh- oder gehbehinderten Personen überquert werden, soll die Grünpfeil-Regelung nicht angewandt werden“, heißt es außerdem. Oder zumindest seien die „Lichtzeichenanlagen dort mit akustischen oder anderen geeigneten Zusatzeinrichtungen auszustatten“. Die Straßenverkehrsbehörde ist verpflichtet, „das Unfallgeschehen regelmäßig mindestens anhand von Unfallsteckkarten auszuwerten“ – und bei einer Häufung von Kollisionen den Grünpfeil wieder zu entfernen, „soweit nicht verkehrstechnische Verbesserungen möglich sind“.

5 Bilder

Nichts in diesem Abschnitt der VwV spricht also gegen den Grünen Pfeil am Reherweg. Die Fachleute in der Ordnungsabteilung im Rathaus verweisen auf das vor Monaten von 50 auf 70 Stundenkilometer erhöhte Tempo auf der Fischbecker Landstraße. Sie haben die HAV zurate gezogen, die „Hinweise für das Anbringen von Verkehrszeichen und Verkehrseinrichtungen“. Es handelt sich quasi um die Bibel der Verkehrsbehördler, das Buch hat auch einen ähnlichen Umfang. Es heißt darin: „Der durch den Grünpfeil erreichbaren Verbesserung der Flüssigkeit des Verkehrs ist abwägend gegenüberzustellen eine mögliche Gefahrenerhöhung. Von den Grünpfeilschildern sollte daher zurückhaltend Gebrauch gemacht werden. Auf sie ist zu verzichten, wenn eine höhere Geschwindigkeit als 50 km/h erlaubt ist.“ Das liest sich wie eines der 10 000 Gebote, ist aber kein Gesetz, sondern der Kommentar der Autoren.

Jetzt muss

gebuddelt werden

Autofahrer auf der Bundesstraße 83 kommen jetzt also etwas schneller voran. Das könnte doch beinahe als ausgleichende Gerechtigkeit gesehen werden. Aber viele Anwohner auf den 900 Metern zwischen Fontanestraße und Reherweg halten diese Änderung für den eigentlichen Skandal. Protestunterschriften werden gesammelt. Bürgermeisterin Ursula Wehrmann (Grüne) setzt sich an die Spitze der Bewegung, die wissen will, wer hier eigentlich auf welcher Grundlage und mit welchen Gedanken entschieden hat. Denn Tempo 70 schaffe Gefahren an den unbeampelten Einmündungen, ängstige querende Fußgänger und Radfahrer, belästige die Anwohner mit mehr Lärm und verpeste stärker als bisher die Luft.

Die höhere Geschwindigkeit sei nötig, weil Hameln verkehrsschildtechnisch bereits an der Einmündung Fontanestraße endet, heißt es. Auf der linken Seite blickt der Autofahrer ab dort tatsächlich ins Grüne (oder Blaue, wegen der Weser), rechts freut er sich vielleicht, flott an der Discounterzeile vorbeizukommen. Weil Hameln hier also keine „geschlossene Ortschaft“ bildet, dürfte auf der Fischbecker Landstraße – der Name ist eben Programm – im Prinzip sogar 100 km/h gefahren werden. Die 70 wird somit von offizieller Seite als freundliches Zugeständnis an Anrainer gewertet, die in dem verkehrsrechtlichen Grenzgebiet leben.

Wenn Hameln Tempo 50 auf der B 83 wollte, dann gäbe es eine einfache Möglichkeit: Die Stadt versetzt ihr Ortsausgangsschild in Richtung Klärwerk. So denkt der Laie. Aber der Fachmann schüttelt sich, vor allem seinen Kopf: Laub, Schnee und Eis müssten auf dem betreffenden Abschnitt fortan auf Kosten der Stadt beseitigt werden. Will die das bezahlen? So wird nun überlegt, ob nicht der Bau von „Querungshilfen“ zumindest einige der Kritiker besänftigen könnte: Die Verkehrsinseln würden als Fluchthäfen für Passanten und Pedalritter fungieren.

Auch der bedauerte Grünpfeil-Verlust ließe sich ja durch Baumaßnahmen kompensieren. Für Rechtsabbieger könnte eine Spur rechts an der Ampel vorbei angelegt werden, zudem eine Einfädelspur an der B 83. Und wenn man schon dabei ist, Lösungen zu suchen: Wie wäre es mit einem Kreisverkehr an dieser Stelle? Wird er intelligent angelegt, müsste kaum noch jemand warten. Kreisel an Ortseingängen bewähren sich auch insofern, dass vor und hinter ihnen „ordentlich“ gefahren wird, wie Wissenschaftler beobachten. Drehwurm und Bleifuß passen einfach nicht zusammen. Kreisverkehrsplätze haben in Hameln jedoch bisher keine starke Lobby. Die hier lebenden Briten ziehen bald fort und können dann nicht mehr davon erzählen, wie in ihrer Heimat in zweispurigen Kreiseln vorbildlich Karussell gefahren wird. Der Hamelin Way, die Umgehungsstraße von Hamelns Partnerstadt Torbay, verbindet übrigens zwei große Exemplare solcher Kreisel.

Die Mehrheitsgruppe im Stadtrat – die unkonventionelle Verbindung aus CDU, Grünen und Unabhängigen – will sich heute mit den Beschwerden aus der Nordstadt befassen. Vielleicht forcieren sie dann – den engen Stadtetat im Blick – eine andere Art von Kreisverkehr, die preisgünstigste Lösung für Hameln: die Rückkehr zum Anfang.



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