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Lippmann: „Zahlen nicht nachvollziehbar“ / Landesamt weist Vorwürfe zurück

Hameln klagt gegen Ergebnis der Volkszählung

Hameln. Die Einwohnerzahl bedeutet für die Stadt Hameln nicht nur Ziffern in der Statistik, ihr Rückgang nicht nur eine Kränkung der städtischen Ehre – es geht ums Geld. Nach der Einwohnerzahl richtet sich die Höhe der Zuweisungen des Landes. Dass vor knapp einem Jahr die damals veröffentlichten Zensus-Daten die Anzahl der Hamelner nach unten korrigierten, hat Auswirkungen auf die Finanzen der hoch verschuldeten Stadt. Verwaltung und Politik wollen sich deshalb den statistischen Aderlass nicht gefallen lassen: Der Verwaltungsausschuss hat nun einmütig beschlossen, gegen das Ergebnis der Volkszählung zu klagen. „Die Zahlen des Zensus sind für mich nicht nachvollziehbar“, sagt Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann.

veröffentlicht am 23.05.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 08:41 Uhr

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Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Vor knapp einem Jahr waren die Zensus-Zahlen veröffentlicht worden. Die Stadt verzeichnet danach zum Stichtag 9. Mai 2011 genau 56 756 Einwohner – rund 2000 weniger als im amtlichen Melderegister verzeichnet und etwa 580 weniger als nach der bisherigen amtlichen Fortschreibung. „Es ist immer schmerzlich, Einwohner zu verlieren, aber letztlich wird Hameln seine starke Position im Weserbergland behaupten können“, gab sich Lippmann damals zunächst zuversichtlich. Nun klingt das anders: Die Stadt müsse handeln. Durch verringerte Schlüsselzuweisungen vom Land muss Hameln in diesem Jahr ein Minus von annähernd 200 000 Euro verkraften, bis 2016 soll es sich nach Berechnungen der Verwaltung auf etwa 400 000 Euro erhöhen.

Mehrere Faktoren lassen die Rathaus-Chefin am Bevölkerungsschwund zweifeln. So sei das Verfahren des Landesamtes für Statistik (LSN) „völlig intransparent“. Alle Versuche, die Differenz zwischen den Zensusdaten und dem amtlichen Melderegister zu klären, seien gescheitert. Zwar habe das Landesamt der Stadt Mitte Januar Akteneinsicht gewährt und einen Teil der erbetenen Daten offengelegt. Wesentliche Bestandteile wie das Anschriften- und Gebäuderegister seien jedoch zurückgehalten worden.

Das Landesamt für Statistik (LSN) weist die Kritik aus Hameln zurück: Es habe „unter Beachtung der gesetzlich vorgeschriebenen statistischen Geheimhaltung“ das Verfahren transparent dargestellt. Diese Nachvollziehbarkeit ende jedoch, „sobald statistische Einzeldaten, die nicht anonymisiert waren“ – etwa konkrete Personen aus dem Melderegister – betroffen seien, heißt es aus Hannover.

Größere Gemeinden – größere Verluste

Im Unterschied zu einer klassischen Volkszählung gehen die Statistiker beim Zensus von einer Stichprobe aus und rechnen diese hoch. Bundesweit sollten beim Zensus 2011 im Durchschnitt zehn Prozent der Einwohner befragt werden, in Hameln lag der Wert bei knapp acht Prozent. In kleineren Gemeinden ist nach Informationen der Stadt jedoch kein Stichproben- und Hochrechnungsverfahren durchgeführt worden, hier habe man die betreffenden Einwohner bei Unstimmigkeiten direkt befragt. „Dieser Unterschied der Erhebungsmethoden führt dazu, dass Städte mit mehr als 10 000 Einwohnern durch den Zensus prozentual höhere Verluste hinnehmen müssen als kleinere Gemeinden“, kritisiert Lippmann. Ein Zensus-Test 2001 habe gezeigt, entgegnet das LSN, „dass die Qualität der Einwohnermelderegister in Gemeinden mit weniger als 10 000 Einwohnern tendenziell besser ist als in Gemeinden mit 10 000 oder mehr Einwohnern“. Deshalb, heißt es weiter, „war es nicht überraschend, dass mit den Zensusergebnissen die Korrekturen der Bevölkerungszahlen in kleinen Gemeinden geringer ausfielen als in großen Gemeinden“.

Die Kritik der OB geht aber noch weiter: Das mit dem Zensus 2011 angestrebte Qualitätsziel, in der Statistiker-Sprache ausgedrückt durch den „einfachen relativen Standardfehler“ von maximal 0,5 Prozent, sei bei 70 Prozent der niedersächsischen Kommunen nicht erreicht oder zum Teil erheblich überschritten worden. Für Hameln werde ein Standardfehler von 0,56 Prozent ausgewiesen. „Die vorliegenden landesweiten Ergebnisse zeigen mir jedoch, dass die Ergebnisqualität des Zensus 2011 generell in Frage gestellt werden muss“, sagt Lippmann. Auch das sieht das Landesamt anders: Die Einhaltung des Qualitätsziels sei nicht verbindlich gewesen, „weil die Informationen, die hierfür im Vorfeld notwendig gewesen wären, erst im Nachhinein als Zensusergebnis vorlagen“.

40 Städte und Gemeinden allein in Niedersachsen haben angekündigt, gegen die Ergebnisse klagen zu wollen. Susanne Lippmann ist vorsichtig bei der Einschätzung der Erfolgschancen: „Wir betreten hier absolutes Neuland.“ Wie lange sich der Rechtsstreit hinziehen werde, lasse sich nicht abschätzen.



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