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Hameln ist ab Freitag Treffpunkt der Gothic-Szene / Ein kleiner Reiseführer für die schwarze Welt

Hameln ist ab Freitag Treffpunkt der Gothic-Szene

Hameln. Es ist keine Farbe, sondern das Fehlen von Licht: Schwarz. Wenig Licht, viel Dunkelheit – das gehört in der Gothic-Szene dazu und somit auch Schwarz. Viel davon wird an diesem Wochenende in Hameln unterwegs sein, wenn mehr als 2000 Fans zum „Autumn Moon“-Festival und zum Halloween-Market an der Weser pilgern. Gothic, Metal, Mittelalter, Folk und alles dazwischen wird bei den über 40 Konzerten zu hören sein – und eben

veröffentlicht am 29.10.2015 um 18:53 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 12:46 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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auch zu

sehen. Einer, der die Szene gut kennt und sie selbst mitgeprägt hat, ist Bruno Kramm.

Er ist entweder bunter Hund oder „normaler Familienvater“, wie Kramm selbst sagt, mittlerweile 47 Jahre alt und ein „Urgestein des Gothics“. Mit den Sängern von den „Lakaien“ (eigentlich „Deine Lakaien“), die heute Abend in der Rattenfänger-Halle auftreten, ist er befreundet, seine erste Band war Fahrenheit 451, heute gehört er zu Das Ich, er ist Produzent, seit fast einem Jahr zudem Vorsitzender der Piratenpartei Berlin, trägt immer einen markanten Bart und manchmal statt gesellschaftstauglicher Frisur knallrote Teufelshörner. Schwarze Haare gehörten mitnichten zum klassischen Gothic-Outfit dazu – eher dürfe es inzwischen durchaus ausgefallen sein: Pink, leuchtend blau, zum Beispiel.

Die Gothic-Szene habe sich stark gewandelt, doch einige Elemente gehörten dann doch häufig zur Standardausrüstung. Hier eine kleine Checkliste für alle, die sich darin versuchen wollen:

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  • Bruno Kramm im normalen Leben (li.) und auf der Bühne. Wikipedia
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  • Bruno Kramm im normalen Leben (li.) und auf der Bühne. Wikipedia
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Ausgefallene Haarfarbe.

Witzige Haarschnitte, „viele Undercuts, aber dann richtige Undercuts, so die eine Seite hoch, und an anderer Stelle richtig abrasiert“.

Deutliche Schminke mit dunklen Augen.

Gefärbte Kontaktlinsen.

Materialien aus dem „Bondage- und Fetischbereich“, sprich alles rund um (gespielte) Knechtschaft, Lack und Leder. „Netz und Transparentes“ gehörten dazu und oft Springerstiefel.

Accessoires wie Schnallen, Nieten, Ketten.

Gerne auch Körperschmuck in Form von Piercings und/oder Tattoos.

Wem also am Wochenende jemand mit Halsband und Kette entgegenkommt: Das ist normal. Als Ausdruck der persönlichen sexuellen Fantasien sei das jedoch weniger zu sehen denn als Ausdruck der eigenen Kreativität. „Viele verkleiden sich einfach nur gerne und haben auch ihre Outfits selbst gebastelt“, sagt Kramm. „In der schwarzen Szene gibt es keine Regel mehr, „keinerlei Zwänge“, nur den einen: Sich auszudrücken. Und vielleicht noch, sich abzugrenzen. Früher vom großen Rest der Gesellschaft, heute dann vielleicht auch schon mal von dem Mainstream innerhalb der Szene. Denn „Gothic“ habe spätestens, aber nicht erst, seit der One-Man-Band „Unheilig“ einen „Riesenaufschwung in der Popkultur“ erfahren. Selbst für die Mode muss keiner mehr in extravaganten Boutiquen shoppen, sondern bekommt sein komplettes Outfit „bei H&M“, beschreibt Kramm den Wandel.

Anders als zu Beginn in den 80er Jahren, könnten heute die Anhänger der Szene ihre Vorlieben durchaus auch offen zeigen. „Der Bänker vielleicht nicht“, aber heute mit Piercing und gruftigen Klamotten rumzulaufen, ist heute normaler als vor 30 Jahren. Dieses „Normal“ wird von heute bis Sonntag weithin zu sehen sein. „Ich wünsche Hameln viel Glück mit dem Festival – das ist eine tolle Sache. Und nicht einfach, weil es schon so viele Festivals gibt“, sagt Bruno Kramm. Er selbst wird diesmal zwar nicht dabei sein, empfiehlt aber seine Spezies wärmstens: „Bei solchen Festivals gibt es lauter nette, friedfertige Menschen, keine besoffenen Schnapsleichen – das ist toll.“ Und die Kinder, die nichts ahnend mit ihren Eltern über den Halloween Market schlendern und mit merkwürdigen Gestalten konfrontiert werden, würden keinen Schreck kriegen und Schaden nehmen, ist Kramm sich sicher: „Die meisten Kinder haben viel Spaß daran und finden das Schminken und Verkleiden als ganz natürliches Ding.“

Autumn Moon mit Halloween-Markt: Freitag, 30 Oktober, bis Sonntag 1. November. Heute ab 14 Uhr. Infos unter autumn-moon.de.

Info: Schwarze Szene

Die Gothic-Bewegung entwickelte sich Ende der 1970er Jahre aus der englischen Punk- und New-Wave-Szene. „Gothic“ bezeichnete zunächst vor allem den besonders düsteren Musikstil einzelner Rockbands wie The Cure, The Damned oder The Sisters of Mercy. In ihren Texten beschäftigten sie sich oft mit Themen wie Tod und Vergänglichkeit. Schwarze Kleidung, weiß geschminkte Gesichter, auffälliger Silberschmuck und schrille Frisuren prägten das äußere Erscheinungsbild der Gothic-Fans. Heute ist oft als Oberbegriff von der „Schwarzen Szene“ die Rede. Darunter sammeln sich – etwa, was musikalische Vorlieben angeht – ganz unterschiedliche Strömungen von Elektropop und Techno über mittelalterliche Klänge und Folk bis zu Punkrock. Eine Vielfalt, die sich an diesem Wochenende auch im Programm von Autumn Moon niederschlägt. Die Farbe Schwarz bleibt mit all ihrem Symbolwert gemeinsamer Nenner der Szene – als Ausdruck von Ernsthaftigkeit, Mystik, Trauer.



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