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Weihnachtsmarkt sorgt für Boom bei den Besucherzahlen / Scanner zählten täglich 30 000 Menschen

Hameln im Visier von Laser-Augen

HAMELN. „Big Brother is watching you“– der Slogan aus Orwells berühmtem Roman „1984“scheint in Hameln Realität geworden zu sein. Kein Passant bewegt sich seit Mitte dieses Jahres mehr unbemerkt durch die Innenstadt. Laserscanner erfassen jede Bewegung in der Einkaufsstraße und registrieren alle Besucher.

veröffentlicht am 29.12.2017 um 14:06 Uhr
aktualisiert am 29.12.2017 um 19:22 Uhr

An vier Standorten in der Hamelner Altstadt werden die Passanten per Laserscanner erfasst. So möchte das Stadtmarketing die Zahl der Besucher ermitteln und Auskunft über die Attraktivität der Einkaufsstraßen erhalten. Foto: dpa
Dr. Guido Erol Hesse-Öztanil

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Guido Erol Hesse-Öztanil Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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„Man muss sich das wie einen unsichtbaren Vorhang vorstellen, der über die Straße gespannt ist. Wenn jemand diese Schranke passiert, wird das registriert“, erklärt Stadtmanager Dennis Andres. Doch der Vergleich mit Orwells düsterer Vision von einem Überwachungsstaat hat mit Blick auf Hameln schnell seine Grenzen. Kein Gesicht werde gefilmt, keine Person als Videoaufzeichnung festgehalten oder gar gespeichert. Dazu seien die Geräte gar nicht in der Lage, versichert Andres. Die digitalen Beobachter sind vielmehr ein wichtiges Instrument zur Ermittlung der Passantenfrequenz.

Immer mehr Städte machen davon Gebrauch, um so Aussagen über die Anziehungskraft einer Straße beziehungsweise über sogenannte Points of Interests (POIs) zu erhalten. An vier Standorten – Oster- und Bäckerstraße sowie Emmern- und Ritterstraße – wurden die von der Weseler Firma „Lase PeCo-Systemtechnik“ gemieteten Scanner in Hameln installiert. Es liegt auf der Hand, dass die Geräte nicht die tatsächliche Besucherzahl ermitteln, sondern eine Person durchaus mehrfach erfassen – sooft sie eben das Laserauge passiert. Was bei der Ermittlung von Besucherzahlen etwa bei Veranstaltungen durchaus berücksichtigt wird. Auch die Richtungen können separat betrachtet werden. Durchs Netz der Zählung fallen allerdings die Besucher der Stadtgalerie. „Wenn jemand das Einkaufszentrum verlässt und sich nur um das Hochzeitshaus herum bewegt, wird das nicht erfasst“, erklärt Andres.

Die ersten Ergebnisse der Zählungen bestätigen bisherige Einschätzungen, halten aber auch Überraschungen parat. Die Bäckerstraße, so die Auswertung einer beliebig gewählten Woche im September, ist der am stärksten frequentierte Bereich: Am 16. September wurden hier bis zu 22 000 Personen gezählt. Es folgten an diesem Tag die Osterstraße mit 17 000 und die Ritter- und Emmernstraße mit bis zu je 9000 Personen. „Bei Veranstaltungen oder einem verkaufsoffenen Sonntag können diese Zahlen enorm ansteigen. Die hohe Frequenz bei Veranstaltungen hat mich schon überrascht“, so Andres. So ließ beispielsweise das Pflasterfest im August die Besucherfrequenz am Samstag (25. August) in der Bäckerstraße auf 58 000 hochschnellen. „Selbst bei dem Autumn-Moon-Festival, das gar nicht in der Innenstadt stattfindet, steigen die Werte deutlich an.“ Im November verringerte sich die Besucherfrequenz in der Innenstadt, was der Stadtmanager auch auf einen fehlenden Publikumsmagneten zurückführt und daraus ableitet: „Wenn man merkt, dass ein Monat abfällt, muss über eine weitere Aktion nachgedacht werden, um den Handel zu stärken.“

Geradezu „verblüffend“ nennt Andres die Entwicklung der Besucherströme in diesem Monat (Dezember). „Mit dem Start des Weihnachtsmarktes (27. November) verdoppelten sich die Frequenzen in den Haupteinkaufsstraßen.“ In der letzten Weihnachtsmarktwoche stiegen die Zahlen nochmals deutlich an: So wurden zuletzt täglich über 30 000 Menschen gezählt, die sich in Richtung Weihnachtsmarkt bewegten, an den Samstagen waren es fast doppelt so viele (gezählt werden nur die Passanten, die auf das Weihnachtsmarktgelände gehen, beim Verlassen bleiben diese unberücksichtigt).

Die Dezemberzahl von insgesamt über 1,7 Millionen Zählungen ist jedoch nicht mit der Besucherzahl des Weihnachtsmarktes gleichzusetzen, wie der Stadtmanager betont. Es wird nur die allgemeine Frequenz in den Einkaufsstraßen dokumentiert. Die genauen Zahlen zum Weihnachtsmarkt werden erst Mitte Januar vorliegen. Doch soviel lässt sich jetzt schon sagen: „Wir hatten die Besucherzahlen des Weihnachtsmarktes bisher deutlich niedriger eingeschätzt, insofern wird trotz vieler Regentage deutlich: Der Weihnachtsmarkt ist das Frequenz-Zugpferd für die Hamelner Einkaufsstadt und muss gehegt und gepflegt werden“, betont Andres.

Die statistische Auswertung legte auch offen, dass sich der Samstagnachmittag als Einkaufszeit gut etabliert hat. Hier fällt allerdings die Emmernstraße aus dem Rahmen. Weil dort die Geschäfte deutlich früher am Samstag schließen, ebbt entsprechend dann auch der Besucherstrom ab. Die anderen Straßen profitieren dagegen von ihren längeren Öffnungszeiten. Andres sieht Gesprächsbedarf, alte Zöpfe gilt es abzuschneiden. „Kaum zu glauben, es gibt sogar noch vereinzelte Geschäfte, die Mittagspause haben.“ Eine weitere ernüchternde Feststellung: Abends veröden die Einkaufsstraßen. „Dass ab 20 Uhr so wenig los ist in der Stadt, hätte ich nicht erwartet“, räumt Andres ein.

Der besucherstärkste Tag, der bislang ermittelt wurde, war der 26. August (Pflasterfestwochenende) mit einer Gesamtfrequenz von 136 736. Am 12. November, einem Sonntag, passierten lediglich 7077 Besucher die Laserschranke – das bedeutet bisheriger Keller-Rekord. Vergleicht man einen „guten Samstag in der Bäckerstraße mit einer der Top-Einkaufsstraßen in Deutschland“, dann müsse sich Hameln nach Andres nicht verstecken. 2600 Passanten werden auf der Bäckerstraße stündlich gezählt, auf der Kaufingerstraße in München waren an einem Durchschnittssamstag 13 400 Passanten unterwegs. Der Vergleich hinkt natürlich, dennoch sei „das für ein Mittelzentrum wie Hameln ein Top-Wert und spiegelt die hohe Zentralität der Stadt wider“.

Alles nur Zahlenspielerei? Keineswegs, entgegnet Hamelns Stadtmanager. Mit der Zählung können Passantenströme präzise ermittelt und die Auswertung potenziellen Mietern und Investoren präsentiert werden. „Für das Flächenmanagement ist es wichtig, diese Zahlen zu haben. Nicht die Kaufkraft ist entscheidend für eine Standortentscheidung, sondern vor allem die Besucherfrequenz“, erklärt Andres. Noch interessanter wird es, wenn man die Entwicklung über mehrere Jahre verfolgen und Vergleiche ziehen kann.

Fünf Jahre lang werden die Laserscanner Hamelns Innenstadt abtasten. Die Miete pro Gerät beträgt 100 Euro monatlich. Ein Manko gibt es allerdings: Ob die Besucher zufrieden nach Hause gehen, darüber können die Geräte freilich keine Auskunft geben.

Kaum zu glauben, es gibt sogar noch vereinzelte Geschäfte, die Mittagspause haben.

Dennis Andres, Stadtmanager

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