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Gründliche Untersuchung der Tragkonstruktion hat es nie gegeben / Politik war nicht informiert

Halle Nord: Verwaltung nahm „Restrisiko“ hin

Hameln (ni). Einen Bruder Leichtsinn zählen Rathäuser in der Regel nicht zu ihren Verwandten. Behörden sichern sich lieber zehnfach ab, als einmal alle fünfe gerade sein zu lassen. Doch bei der Sporthalle Nord hat die Stadt Hameln offenbar darauf verzichtet, diese Verwaltungsarithmetik zur Grundlage ihres Handelns zu machen. Drei Jahre lang schrieb sie die Empfehlung des Gutachters in den Wind, sich Gewissheit über die Standsicherheit des Gebäudes zu verschaffen – und ließ während dieser Zeit Schulkinder dort turnen, Vereinssportler trainieren und Zuschauer Platz auf der Tribüne nehmen. Erst die Mehrheitsgruppe aus CDU, Grünen und Unabhängigen im Hamelner Rat machte dem zumindest riskanten Spiel ein Ende.

veröffentlicht am 22.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 18:21 Uhr

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Seit Dezember 2008 ist in der Verwaltung aktenkundig, dass die Halle Nord eklatante Mängel aufweist. Ein Gutachten attestiert dem Gebäude, Baujahr 1965, nicht nur völlig überalterte technische Anlagen und eine genau so unzureichende Isolierung, sondern stellte wegen der vorgefundenen Feuchtigkeitsschäden auch die Stabilität der Holz-Tragkonstruktion infrage. Wörtlich heißt es: „Eine belastbare Aussage über die gesamte Tragkonstruktion kann jedoch erst nach dem Entfernen der Verkleidungen getroffen werden. Es ist jedoch zu prüfen, ob die Spanplatten im Dachbereich, die durch Undichtigkeiten häufiger durchfeuchtet wurden und daher aufquellen, ihre statische Funktion als Aussteifungsscheibe noch erfüllen. Sollte diese Scheibenwirkung teilweise nicht mehr vorhanden sein, ist die Standsicherheit des Gebäudes gefährdet.“

Das Entfernen der Verkleidungen hat nie stattgefunden. Die Stadt Hameln erklärt auf eine entsprechende Anfrage der Dewezet, nach Erstellung des Gutachtens habe „von städtischen Mitarbeitern mit technischer Ausbildung eine in Augenscheinnahme der Tragkonstruktion stattgefunden“. Auch ein Sachverständiger für Holzschutz habe die Konstruktion beurteilt. Die Ergebnisse hätten „keinen Anlass für eine statische Gefährdung erkennen lassen“. Erst Anfang dieses Jahres wurde ein Statiker beauftragt, sich die Halle anzusehen. Sein Urteil ist nahezu deckungsgleich mit der gutachterlichen Aussage von vor drei Jahren: „Es ist jedoch ohne das Freilegen der gesamten aussteifenden Unterkonstruktion nicht möglich, eine Aussage über eine Gefährdung der Standsicherheit des Gebäudes zu tätigen … An Stellen, wo bereits Feuchtigkeitsflecken zu erkennen sind, sollte die Decke freigelegt und die durchfeuchtete Spanplatte ebenfalls ersetzt werden. An Stellen, wo keine Feuchtigkeitsflecken zu erkennen sind, ist davon auszugehen, dass die Spanplatten konstruktiv in Ordnung sind. Ein gewisses Restrisiko kann jedoch nicht ausgeschlossen werden.“

Mit diesem Restrisiko hat sich die Verwaltung arrangiert. Als Rechtfertigung dient ihr der Hinweis des Statikers, „das Freilegen der gesamten Unterkonstruktion“ stehe „vom Aufwand her in keinem Verhältnis zum Ergebnis“. Um den Betrieb in der Halle auch weiterhin aufrechterhalten zu können, schlug die Verwaltung der Politik im Februar nicht etwa eine gründliche Untersuchung der Tragkonstruktion vor, sondern statt dessen eine Investition in die Brandschutzanlagen des Gebäudes. Hier nachzubessern, hatte der Landkreis nach einer Inspektion Ende 2011 angemahnt.

Erst im Zusammenhang mit der Brandschutzproblematik ist der Politik das Gutachten von 2008, das laut Verwaltung auch Oberbürgermeisterin Susanne „nicht bekannt“ war, überhaupt zur Kenntnis gelangt. „Wie vom Donner gerührt“ sei sie gewesen, als sie darin lesen musste, dass die Standsicherheit des Gebäudes möglicherweise nicht mehr gegeben sei, sagt die Fraktionschefin der Grünen, Ursula Wehrmann. Und geradezu „fassungslos“ hat es auch ihren Gruppenpartner und CDU-Fraktionvorsitzenden Claudio Griese gemacht, dass die Verwaltung es in den vergangenen drei Jahren offensichtlich nicht für nötig hielt, die offene Sicherheitsfrage durch eine grundlegende Untersuchung der Halle zu klären. Als die Mehrheitsgruppe bei der Haushaltsklausurtagung Mitte Februar vom zuständigen Fachbereichsleiter Volker Mohr und von Lippmann wissen wollte, ob sie die Verantwortung für die Sicherheit der Halle übernehmen, haben laut Wehrmann „beide mit Nein geantwortet“. Und dieses Nein mit dem Hinweis auf die Aussage des Statikers begründet, wonach erst die Entfernung aller Verkleidungen Gewissheit in dieser Frage bringen könne. Für die Mehrheitsgruppe war damit das Maß voll. Sie verlangte die sofortige Schließung der Halle Nord. Mit dem Thema Neubau befassen sich heute ab 17 Uhr die Mitglieder der für Schulen und Stadtentwicklung zuständigen Ausschüsse in einer gemeinsamen Sondersitzung in der Mensa des Schiller-Gymnasiums.



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