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Stadt lässt an Fronleichnam Fugen neu verschlämmen

Händler sauer, Kunden verwundert: Schlam(m)assel am Lippertag

HAMELN. Fassungslosigkeit und Besen machen sich an diesem Donnerstagmorgen in der Osterstraße breit - Einzelhändler, die schon um 9 Uhr ihre Geschäfte öffnen, sind dabei, den Schotter vor ihren Eingangstüren irgendwie in die Fugen zu fegen. „Die sind doch bekloppt“ - darin sind sich die Anwesenden einig.

veröffentlicht am 15.06.2017 um 09:37 Uhr
aktualisiert am 15.06.2017 um 18:30 Uhr

Berthold Nabrotzky vom Spielzeugladen „Timmi“ wundert sich, warum das Mineralgemisch nicht früher am Tag verteilt wurde. „Um 6 Uhr ist es doch schon hell - hätte man doch dann machen können.“ Foto: bha
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9 Uhr, Osterstraße, vereinzelt macht sich noch Verwunderung breit, während einige Meter schon die Fassungslosigkeit Oberwasser hat: „Die sind doch bekloppt!“, „Das gibt’s doch nicht!“ oder nur ein entsetztes „Ey! Nee, nä?“ Die Einzelhändler können kaum glauben, was sich ihnen an diesem Morgen vor ihren Geschäften präsentiert: Ein feucht-sandiges Mineralgemisch – soweit das Auge reicht, verteilt auf den Steinen, über die ganze Breite der Fußgängerzone, hier in kleinen Häufchen, dort auf größerer Fläche.

Ausgerechnet heute, am „Lippertag“, der für die Einzelhändler einer der umsatzstärksten Tage im Jahr ist. Ausgerechnet diesen 15. Juni, an dem die Nordrhein-Westfalen nach Niedersachsen wechseln, weil ihnen „Fronleichnam“ einen freien Tag beschert, hat die Stadtverwaltung ausgewählt, um die Fugen in der Fußgängerzone nachschlämmen zu lassen.

Berthold Nabrotzky, Inhaber des Spielzeugladens Timmi, hat, wie auch seine Nachbarn, zum Besen gegriffen, um den Weg zum Eingang für Kunden einigermaßen gut begehbar zu machen. „Warum hat man das nicht heute Morgen um sechs Uhr gemacht“, fragt er. „Da ist es doch auch schon hell …“ Hat man, wie es später aus dem Rathaus heißt – allerdings in der Bäckerstraße. Dort sind die Arbeiten erledigt, als die Geschäfte öffnen.

Nicht in der Osterstraße. „Unmöglich“, sagt Gudrun Paul vom gleichnamigen Waffengeschäft. „Das hätte man doch vor der Geschäftsöffnung machen können.“ Ihre Mitarbeiterin überlegt derweil, ob sie den Staubsauger einfach vorne neben der Tür platziert, um zwischendurch mal schnell den Teppich saugen zu können. Gegenüber setzt gerade das Fahrzeug zurück, das mit Sprühwasser und rotierender Bürste die graue schlammige Oolith-Masse in die Fugen kehren soll, fährt wieder vor, setzt zurück und bietet als großes, fahrendes Hindernis eine weitere Herausforderung für Passanten.

Bei „Curry’s“ ist der glatte Boden zu diesem Zeitpunkt schon voller grauer, staubiger Fußabdrücke. Hinter der Theke staunen Sabine Wehrmann und Veronika Stille über den Zeitplan der Stadt, die Arbeiten an diesem Tag ausführen zu lassen. „Geht gar nicht“, sagt Wehrmann und spricht laut aus, was manchem an diesem Vormittag durch den Kopf schießt: „Wer denkt sich so was aus?“

Das hat sich auch Dennis Andres gefragt. Als Stadtmanager ist er nahezu dauerhaft im Einsatz, um Menschen nach Hameln zu locken – und sie zufrieden wieder nach Hause zu entlassen. Einzelhändler hätten sich gleich morgens bei ihm gemeldet, nachdem sie die Bescherung in der Fußgängerzone gesehen hatten. Weil derart offensichtlich ist, dass es blöder kaum hätte laufen können, fällt Andres’ Kommentar leise aus: „Ich freue mich natürlich nicht.“

Wer mit geschlossenen Schuhen unterwegs ist, hat Glück – darunter bleibt die Masse nur kleben. Mit Sandalen sieht es schon anders aus. Sabine Wittig aus Lemgo kann ein Lied davon singen. „Sehr gewundert“ habe sie sich über das Bild, das sich ihr und ihrer Familie an diesem Vormittag bietet. „So sieht es doch in Hameln sonst nicht aus“, sagt sie. Dass Hameln sich auf diese Weise nicht gerade von seiner besten Seite zeigt, findet Federico Sacchet vom Eiscafé Mosena, was wenige Meter weiter von Dennis Mönckemeyer, der sich mit einem Besen selbst ans Verteilen der Fugenmasse gemacht hat, ähnlich gesehen wird: „Warum heute? Das wirft kein gutes Licht auf Hameln.“

Und? Wer hat sich das denn nun ausgedacht? Im Rathaus gibt man sich schuldbewusst und entwaffnend offen: „Das ist uns allen durchgerutscht“, sagt Sprecher Thomas Wahmes. „Wir haben diesen Lippertag komplett nicht auf dem Schirm gehabt.“ Niemals „hätten wir das heute gemacht“, wenn dem Mitarbeiter bei der Planung denn aufgefallen wäre, dass es Fronleichnam ist, wisse man doch um die Bedeutung des Tages für den Einzelhandel und die Besucher selbst. Um die Arbeiten einzustellen, sei es zu spät gewesen – „da muss weitergearbeitet werden“. „Heute Mittag wird man durch sein“, stellt Wahmes in Aussicht, bevor der eigentliche Ansturm komme.

Die gröbsten Haufen und Schotterflächen waren dann gegen Mittag tatsächlich verschwunden, dank einiger tatkräftiger Männer. Später zeugte vor allem die graue, nasse Spur in der Mittelrinne noch von dem Schlam(m)assel am Vormittag.

Mein Standpunkt
Birte Hansen
Von Birte Hansen-Höche

Oh! Mann! Eine dicke rote 15 prangt von den meisten Wandkalendern. Da darf man im Rathaus bei Terminplanungen dieser Art schon mal drüber stolpern. Der Fairness halber: Viele haben die städtische Ankündigung der Arbeiten in der Zeitung gelesen – gemeldet hat sich im Vorfeld keiner. Hoffen wir, dass „die Lipper“, alle Passanten und Kaufleute einen schönen Tag in Hameln hatten, trotz des Schlam(m)assels.

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