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Krisenforscher Frank Roselieb zu alternativen Wahrheiten und Sichtweisen

Haben wir eine Fake-News-Krise?

Die Presse, der Journalismus, die Medienwelt – was darf man darunter verstehen? Begriffe wie Pressefreiheit, Recherche, Nachrichten, Information und Wahrheit scheinen durch Schlagworte wie Lügenpresse, Fake News und alternative Fakten in Gefahr zu geraten. Unsere Zeitung macht ihr tägliches Tun für einen Monat zum öffentlichen Serienthema: den Journalismus. Heute gehen wir der Frage nach, ob Fake News Krisen auslösen können. Gesprächspartner ist Krisenforscher Frank Roselieb.

veröffentlicht am 07.05.2017 um 19:33 Uhr
aktualisiert am 13.06.2017 um 14:34 Uhr

Krisenforscher Frank Roselieb: „Fake News sind weder ein neues noch ein aktuell zunehmendes Phänomen.“ Foto: dpa
Matthias Aschmann

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Matthias Aschmann Reporter / Newsdesk zur Autorenseite

Obama ist ein Muslim“, „Merkel tritt im Oktober zurück“, „Papst unterstützt Trump“ – Schlagzeilen wie diese kursierten vielbeachtet und tausendfach geteilt in den Sozialen Netzwerken. Was diese Schlagzeilen gemeinsam haben? Sie sind allesamt frei erfunden, neudeutsch Fake News. Haben wir eine Fake-News-Krise? Krisenforscher Frank Roselieb sagt „Nein“. Als Ableger der Universität Kiel erfasse sein Institut für Krisenforschung rückwirkend seit 1984 alle öffentlich gewordenen Krisenfälle auf deutschsprachigem Boden. Ein Blick in die Datenbanken zeige schnell, dass Fake-News weder ein neues Phänomen noch ein aktuell zunehmendes Phänomen sind. „Früher nannte man so etwas einfach ,unwahre Tatsachenbehauptung‘“, so Roselieb.

Fake News seien zudem keineswegs nur ein Kampfmittel der außerparlamentarischen Opposition im Meinungswettbewerb. Sie würden auch gerne von etablierten Parteien eingesetzt. Roselieb erinnert an gleich mehrere Fälle, in denen Ministerpräsidenten wegen enttarnter Fake News ihre Posten räumen mussten. 1987 habe Schleswig-Holsteins CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel Journalisten gegenüber eine „Ehrenwort“-Pressekonferenz gegeben, deren Aussagen sich kurze Zeit später als in Teilen falsch erwiesen hätten. Sein Nachfolger, Björn Engholm (SPD), sei 1993 ebenfalls zurückgetreten, nachdem im Untersuchungsausschuss zur Barschel-Affäre „einige recht mutige Aussagen getätigt wurden, die sich so nicht bestätigen ließen“. Die Medien hätten damals von „gebeugter Wahrheit“ gesprochen. Heute würde man wahrscheinlich von „alternativen Fakten“ sprechen.

In der empirischen Krisenforschung unterscheide man drei Arten von Krisenfällen: bilanzielle Krisen (Pleiten), operative Krisen (Störungen) und kommunikative Krisen (Skandale). Insbesondere bilanzielle Krisen und kommunikative Krisen seien seit jeher anfällig für Fake News, sagt der Krisenforscher und nennt ein Beispiel: „Im März 1997 tauchte in einem Chatroom im Internet das – frei erfundene – Gerücht auf, der US-amerikanische Modedesigner Tommy Hilfiger habe in der Fernsehsendung Oprah-Winfrey-Show gesagt: ,Wenn ich gewusst hätte, dass so viele schwarze und farbige Einwanderer meine Mode kaufen, hätte ich mir weniger Mühe gegeben.‘ Daraufhin sei er – so das Gerücht – von der Gastgeberin des Studios verwiesen worden. Doch der Modedesigner ist niemals als Gast in der Show aufgetreten. Die Öffentlichkeitsarbeiter von Tommy Hilfiger verschickten sofort Richtigstellungen an die Medien und platzierten auch in Diskussionsforen im Internet entsprechende Stellungnahmen. Zunächst hat diese offene und zeitnahe Kommunikation Erfolg. Doch ein Jahr später flammte das Gerücht erneut auf – diesmal in Form von elektronischen Kettenbriefen inklusive Boykottaufruf.“ Trotz intensiver Anstrengungen des Unternehmens verbreite sich die Legende bis heute weiter im Internet.

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Dennoch: Die Bedeutung von Fake News im öffentlichen Raum wird aus Roseliebs Sicht deutlich überschätzt. „Wenn Politiker heute schon wissen wollen, dass beispielsweise die Bundestagswahl im September 2017 möglicherweise durch Fake News beeinflusst wird, stellt sich die Frage: Wieso?“ Genauso gut könnte die Bundestagswahl durch einen frühen Herbststurm oder einen landesweiten Strom-Blackout gefährdet sein. „Wir wissen es einfach heute noch nicht“, betont der Krisenmanager.

Zumindest bei Fake News hätten nun auch US-amerikanische Wissenschaftler Entwarnung gegeben. In einer aktuellen Studie der Stanford University und New York University sei kein signifikanter Einfluss von Fake News auf die Nicht-Wahl von Hillary Clinton ermittelt worden. Es sei schlicht die analoge Demokratie gewesen, die Hillary Clinton den Wahlsieg gekostet habe.

Zeitungen werden als Lügenpresse bezeichnet, die AfD will die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender abschaffen. Stellt sich die Frage, ob wir eine Medienkrise haben. Laut Roselieb haben wir in erster Linie eine Kompetenz- und Transparenzkrise. Einerseits fehle es dem Leser und Zuschauer oft an Medienkompetenz. Ohne nähere Erläuterungen könne er nur schwer einschätzen, warum ein Beitrag über Migrantenkriminalität nicht immer auf der Titelseite erscheint. Roselieb: „Diesen mag er möglicherweise persönlich für wichtig halten. In der Gesamtschau war es aber eben nur ein Delikt von gut einem Dutzend Gewaltdelikten der vergangenen Nacht. Einige Erklärzeilen zur Nachrichtenauswahl könnten ihm hier vielleicht helfen.“

Andererseits stelle sein Institut bei Medienberichten oft eine fehlende „Zweiseitigkeit“ fest. Selbst große Medienhäuser in Deutschland hätten beispielsweise im Zuge des US-Wahlkampfs auffallend schnell und auffallend einheitlich in das „Good-girl-bad-boy-Spiel“ zwischen der „guten“ Hillary Clinton und dem „bösen“ Donald Trump eingeschwenkt. Das sei weder fair noch zielführend gewesen, wie spätestens in der Wahlnacht deutlich geworden sei.

Und wie gewinnen Medienhäuser Vertrauen nun zurück, Vertrauen, das sie eigentlich gar nicht verloren haben dürften, wenn sie denn sauber und korrekt gearbeitet haben? Dem (echten) Vertrauensverlust von Medien vorgelagert ist laut Roselieb zumeist ein (echtes) Medienversagen. Davon spreche man in der Krisenforschung dann, wenn Journalisten bewusst nicht, bewusst unvollständig oder bewusst falsch über einen Sachverhalt von öffentlichem Interesse berichten. Es müsse also zum Tatbestand der ganz fehlenden oder stark lückenhaften Berichterstattung noch ein bewusstes Handeln kommen. Die schlichte journalistische Unkenntnis von den Ereignissen oder die große Anzahl an konkurrierenden, höherrangigen Ereignissen reiche alleine für ein Medienversagen nicht aus. Fälle von echtem Medienversagen seien ein eher abnehmendes Phänomen. Grund dafür sei nicht etwa die abnehmende Zahl journalistischer Fehler, sondern vielmehr die enorme Medienvielfalt. Viel gefährlicher ist aus Roseliebs Sicht das gefühlte Medienversagen. Dieses entstehe immer dann, wenn Menschen „Medienhopping“ betrieben, bis sie ein Medium gefunden hätten, dass ihre Weltsicht am besten teilt. Wem die „taz“ zu „links-grün“ sei, der abonniere eben die „Junge Freiheit“. Im Vergleich dazu erschienen die anderen Medien mit anderer Schwerpunktsetzung dann als „Lückenpresse“ oder „Lügenpresse“. Das gelte in beide Richtungen: Der „taz“-Leser werde der „Jungen Freiheit“ im Zweifel möglicherweise „Hetze“ vorwerfen, wie der Leser der „Jungen Freiheit“ die „taz“ vielleicht als „naives Gutmenschen-Blatt“ beschimpfen werde. Absolute Wahrheiten, unterstreicht Roselieb, seien in der Regel kaum zu finden. Deshalb sei es vermutlich besser, von „alternativen Sichtweisen“ statt „alternativen Wahrheiten“ zu sprechen. Für Journalisten bedeute dies im Kern zweierlei: Sie sollten Fakten zu beiden Sichtweisen zusammentragen und so Hilfe bei der Einordnung bieten. „Die Entscheidung, was gefühlt wahr oder falsch ist, sollte aber stets der Leser oder Zuschauer nach der Lektüre des Berichts selbst treffen können“, sagt Roselieb.

Lesen Sie morgen in unserer Mai-Serie: „Warum glauben Menschen an Verschwörungstheorien?“

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