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Einmaleins statt Algebra

Gymnasiallehrer müssen erneut an die Grundschulen

HAMELN. Die Personallage an den Hamelner Gymnasien wird sich zum Halbjahreswechsel weiter verschärfen. Die Schulleiter sind erneut angewiesen worden, Lehrer an die Grundschulen in Hameln und dem Kreisgebiet abzuordnen – zum Teil mit drastischen Folgen.

veröffentlicht am 14.01.2018 um 13:19 Uhr
aktualisiert am 15.01.2018 um 08:30 Uhr

Grundschüler schreiben Zahlen an die Tafel. Sie werden auch weiterhin zum Teil von Gymnasiallehrern unterrichtet. Foto: dpa
Lars Lindhorst

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Lars Lindhorst Reporter zur Autorenseite
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Der Stadtelternrat warnt: Sogar der Unterricht in den Kernfächern Deutsch, Mathe oder Englisch werde an den Gymnasien nicht ohne Einschränkungen fortzuführen sein. Die Abordnung von Gymnasiallehrern an Grundschulen wird zum zweiten Schulhalbjahr am 1. Februar wirksam – und gilt zunächst einmal bis Schuljahresende.

„Eine solche Situation ist für eine dauerhaft geordnete Unterrichtsversorgung nicht hinnehmbar“, kritisiert Dr. Volker Schöpe, Vorsitzender des Hamelner Schulelternrats, die erhöhte Zahl an Abordnungen. Bereits zum Schuljahresanfang sind die Gymnasien von der Landesschulbehörde angewiesen worden, Lehrkräfte für den Elementarbereich abzustellen – zum Teil war dies sehr kurzfristig, nur wenige Tage vor Schulbeginn, erfolgt.

Anders als noch im Sommer 2017, als die Abordnung allein die drei Hamelner Gymnasien traf, muss aktuell auch die Integrierte Gesamtschule (IGS) in Hameln Lehrer abstellen, die künftig an Grundschulen unterrichtet werden. IGS-Leiterin Gudrun Kruppe sagt: „Wir tun gerade unser Bestes für die Unterrichtsverteilung.“

56 Wochenstunden betrage der Umfang der Abordnungen durch die IGS, die derzeit ausschließlich Personal für das gymnasiale Lehramt einstellen darf. Im Sommer sei die IGS nicht von den Abordnungen betroffen gewesen, weil damals die Unterrichtsversorgung bei unter 96 Prozent gelegen habe. Das ist laut Kruppe die Marke, bei der die Schulen aufgefordert werden, Lehrer abzuordnen. Weil sich die Versorgung an der IGS inzwischen verbessert habe, muss nun auch Kruppe Teile ihres Kollegiums an die Grundschulen abordnen.

Elternratsvorsitzender Schöpe geht davon aus, dass mit den „erneuten, umfänglichen Abordnungen“ die Gymnasien „auf eine Unterrichtsversorgung von 96,5 Prozent deutlich reduziert“ werden. Auch sei nicht klar, ob die Abordnungen nicht doch über das kommende Halbjahr hinaus gelten werden. „Eine Verlängerung der Maßnahme ist denkbar“, befürchtet er.

Laut Schöpe muss das Schiller-Gymnasium sogar Abordnungen im Umfang von 90 Wochenstunden leisten. Im Sommer waren es bereits 10 Wochenstunden (Stand Juli 2017). Schiller-Schulleiter Andreas Jungnitz will vorerst auf Anfrage keine Angaben zu genauen Zahlen machen, verweist vielmehr auf die Landesschulbehörde. Eine Anfrage der Redaktion vom vergangenen Mittwoch bei der Landesschulbehörde ist zum niedersächsischen Kultusministerium durchgereicht worden. Seit vergangenem Mittwoch konnte das Ministerium bislang keine Antworten liefern.

Jungnitz spricht aber ebenfalls von Abordnungen in „erheblich höherem Umfang“, was für die Lehrer seiner Schule zu „Mehrbelastungen“ führe. Am Viktoria-Luise-Gymnasium geht Dr. Michael Glaubitz davon aus, dass er in seiner Funktion als Schulleiter 50 zusätzliche Stunden abordnen muss (Stand Juli 2017: 16). „Das wirft die Jahresplanung über den Haufen“, sagt er. Voraussichtlich werden aber die Kernfächer und der Ganztagsbereich nicht von Ausfällen betroffen sein. Ein grundsätzliches Problem, welches Glaubitz in den Abordnungen sieht: „Unsere Leute sind nicht ausgebildet, in der Grundschule zu unterrichten.“ Am Albert-Einstein-Gymnasium (AEG), hier sind es laut stellvertretender Schulleiterin Bettina Schröder-Brautlecht wohl 35,5 Wochenstunden (Stand Juli 2017: 33), werde wohl „der Stundenplan ordentlich durcheinandergewirbelt“. Dadurch stünden unter anderem Lehrerwechsel – im Fachjargon „flexibler Unterrichtseinsatz“ genannt – an, die „nicht immer pädagogisch sinnvoll“ seien, so Schröder-Brautlecht. Gleichwohl habe das AEG noch Glück: Es gibt auch zwei Neuanstellungen, die seien aber seit längerem beantragt gewesen.

Während Schöpe die „Reduzierung des Unterrichtsangebots“ befürchtet, äußern die Schulleiter Verständnis für ihre Grundschulkollegen. Dort führe der Personalmangel zu einer „prekären Lage“ (Jungnitz). Michael Glaubitz betont, dass es auch bei den Grundschulkindern darum gehe, „bestmöglichen Unterricht zu ermöglichen.“ Und trotz aller anstehenden Widrigkeiten sind „wir alle gern bereit zu helfen“, sagt Bettina Schröder-Brautlecht.

Information

Kurz vor Weihnachten hat der neue Kultusminister der Großen Koalition in Niedersachen, Grant Hendrik Tonne (SPD), angekündigt, 1200 neue Lehrerstellen bereitzustellen – dies besonders vor dem Hintergrund der Rückkehr zum Abitur nach 13 Jahren. Spätestens ab 2020 werden diese Gymnasiallehrer für einen kompletten, zusätzlichen Schuljahrgang nötig. Bis dahin seien Abordnungen an die Grundschulen möglich. Für den Grundschullehrermangel gibt es mehrere Gründe: Wegen einer verlängerten Studienzeit für das Grundschullehramt hat es nach Angaben des Kultusministeriums schon letztes Jahr weniger Absolventen gegeben. Mit Blick auf den weitgehend leer gefegten Arbeitsmarkt für die Grundschule steht das Land Niedersachsen aber auch in Konkurrenz zu anderen Bundesländern. Laut Lehrergewerkschaft haben Länder wie Brandenburg, Berlin oder Schleswig-Holstein inzwischen Reformen beschlossen, die unter anderem eine bessere Bezahlung der Grundschullehrer beinhalten. In Niedersachsen ist bisher nur die Besoldungsstufe für Grundschulleitungen angehoben worden. Tonne überlegt auch, ob die sogenannte vorschulische Sprachförderung in Kitas künftig in die Hände der Erzieher zu geben. Bislang werden dafür Grundschullehrkräfte eingesetzt. ll/dpa

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