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Von sexuellen Übergriffen an der „Oso“ hat die Haverbeckerin Imke Benditte „nichts mitbekommen“

Gute Erinnerungen an die Odenwaldschule

Hameln. Auf die Missbrauchten könnten ihre Worte wie Ohrfeigen wirken. Und Außenstehende machen ihre Aussagen zunächst stutzig. Imke Benditte weiß das, und trotzdem – oder deswegen – ist ihr ihre Wahrheit so wichtig. Ihre persönliche Wahrheit von der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim zu erzählen, ist ihr ein Bedürfnis. Über „ihre Oso“ zu berichten, die sie im Jahr 1980 zum ersten Mal sah, von der sie damals sagte „hier möchte ich hin“ und an der sie schöne Jahre verbrachte. Dass an derselben Oso Schüler sexuell missbraucht wurden, ist „einfach nur schrecklich“, sagt die Haverbeckerin.

veröffentlicht am 06.04.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 13:41 Uhr

Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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1980: Mehrere Internate stehen zur Wahl, die meisten wirken auf die 11-jährige Imke „stressbeladen“, wie sie 30 Jahre später sagt. Anders die Odenwaldschule. „Da war’s nicht so superordentlich, sondern gemütlich“, gibt ihre Erinnerung die Bilder frei. Imke – damals Müller – zieht von Bückeburg nach Hessen, aus einem guten Elternhaus heraus, wie sie erzählt, ins Haus mit dem Namen „Pestalozzi“, das Heimat ihrer neuen Familie ist. Eine Oso-Familie besteht aus einem Lehrer, der mit leiblichen Angehörigen die eine separate Wohnung bewohnt und bis zu zehn Schülern, die im selben Gebäude auf einer anderen Etage leben. „Wenn wir Sorgen hatten, konnten wir hoch“, sagt Imke, seit 1999 Benditte, über das Vertrauensverhältnis. Begeistert ist sie von dem, was sie dort lernt: Schreinern, Schlossern, Töpfern … Die „Familie“ ist für sie ein Ort zum Wohlfühlen. Beim Mittagessen im großen Speisesaal werden die über 300 Schüler immer mal wieder gewarnt vor sexuellen Übergriffen durch Fremde, die die Schüler hin und wieder beim Trampen mitnehmen, erzählt sie. Der Mann, der sich vor Imke und ihren Mitschülern erhebt: Gerold Becker, unrühmlicher und des Missbrauchs angeklagter Rektor a. D. des Elite-Internats.

2010: „Schalt das Radio an! Da ist die Oso drin“, ruft Cordt Müller seiner Tochter am Telefon zu, als er die unfassbaren Nachrichten über jene Schule hört, an der er seine Tochter sechs Jahre lang gut aufgehoben gewähnt hatte: Sexueller Missbrauch an Schülern durch Lehrer, durch den Rektor, noch ungeahnten Ausmaßes. „Hast du was davon mitbekommen?“, hätten ihre Eltern dann einmal besorgt und vorsichtig nachgefragt. „Nein“, ist Imke Bendittes Antwort. Aber, räumt sie ein, wenn sie jetzt, nach allem, was sie aus den Medien erfahren hat, an ihre Zeit an der Odenwaldschule zurückdenkt, könne sie sich einen anderen Reim auf einige Beobachtungen machen. An Gerhard beispielsweise, der in den Medien offen über den Missbrauch gesprochen hat, erinnere sie sich. Jetzt, wo sie wisse, dass er von demselben Musiklehrer, der auch sie unterrichtet habe, missbraucht worden sei, „fällt mir auf, dass er manisch-depressiv war“ – so, wie er über die Gänge geschlichen sei. Aber nach dem Grund für Gerhards Verfassung habe sie damals nicht gefragt. Ihr Urteil über den damaligen Rektor Becker heute: „Der muss ein zweites Gesicht haben.“ Und gut „vertuscht“ haben.

So geschockt Imke Benditte auf die Geschehnisse an der Odenwaldschule reagiert hat, so wenig wird sie jetzt müde, zu betonen, dass „es doch die Menschen sind, die so was machen und nicht die Schule“. Mitbekommen habe sie damals nichts – wenn nicht gesagt werde, was passiert, „konnte man doch nichts merken“, hat sie eine Erklärung für sich. Und wie mächtig die Scham jener Schüler ist, die den Lehrern ausgesetzt waren, über ihre Vergangenheit zu sprechen, ist bekannt. Nur langsam kamen alle Fälle ans Licht. Wie Imke Müller reagiert hätte, wenn sie geahnt hätte, was in ihrem täglichen Umfeld passiert? „Weiß nicht“, antwortet sie, „ich war ja ein Kind.“

Sie selbst bewältigt die Vergangenheit, mit der sie bislang im Reinen war („ich habe mich dort sehr wohl gefühlt“), mittels Brief an die Oso. „Ich möchte wissen, wem ich die ganze Zeit vertraut habe“, und das vielleicht zu Unrecht. Antwort hat sie noch keine. Wohl aber auf die Frage, ob sie ihre eigenen zwei Kinder zur Odenwaldschule schicken würde. Würde sie, ohne aber die Schule zu idealisieren. „Die Oso ist bestimmt nicht nur gut“, aber „damals war es das Beste, was mir passieren konnte.“

Imke Benditte (42) denkt gern an ihre Zeit an der Odenwaldschule zurück. 1980 wechselte die Schülerin (damals noch Imke Müller) von der Grundschule Bückeburg auf das Internat. Für das Jahresheft schrieb sie einen Bericht. Fotos: Dana/pr

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