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Schlecker-Angestellte der Region Hameln zwischen Wut, Ratslosigkeit und vagen Hoffnungen

„Griechenland wollen sie retten – uns nicht“

Hameln/Aerzen. Die Schlecker-Filiale am Brückenkopf ist geschlossen. Zumindest für diesen Nachmittag – aber schon am kommenden Samstag, 24. März, wohl auch endgültig. Der Grund für den frühen Ladenschluss gestern an der Hamelner Hochstraße steht auf einem Zettel an der Tür: Betriebsversammlung.

veröffentlicht am 17.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 19:21 Uhr

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Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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40 Frauen kamen gestern Nachmittag auf Einladung der Gewerkschaft ver.di in Aerzen zusammen. „Schlecker-Frauen“, wie sie sich manchmal selber nennen, Angestellte des Schlecker-Bezirks Hameln, der von der Rattenfängerstadt über Aerzen und Bad Pyrmont bis weit ins Ostwestfälische reicht. Sie sind zur Betriebsversammlung gekommen, „weil keiner weiß, wie es jetzt weitergeht“ – und „weil alle Angst haben“, wie sie bei einem zwischenzeitlichen kleinen Protestmarsch von der Aerzener Ortsmitte zur Schlecker-Filiale erzählen. Auch sie macht nun dicht, genau wie der zweite Schlecker in Hameln an der Erichstraße. In der vergangenen Woche kam die Mitteilung, welche Läden schließen sollen, in den Märkten an. Als schlichtes Fax. Da hätten so einige „auf dem Boden gesessen und geheult“. Wer kein Fax bekam, der wurde am nächsten Tag von den Kunden beglückwünscht, aber mulmig ist den Schlecker-Frauen auch hier. Sicher ist nichts.

36 Verkaufsstellen mit 187 Beschäftigten hatte der Bezirk Hameln noch vor sieben Jahren vorzuweisen, erinnert sich Antje Langner vom Betriebsrat. 2010 wurde auf 15 Läden heruntergefahren, es gab noch Arbeitsplätze für 74 Angestellte. Nun sollen sieben Geschäfte bleiben. Wer entlassen wird, steht auf Listen vom Insolvenzverwalter, die bei der Veranstaltung in Aerzen noch niemand kennt. Greifbares ist schwer zu bekommen für die Schlecker-Frauen. Während die einen auf bezahlte „drei Monate Kündigungsfrist“ hoffen, ist ver.di-Vertreter Uwe Busch aus Hannover – der einzige Mann bei der Versammlung im „Alten Forsthaus“ – pessimistisch: „Es gab ja schon drei Monate Insolvenzgeld.“ Da sei sehr kurzfristig Schluss mit der Bezahlung.

Nun bleibt die Hoffnung auf die Gründung einer Transfergesellschaft: sechs bis neun Monate lang 70 bis 80 Prozent des Gehalts. Ein halbes Jahr lang oder länger Zeit, einen neuen Job zu finden, umreißt Busch die gängige Praxis. „Aber finde mal was hier in der Gegend“, hieß es vorher in der Zigarettenrunde vor dem Lokal. „Und wenn, dann gibt es nur was auf 400-Euro-Basis.“

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Doch immerhin: Die vage Aussicht, dass eine Transfergesellschaft zustande kommen könnte, weckt ein Fünkchen Hoffnung. Obwohl: Hoffnung gab es schon oft. Darauf, dass der Insolvenzverwalter den Karren doch noch aus dem Dreck zieht oder auf Jobs bei anderen Drogerieketten. „Aber am Ende war es immer nichts.“ Derzeit wird bundesweit bei 280 der über 2000 Filialen auf der Liste geprüft, ob sie am Ende tatsächlich geschlossen werden. So recht klammern will sich an diesen Strohhalm in Hameln und Umland aber wohl niemand.

Ob die Schlecker-Frauen von einer Transfergesellschaft aufgefangen werden, hängt nun von der Politik ab – und vom Geld. Angeblich ist das Bundesfinanzministerium bereit, einen Kredit der staatlichen Förderbank KfW möglich zu machen, wenn die Länder dafür bürgen. Mit Unterschriftenlisten wollen die Frauen Druck auf die Bundesregierung machen. Die Hamelner SPD-Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller und ihr Landtagskollege Ulrich Watermann betonten gestern schon mal ihre Solidarität. Bei Antje Langner hat sich aber längst eine gehörige Portion Wut auf die Politik angestaut: „Griechenland wollen sie retten, uns nicht. Wir sind ja nur die Frauen im Handel.“

Ohne Transparente, aber mit Buttons (unten) – und vielen offenen Fragen: die „Schlecker-Frauen“ des Bezirks Hameln. Bei ihrem Protestmarsch durch Aerzen.

Fotos: Wal

Wegen Betriebsversammlung geschlossen – und bald wohl endgültig: die Schlecker-Filiale am Brückenkopf.



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