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Naturschützer kritisieren Trend zu Steingärten / Hameln denkt über Änderung der Bauvorschrift nach

Graues Geröll statt Grün

HAMELN. Bienen schützen, Insektensterben verhindern, ihnen ein Umfeld schaffen, in dem sie ausreichend Nahrung finden – seit Umweltverbände unermüdlich auf die Brisanz dieser Themen hinweisen, achtet mancher stärker darauf, was er in seinem Garten sät und pflanzt.

veröffentlicht am 20.01.2019 um 18:03 Uhr

Ein, zwei Buchsbäume, Rest Steine – so und ähnlich sehen immer häufiger private Vorgärten aus. FOTO: DANA
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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In Gärtnereien sowieso, aber selbst in Baumärkten, von Natur aus stärker für „Beton“ bekannt, wird auf bienenfreundliche Blumen hingewiesen. Und dann gibt es jene Vorgärten, in denen „Grün“ der Garaus gemacht wird und „Grau“ in jeder Variation zum Einsatz kommt. Manchen Städten und Gemeinden missfällt diese Art der Grauflächengestaltung so stark, dass sie sie verbieten. Auch in Hameln wird im Rathaus darüber nachgedacht.

Wie populär es in Hameln ist, Steine statt Pflanzen in den Garten zu bringen, lässt sich schwer sagen, geschweige denn beziffern. Keiner geht rum und zählt die „Gärten des Grauens“, wie sie im Internet und von Umweltverbänden genannt werden. Gefühlt werden es mehr. Nach Einschätzung der Stadt „ist das Problem noch nicht ganz akut“, sagt Pressesprecher Thomas Wahmes. Aktuell sehe man in Hameln (noch) keinen Handlungs- und Steuerungsbedarf.

In Dortmund dagegen wurde entschieden, dass diese Art von „Stein“-Gärten in neuen Baugebieten zweier Stadtteile verboten werden. Auch in anderen Kommunen befassen sich die Politiker mit ähnlich lautenden Anträgen. Zur Einordnung: Es gibt Steingärten und Steingärten – jene, in denen beispielsweise bewusst Pflanzen aus Gebirgsregionen eingesetzt werden (und auch für Insekten noch taugen) und jene, in denen bis auf Minimalgrün nichts anderes als Schotter, Kies, Geröll oder Splitt jeden Millimeter Boden bedecken.

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Große Steine als dekorative Einfassung, dahinter Beet mit Erde – hier haben die Tiere im Erdreich noch eine Chance. FOTO: DANA

Für Natur- und Umweltschützer wie Britta Raabe vom Naturschutzbund (Nabu) Weserbergland ein Graus. Sie versucht, in Gesprächen über vermeintliche Vorteile dieser Gestaltung aufzuklären und die Nachteile deutlich zu machen.

Gemeinhin gelten die Schottergärten als „pflegeleicht“. Für die Anfangszeit mag das zutreffen, doch danach setzen sich auch hier zwischen den Steinen Laub und Samen ab oder suchen sich Moos und Flechten ein Plätzchen auf den Steinen. Über kurz oder lang bilde sich Humus als Nährboden für Pflanzen, so Britta Raabe. Wer dann über die Steine gehen muss, um dort zu säubern, merke schnell, wie schmerzhaft scharfkantiger Korallenoolith sein könne. „Für immer Ruhe – is’ nicht.“

Auch einem ausgeglichenen Kleinklima dienen die Steinflächen nicht: „Im Sommer werden die so heiß“, sagt Britte Raabe. Die Steine speichern die Wärme des Tages und geben sie nachts wieder ab. Sind diese Flächen dicht am Haus, mache sich das auch innen bemerkbar. Verdunstungskühle, wie sie selbst über ebenfalls ökologisch wenig wertvollen Rasenflächen entsteht, ist demnach niedrig. Und Kälte binden sie laut Raabe ebenso.

Nicht nur an der Oberfläche haben Insekten wie Bienen und andere Hautflügler sowie Schmetterlinge und am Ende der Nahrungskette dann Vögel das Nachsehen, auch unter den Steinen wird die Flora und Fauna plattgemacht: „Darunter wird die Vegetation häufig entfernt und Folie wird verlegt.“ Sie fragt und hat eine Ahnung: „Was macht das mit den Bodenlebewesen?“

Was einige Eigentümer oder Mieter oft nicht bei ihrer Entscheidung für einen Garten ohne Grün berücksichtigten, seien die langen Transportwege, die das Material häufig zurückgelegt hat: „Schotter aus China“ – das müsse man auch bedenken, was das fürs Klima bedeute.

Bei aller Vorliebe für grüne Gärten mit tierfreundlichen Pflanzen steht Britta Raabe einem Verbot der steinernen Variante durch die Kommunen kritisch gegenüber. „Ich würde schon gern auf Eigenverantwortung setzen.“ Die Stadt Hameln auch (noch), jedoch: „In neuen Wohn- und Gewerbegebieten oder auch an so ambitionierten Standorten wie der Linsingen-Kaserne werden wir über eine entsprechende Regelung (Ausschluss von Steingärten) in der örtlichen Bauvorschrift nachdenken“, erklärt Stadtsprecher Thomas Wahmes auf Anfrage. Denkbar sei eine positive Formulierung wie „Vorgärten sind zu mindestens 70 Prozent zu begrünen“.

Die Landesbauordnung in Niedersachsen gibt zumindest die Marschrichtung vor. Darin steht in Paragraf 9, Absatz 2: „Die nicht überbauten Flächen der Baugrundstücke müssen Grünflächen sein, soweit sie nicht für eine andere zulässige Nutzung erforderlich sind.“



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