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Epitaph in Marktkirche eingemauert

Grabstein gibt Rätsel auf: Wer war Dorothea Elisabeth (4)?

HAMELN. Das Mädchen wurde nur vier Jahre alt, ihr Tod liegt über 300 Jahre zurück. Doch bis heute wird an sie erinnert. Allein die Erinnerung an die Erinnerung ist etwas eingeschlafen. Dabei gehen täglich etliche Hamelner an ihrem Grabstein vorbei. Er befindet sich im Mauerwerk der Marktkirche. Das Mädchen war Dorothea Elisabeth Jacobi. Doch wer war sie? Und was hat ihr Grabstein im Mauerwerk der Marktkirche zu suchen?

veröffentlicht am 17.07.2018 um 14:58 Uhr
aktualisiert am 17.07.2018 um 19:20 Uhr

Pastor Detlef Richter klärt Ulrike Heinrichs, die stellvertretende Vorsitzende im Kirchenvorstand, über den Grabstein auf. Foto: Dana
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Fragen, auf welche die evangelisch-lutherische St.-Nicolai-Gemeinde spontan auch keine Antworten weiß. „Ich muss gestehen, ich kann dazu nichts sagen“, sagt Pastor Detlef Richter auf Anfrage der Dewezet. Der Grabstein sei ihm gar nicht bekannt. Ein Blickfang ist dieser tatsächlich nicht. Er befindet sich, quer eingelassen, in der Außenmauer an der Ostseite der Marktkirche, Richtung Emmernstraße, etwa auf Kopfhöhe, direkt unter einem Fenster. Als Grabstein zu erkennen ist er aber erst aus nächster Nähe, mit etwas Mühe lässt sich die Inschrift entziffern.

Ähnlich wie Pastor Richter äußert sich Pastorin Friederike Grote: „Ich kann mich meinem Kollegen anschließen.“ Beide teilen aber eine Vermutung. Demnach sei der Stein womöglich beim Wiederaufbau der Kirche verwendet worden, als „normale“ Bausteine knapp waren.

Näheres ist zunächst von Silke Schulte vom Stadtarchiv zu erfahren. „Ich denke, dass es sich um einen Grabstein für Dorothea Elisabeth Jacobi, Tochter des Predigers Hermann Julius Jacobi an der Münsterkirche, handelt“, sagt sie unter Bezugnahme auf die Kirchenbuchkartei.

Der in Wirklichkeit quer in das Mauerwerk der Marktkirche eingelassene Grabstein – das Foto wurde um 90 Grad gedreht – erinnert an das kurze Leben der im Alter von vier Jahren verstorbenen Dorothea Elisabeth Jacobi. Foto: Dana
  • Der in Wirklichkeit quer in das Mauerwerk der Marktkirche eingelassene Grabstein – das Foto wurde um 90 Grad gedreht – erinnert an das kurze Leben der im Alter von vier Jahren verstorbenen Dorothea Elisabeth Jacobi. Foto: Dana

Eine Information, die Detlef Richter nach eintägiger Recherche im hauseigenen Kirchenarchiv bestätigt. Wie aus den Kirchenbüchern des Hamelner Kirchenamts hervorgehe, kam Dorothea Elisabeth Jacobi am 12. August 1700 in Hameln zur Welt, wurde tags darauf in der Münsterkirche getauft und starb am 6. Mai des Jahres 1704. „Sie war die Tochter eines damaligen Amtsbruders von mir“, stellt Richter fest.

Pastor Hermann Julius Jacobi wiederum war der Sohn von Hermann Jacobi in Hannover. Jacobi junior wurde 1698 vom Magistrat zum Pastor an der Nicolaikirche in Hameln gewählt und 1721 Pastor Primarius, wie in Friedrich Sprengers „Geschichte der Stadt Hameln“ von 1826 nachzulesen ist. Laut Johann Friedrich Moller, dem Verfasser der „Kurzen Geschichte der Stadt und Festung Hameln“ (1790), war 1721 auch das Jahr, in dem Pastor Jacobi starb.

Die Tatsache, dass Dorothea Elisabeth einen Grabstein hat, lässt Pastor Richter zufolge Rückschlüsse auf die wirtschaftliche Situation der Eltern zu. „Die waren nicht gerade sehr arm“, meint er. Dazu komme, dass die Grabinschrift in deutscher Sprache sei. „Das zeigt eine besondere Nähe meines Amtsbruders zur Gemeinde“, schlussfolgert Richter. „Er als Geistlicher hätte damals lateinisch geschrieben, im besten Fall lateinisch-deutsch.“ Der Entschluss, die deutsche Sprache zu verwenden, rühre wohl daher, dass die Inschrift von jedem gelesen und verstanden werden sollte.

Doch wie kam der Grabstein in das Mauerwerk der Marktkirche? Zumal der Vater des verstorbenen Mädchens nicht an der Marktkirche, sondern am Münster Pastor war. Bestattet wurde Dorothea Elisabeth vermutlich auf dem Münsterfriedhof. Detlef Richter weiß von Darstellungen aus den Jahren 1757/58, die den Münsterfriedhof sehr verwachsen zeigten. „Er wurde nicht mehr gepflegt und letztlich außer Dienst genommen“, so Richter. „Im Jahr 1760 soll das Münster als ,Steinbruch‘ freigegeben worden sein.“

Im Zuge des Ausbaus der Stadt Hameln zur Festung wurde der Kreuzgang südlich der Kirche teilweise abgebrochen, das Münster wies erhebliche Schäden auf. Nachdem in der Marktkirche ein Brand gewütet habe, sei sie in der Zeit von 1764 bis 1768 wieder erneuert worden. Dabei griffen die Erbauer wohl auf das bereits in Mitleidenschaft gezogene Münster zurück.

„Material war sehr teuer zur damaligen Zeit, der Lohn entgegen sehr niedrig“, erklärt Pastor Richter. „Also suchte man nahegelegene Möglichkeiten, an geeignetes Material zu kommen.“ Der Grabstein von Dorothea Elisabeth Jacobi sei daher wohl „dankbar genommen und als Fensterbrüstung verwendet“ worden.

Pastorin Friederike Grote weist darauf hin, dass Grabsteine früher Zeiten des Öfteren in anderen Bauten weiterverwendet wurden. So seien etwa Grabsteine oder -platten in den Mauern des Münsters sowie im Münsterhaus als Treppenstufen wiederverwertet worden.

Bemerkenswert ist für Detlef Richter, dass der Grabstein von Dorothea Elisabeth so eingebaut wurde, dass er für Außenstehende lesbar war. „Man kann dabei an ein Erinnern an die Sterblichkeit denken – der Tod macht keinen Unterschied zwischen Jung und Alt“, führt Richter aus. Vielleicht habe es sogar noch Erinnerungen an Pastor Jacobi gegeben. „In jedem Fall sollte Dorothea Elisabeth für alle sichtbar sein“, ist sich Pastor Richter sicher.

In diesem Zuge verweist er auf den deutlich augenfälligeren „Gedenkstein der Siebenlinge“ neben dem Fenster, unter welchem sich der Grabstein von Dorothea Elisabeth befindet. „So hat die Marktkirche jetzt eine Erinnerung an Kinder“, freut sich Pastor Richter. Unklar bleibt, wieso Dorothea Elisabeth so früh starb.

Als ungünstig erweist sich in diesem Zusammenhang einmal mehr der Standpunkt des sogenannten „Zeitpunkts“, die Glasvitrine, in der sich eine aufwendig hergestellte Miniatur des einstigen Rathauses befindet. Nicht nur, dass sich das Rathaus in Wirklichkeit nicht an dieser Stelle, sondern auf der entgegengesetzten Seite der Marktkirche beziehungsweise des Hochzeitshauses befunden hat (wir berichteten), die Vitrine versperrt auch die Sicht auf den Grabstein der Dorothea Elisabeth.



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