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Das „Neujahrsgestrüpp“ kann mehr sein als ein saisonal begrenztes Grün

Glücksklee vom Pech verfolgt

Hameln. Wetten, dass es Glücksklee gibt, der noch eher zugrunde geht als mancher gute Vorsatz fürs neue Jahr? Ich weiß es, ich habe schon zu viele Oxalis tetraphylla dahinsiechen sehen in überheizten Wohnstuben. Es ist mir ja selber passiert, früher als ungestümer Halbstarker.

veröffentlicht am 01.01.2016 um 15:25 Uhr
aktualisiert am 30.12.2016 um 20:50 Uhr

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Freilich ist es seltsam, dass der vierblättrige Genosse als Bote des Glücks so mies behandelt wird. Als wolle diese Pflanze nicht ebenso sehr gepflegt werden wie der Dusel. Doch das Grün, das goldene Zeiten heraufbeschwören und dem Schicksal günstige Wendungen geben soll, kann gegen unverblümt ignorante Hasardeure genauso wenig ausrichten wie gegen die vom Pech Verfolgten, die sich zwar mühen, aber unter deren Obhut auch Plastikblumen eingehen.
 Dann bleibt nach nur wenigen Tagen ein graubraunes Totgestrüpp zurück, aus dem ein auf Spieß gesteckter Schornsteinfeger mit Leiter und rosigem Schweinchen im Arm herauswinkt. Dass er lacht, liegt daran, dass seine Pappmaché-Rübe nicht anders kann. Wäre er aus Fleisch und Blut, würde er seines Lebens nicht mehr froh werden, denn kein Kaminkehrer, ja kein Irgendwer, möchte auf einem tristen Terrain wie diesem, unnötig Zeit verschwenden.
 In der Tat scheinen die Perspektiven von Beschenkten und Beschränkten grundsätzlich sehr unterschiedlich zu sein. Aber es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass es nicht um das im fernen China zusammengeschusterte Drei-Cent-Zylindermännlein geht, sondern um die Pflanze. Nur mit Akribie - nicht zu viel Wasser, nicht zu wenig - wird sie die Tage und Wochen des neuen Jahres überdauern. Mäßig will Oxalis gegossen werden. Staunässe ist genauso dringlich zu vermeiden wie vollkommene Trockenheit. Dünger braucht er erst einmal nicht, das kommt später. Und in die allerdunkelste Ecke des Hauses muss der Kleene ja nicht gerade verbannt werden. Alles in allem kann dieser als normal zu bezeichnende Umgang mit einer Zwiebelblume zum lang anhaltenden Erfolg führen. Bis hin zur Blüte! In muffigen Stuben, wo Mitte Januar die Weihnachtsbäume rieseln und selbst Silberfischchen sich jetzt wünschten, niemals hier eingedrungen zu sein, wird er dazu kaum in der Lage sein, aber kommt das Frühjahr, kehrt das Licht zurück, weht dem Glücksmacher frische Luft um seine hübsch gezeichneten Blätter. Ein bisschen neue Erde an die Sohlen gepackt - ach, er wird sich freuen.
 Und es war Sommer, nicht das erste Mal im Leben, aber der erste Sommer, in dem der Glücksklee so sehr strahlte! Zartrosafarbene Blüten leuchteten über dem Blättergewusel, im Halbschatten zu Füßen von Kletterrose und Päonien an einem idealen Platz. Als sich mir dieses liebliche Bild bot, es ist schon einige Jahre her, konnte ich das Glück kaum fassen; noch niemals zuvor hatte ich den Masselmacher blühen sehen. In der Zwischenzeit tat er es immer wieder, aber niemals verschwenderisch, sondern immer mit Zurückhaltung. Das Glück selber wälzt sich auch nicht gierig vor uns allen, wie ein Hund im Aas, sondern ist kostbar. Ob es übertrieben wäre, den Glücksklee als ebenso kostbar anzusehen?
 Vierblättrige Kleeblätter sollen gegen böse Geister helfen und verkörpern in der christlichen Symbolik ein Stück vom Paradies. Das ist die Grundaussage. Botanisch betrachtet fällt der Glücksklee nicht in die klassische Kleegemeinschaft Trifolium, sondern gehört zur Gattung Sauerklee, also Oxalis, und darunter sind vierteilige Blätter nicht selten. Das soll dem Glück aber nicht im Wege stehen; manchmal muss ihm eben ein wenig auf die Sprünge geholfen werden.
 Auf jeden Fall kann diese bedeutungsschwangere Topfpflanze mehr als ein saisonal begrenztes Grün sein. Das funktioniert dann am besten, wenn die kleinen Zwiebeln im Verbund in ein Netzkörbchen gesetzt werden. Vor dem ersten Frost wird die Pflanze dann hereingeholt, aber nicht ins Wohnzimmer, sondern in den kühlen, dunklen Kellerraum. Das trockene Laub bleibt dran, die Zwiebeln gehen schlafen, wie es die Knollen von Dahlien und Kalla tun. Für den nächsten Jahreswechsel wird ein neuer Glücksklee gekauft, während der alte schlummert, dessen Zwiebeln im Frühling wieder im Topf nach draußen gestellt werden. Die Pflege beginnt von Neuem. Wer nach diesem Schema jahrelang gärtnert, legt sich nach und nach einen Vorrat an und begründet eine sommerliche Glücksklee-Allee.
PS: In Ermangelung guter Vorsätze - bisweilen ist es ja schwierig, nach so vielen Pleiten, Pech und Pannen der Vorjahre sich noch sinnvolle Ziele zu stecken - nimmt man sich vor, den Glücksklee am Leben zu lassen.



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