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Landesweit steigende Tuberkulose-Fälle – in Hameln nicht

Glück gehabt

Die Zahl der Tuberkulosefälle ist angestiegen. Der Grund: in den Heimatländern viele Flüchtlinge ist die Erkrankung weit verbreitet. In Deutschland lassen sie die Fallzahlen steigen. Nur scheinbar im Landkreis Hameln-Pyrmont nicht.

veröffentlicht am 17.04.2016 um 13:49 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 13:48 Uhr

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Autor:

von andrea tiedemann
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Hameln. Die Zahl der Tuberkulosefälle ist im vergangenen Jahr in Niedersachsen gestiegen: Waren es 2014 noch 344 Fälle, waren es in 2015 schon 417 Fälle. Der Grund dafür ist einfach: Es sind Erkrankungen, die in Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge bei den Pflichtuntersuchungen festgestellt wurden. Hintergrund ist, dass die Krankheit in den Heimatländern vieler Flüchtlinge weiter verbreitet ist als in Deutschland.

Erstaunlicherweise bildet sich dieser Trend aber gerade im hiesigen Landkreis nicht ab – im Gegenteil: Die Anzahl der mit der meldepflichtigen Krankheit Infizierten ging hier sogar zurück. Waren im Jahr 2014 noch vier Fälle gemeldet worden, waren es 2015 nur drei und im laufenden Jahr bisher noch kein einziger. Warum dies so ist, darüber mag der Landkreis nicht spekulieren. Hatte Hameln einfach nur Glück?

Denkbar ist zumindest, dass es mit den Herkunftsländern der Flüchtlinge zu tun hat. Denn die Menschen, die im vergangenen Jahr in der Linsingen-Kaserne aufgenommen wurden, kommen zu einem Großteil aus dem Irak (449 Personen), Syrien (283 Personen) und Afghanistan (156 Personen). Die Krankheit aber ist vor allem in Südostasien, dem südlich der Sahara gelegenen Afrika und den Nachfolgestaaten der Sowjetunion verbreitet. Nur wenige Flüchtlinge kamen überhaupt aus diesen Bereichen: 49 aus Pakistan, 37 aus dem Libanon, 19 aus Eritrea und 17 aus der Russischen Föderation.

Zu der landesweiten Zunahme stellt Dr. Wolf Harms, Lungenfacharzt am Sana Klinikum fest: „Durch die Flüchtlingsströme hat die Tuberkulosehäufigkeit zwar relativ stark zugenommen, die Gesamtzahl der Fälle ist allerdings weiterhin sehr gering. Es ist also nicht so, dass sich jetzt viele Menschen in Deutschland angesteckt haben, sondern die Erkrankung wurde eher mitgebracht.“ Der Internist Dr. Franz-Josef Vonnahme, der einmal wöchentlich als Ehrenamtlicher in der Linsingen-Kaserne behandelt, bestätigt, dass Tuberkulose bisher kein Thema war. Stattdessen habe es Windpocken-Fälle gegeben, in denen nachgeimpft werden musste. Zudem sei ein Masernfall aufgetreten – ebenfalls eine in Deutschland seltene Krankheit. Laut Landkreis war es aber auch nur genau dieser eine Masern-Fall im Jahr 2015, im Jahr zuvor gab es keinen und auch im Jahr 2016 bisher keinen. Besonders häufig unter Flüchtlingen seien aber psychische Krankheiten wie die Posttraumatische Belastungsstörung, die häufig erst dazu geführt habe, dass die Menschen aus ihrem Heimatland fliehen. „Oft kommen die Menschen mit vorgeschobenen körperlichen Syndromen“, so Vonnahme. Hinter einem Schmerzsyndrom, so stelle sich dann später häufig heraus, verberge sich vielmehr eine psychische Erkrankung.

Die Tubekulose-Fälle in Niedersachsen haben zugenommen – was das medizinisch bedeutet, erklärt Dr. Wolf Harms, Lungenfacharzt beim Sana Klinikum.

Was ist Tuberkulose und was macht diese Lungenerkrankung so gefährlich?

„Tuberkulose ist in Deutschland eine sehr seltene Erkrankung mit rund 5800 Erkrankungsfällen im Jahr 2015. Etwa zwei Drittel der Erkrankten in Deutschland stammen ursprünglich aus einem anderen Herkunftsland. Tuberkulose ist eine ansteckende Krankheit, die überwiegend die Lunge befällt und durch Bakterien verursacht wird. Sie wird über Tröpfcheninfektion übertragen, birgt allerdings verglichen mit zum Beispiel Erkältungskrankheiten eine relativ geringe Ansteckungsgefahr. Gefährdet sind daher in erster Linie Menschen, die engen Kontakt zu Erkrankten haben und zum Beispiel auf engem Raum zusammenwohnen. Nur etwa jeder zehnte Infizierte erkrankt an der Tuberkulose. Bei etwa 90 Prozent der Infizierten bricht die Tuberkulose nicht aus. Eine erhöhte Erkrankungsrate ist bei Patienten mit einer Immunschwäche, insbesondere mit AIDS festzustellen. Durch verbesserte Diagnostik, Maßnahmen zur Vermeidung der Verbreitung der Erkrankung – insbesondere der Isolation ansteckender Patienten – und eine effektive Behandlung durch Antibiotika konnte Tuberkulose (TBC) in Mitteleuropa zu einer seltenen, in der Öffentlichkeit kaum noch wahrgenommenen Krankheit gemacht werden.“

Welche Symptome ruft TBC hervor?

„TBC ist eine chronische Erkrankung, Verläufe mit plötzlich auftretenden Symptomen sind sehr selten. Meistens erkranken die Betroffenen an einer Lungentuberkulose, die Tuberkulosebakterien können jedoch auch andere Organe, zum Beispiel die Nieren oder die Knochen, befallen. Patienten mit einer Lungentuberkulose leiden unter Husten, zum Teil mit Auswurf, sowie unspezifischen Beschwerden wie Fieber und Nachtschweiß oder ungewolltem Gewichtsverlust. Daher stammt die früher geläufige Bezeichnung Schwindsucht.“

Wie kann Tuberkulose behandelt werden?

„Die Tuberkulose ist in den meisten Fällen gut und in der Regel nebenwirkungsarm durch Antibiotika in Tablettenform behandelbar. Unter einer sechsmonatigen Behandlung heilt die Tuberkulose bei den meisten Patienten vollständig aus. Abhängig vom Gesundheitszustand des Patienten bei Diagnosestellung liegt die Heilungsrate bei über 90 Prozent. Bei Patienten mit sehr schwer ausgeprägten Tuberkulosen oder Patienten mit Infektionen durch Tuberkulosebakterien, die gegen geläufige Tabletten resistent sind, haben geringere Genesungsaussichten. Eine Impfung gibt es bisher nicht.“



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