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Treppenanlage mit Erinnerungstafel am Fuße des Ohrbergs wurde 1938 fertiggestellt

Glorifizierende Inschrift aus der NS-Zeit

Autofahrer nehmen sie kaum wahr und Radfahrer können die Strecke angesichts des Lärms, den die zahlreichen Autos verursachen, nur wenig genießen. Wer trotzdem den Radweg entlang der Bundesstraße 83 von Hameln südwärts in Richtung Ohr entlang der Weser benutzt, der wird an der steilen Böschungsmauer einer breiten Treppe gewahr, die seitlich zum Ohrberg hinaufführte.

veröffentlicht am 17.08.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 28.10.2016 um 17:21 Uhr

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Autor:

Bernhard Gelderblom
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Einige Meter vor der Treppe, die heute völlig zugewachsen ist, zeigt sich im Halbrund einer Mauernische – eingerahmt von zwei steinernen Sitzbänken – ein Brunnen. Ungepflegt und vernachlässigt, wie sich die Anlage heute präsentiert, nimmt der Betrachter nur mit Mühe wahr, dass sich oberhalb des Brunnens eine Inschriftentafel befindet. „Erbaut im Jahr der Rückkehr der Ostmark – 1938“, heißt es darauf.

Die sorgfältig aus Kalkstein gemauerte Stützmauer samt Treppe und Brunnen entstand im Zuge des Ausbaus der Reichsstraße 83 an der Engstelle zwischen Weserbogen und hoch ragendem Ohrberg. Im Sommer 1938 wurde die Straße fertiggestellt. Die Inschrift erinnert an den gleichzeitigen „Anschluss“ Österreichs – der sogenannten „Ostmark“ – an das Deutsche Reich. Sie war nach der Rückführung der Arbeitslosigkeit, der Rheinlandbesetzung und der Erringung der „Wehrfreiheit“ ein weiterer Markstein, der Hitlers Ansehen bei den Deutschen und deren Selbstbewusstsein als Bürger des „Dritten Reiches“ stärkte.

Den Ausbau dieser Straße, den Zeitgenossen als „großartig“ empfanden, sahen ihre Erbauer als würdig genug an, um ihn mit dem außenpolitischen Erfolg des „Anschlusses“ Österreichs in einer Inschrift zu verknüpfen.

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Wenn Österreich in der stets kämpferischen und militärischen NS-Sprache als „Ostmark“ bezeichnet wird, so erinnert das an einen „Vorposten“, geeignet einmal zur Verteidigung gegen die andrängenden slawischen „Horden“, aber auch zum Aufbruch zur Eroberung deutschen „Lebensraums“ im Osten.

Die glorifizierende Inschrift spricht von der „Rückkehr“ Österreichs ins Deutsche Reich. Sie täuscht damit darüber hinweg, dass sich der Einmarsch deutscher Truppen in Österreich unter staatsstreichähnlichen Umständen vollzog und einen Bruch des Völkerrechts darstellte. Wenige Monate später – im Oktober 1938 – folgte als gleichsam logisch nächster Schritt die Besetzung des ehemals österreichischen Sudetenlandes und die Zerschlagung der Tschechoslowakei. Dieser offenkundige Gewaltakt hätte eine Kriegserklärung Englands und Frankreichs und einen europäischen Krieg auslösen können und müssen. Beides folgte dann im September 1939, als Hitler Polen überfiel. Der Zweite Weltkrieg war da.

Ein Grund für den großzügigen Ausbau der Reichsstraße am Fuße des Ohrbergs war auch die Nähe des Bückebergs, der seit 1933 anlässlich der Feier des Reichserntedankfestes jeden Herbst Hunderttausende von Teilnehmern anzog. Das fertig vorbereitete Fest des Jahres 1938 wurde wenige Tage, bevor es stattfinden sollte, abgesagt. Die Sonderzüge, welche die Teilnehmer nach Hameln bringen sollten, wurden gebraucht, um Soldaten an die tschechoslowakische Grenze zu bringen. Der Zweite Weltkrieg, den das Programm der Reichserntedankfeste mit einer gigantischen Militärübung gleichsam vorwegnahm, kündigte sich an.

Weitere historische Fotos unter: zeitreise.dewezet.de

Das historische Motiv zeigt die Treppe zum Ohrberg im Jahr ihrer Fertigstellung 1938. Stadtarchiv

So zeigt sich die Anlage heute (unten): Links die Treppe, die von der B 83 zum Ohrberg hinaufführt, rechts die Brunnenanlage.

Gelderblom



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