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Wissenschaftler Markolf H. Niemz über Gott und das Leben nach dem Tod / Vortrag am 28. August

„Gläubige Physiker? Das ist kein Widerspruch“

Hameln. Die Bücher des Physikers Prof. Markolf H. Niemz sind eine ungewohnte Mixtur: Er verknüpft Naturwissenschaft mit Religion und nähert sich so den ganz großen Fragen: „Bin ich, wenn ich nicht mehr bin?“ lautet der Titel seines aktuellen Buches. Am morgigen Dienstag, 28. August, ist Niemz ab 18 Uhr zu Gast im Weserbergland-Zentrum. Eingeladen haben die Initiative „Kirche mischt sich ein“ und die Hochschule Weserbergland.

veröffentlicht am 27.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 16:41 Uhr

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Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Herr Prof. Niemz, gibt es ein Leben nach dem Tod?

Ich glaube heute nicht mehr an ein Leben nach dem Tod, aber an eine unsterbliche Seele. Wozu haben wir einen Körper, wenn wir auch ohne diesen existieren könnten? Erst unser Körper befähigt uns zum Fühlen, Lernen, Denken und Handeln, also zum Leben. Mit dem Körper stirbt auch mein Ich. Nur die Seele, die aus der gefühlten Liebe und dem gelernten Wissen besteht, ist masselos und kann deshalb beim Sterben ins Licht eintauchen, also unsterblich sein. Wer wie ich die Ewigkeit für vollkommen hält, kann gar nicht an ein Leben nach dem Tod glauben. Das Vollkommene lässt keine Entwicklung mehr zu, folglich auch kein Leben.

Viele Ihrer Aussagen basieren auf Berichten von Nahtoderfahrungen – ist das eine zuverlässige Basis?

Wissenschaft umfasst auch das, was sich nicht messen, analysieren oder verstehen lässt. Die Schulmedizin macht einen Fehler, wenn sie Nahtoderfahrungen zu Halluzinationen degradiert, weil sie diese nicht erklären kann. Wissenschaftler müssen jede Möglichkeit in Betracht ziehen, die noch nicht widerlegt ist. Ich kenne viele Betroffene, die während eines Herzstillstands etwas erlebt haben, was sich tatsächlich zugetragen hat, aber an einem ganz anderen Ort oder zu einer ganz anderen Zeit. Daraus kann ich nur den Schluss ziehen, dass Nahtoderfahrungen einen realen Kern haben müssen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, etwa die Hälfte aller Physiker glaube an Gott. Ein Widerspruch? Oder macht Physik gläubig?

Tatsächlich glaube ich, dass die intensive Beschäftigung mit der Natur gläubig macht. Wer beobachtet, wie stringent sich die Natur an ihre Gesetze hält, kommt nicht umhin, zu glauben, dass der Natur eine „zentrale Ordnung“ zugrunde liegt, wie es der Quantenphysiker Werner Heisenberg formulierte. Dass auch wir Physiker glauben, ist kein Widerspruch. Weil eine wissenschaftliche Theorie stets falsifizierbar sein muss, lässt sich nie beweisen, dass sie wahr ist.

Was ist für Sie Gott?

Wenn Gott alles umfasst, lässt sich Gott nicht auf eine Definition reduzieren. Wir können Gott nur mit Gleichnissen umschreiben, wobei ich auch als Christ dem Panentheismus sehr nahe stehe: Gott ist Schöpfer und Schöpfung in einem. Gott offenbart sich in der Natur und umfasst doch mehr als sie. Indem wir leben, entfaltet sich Gott.

Im Wissenschaftsbetrieb sind Ihre Thesen umstritten. Die Universität Heidelberg hat Sie um die Rückgabe Ihrer Lehrerlaubnis gebeten – mit welcher Begrün-dung?

Es war die Fakultät für Physik und Astronomie der Universität Heidelberg, die mich gebeten hat, meine Lehrerlaubnis zurückzugeben. Als Wissenschaftler dürfe ich physikalische Begriffe wie „Raum“, „Zeit“ und „Lichtgeschwindigkeit“ nicht mit religiösen Begriffen wie „Seele“ und „Ewigkeit“ verquicken. Ich bin dieser Bitte nicht nachgekommen, weil ich nichts physikalisch Falsches behaupte. Es ist mein gutes Recht, auch als Physiker an den Gott meiner Wahl zu glauben. Schließlich leben wir heute nicht mehr im Mittelalter.

Ihre Aussagen über Gott, die Seele, den Tod dürften auch in der Kirche auf Widerspruch treffen. Welche Erfahrungen haben Sie im Gespräch mit Kirchenvertretern gemacht?

Erfreulicherweise habe ich von den beiden großen Kirchen in Deutschland eine überwiegend positive Resonanz erfahren. Inzwischen halte ich mehr als die Hälfte meiner Lesungen und Vorträge in kirchlichen Einrichtungen. Dabei stößt insbesondere meine konkrete Auffassung von Ewigkeit auf ein reges Interesse. Weder die evangelische noch die katholische Kirche haben bis heute eindeutig Stellung bezogen, was mit dem ,ewigen Leben’ gemeint sei. Meine Interpretation, dass nur das Leben an sich ewig sei und nicht das individuelle Leben, fasziniert auch viele Gläubige.

Ist es egal, ob wir ethisch korrekt handeln oder nicht?

Grausame Verbrechen wie Attentate oder Amokläufe belegen, dass wir einen freien Willen haben. Die Frage ist allerdings, ob wir so handeln sollten oder nicht. Meine Antwort hierauf ist ein klares Nein, weil uns allen die größte Lernerfahrung noch bevorsteht – das Sterben. Obwohl es in vielen Nahtoderfahrungen nachzulesen ist, scheint es kaum jemand zu wissen: Beim Sterben durchlebt jeder sein ganzes Leben noch einmal, aber nicht nur aus seiner Perspektive, sondern aus den Perspektiven aller daran Beteiligten. Diese Lebensrückschau lässt uns allen Schmerz und alle Liebe fühlen, die wir den anderen im Leben zugefügt haben.

Prof. Markolf H. Niemz verbindet religiöse Themen mit der Relativitätstheorieund der Sterbeforschung.

Foto: pr



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