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Hinweise auf Rattenfängerstadt an der B 1 verschwunden – Landesbetrieb Straßenbau NRW: „Zu weit weg“

Gibt es Hameln wirklich?

Hameln/Paderborn. Dass Bielefeld laut einer Nonsens-Verschwörungstheorie in Wirklichkeit nicht existiert, dürfte sich herumgesprochen haben. Soll nach Bielefeld jetzt auch Hameln zu einem Fantasieprodukt degradiert werden? An der B 1 ist Hameln bereits ausradiert worden. Buchstäblich.

veröffentlicht am 21.12.2015 um 16:13 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:05 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Dass Bielefeld in Wirklichkeit nicht existiert, sondern ein von CIA, Mossad oder gar Außerirdischen in die Welt gesetztes Hirngespinst ist, um die Menschheit zu täuschen, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. So zumindest der Tenor einer Nonsens-Verschwörungstheorie (siehe Infokasten). Eine sonntägliche Fahrt auf dem ostwestfälischen Teil der Bundesstraße 1 wirft jetzt allerdings eine neue Frage auf: Soll nach Bielefeld jetzt auch Hameln zu einem Fantasieprodukt degradiert werden? An der B 1 ist Hameln bereits ausradiert worden. Buchstäblich.

Auf allen Wegweisertafeln – die Dewezet zählte mindestens vier – zwischen Erwitte und Schlangen ist „Hameln“ mit zum Schild passendem Gelb übermalt worden. Ziemlich plump. Schließlich schimmern die schwarzen Buchstaben sogar noch durch. Aber zugegeben: Um das zu erkennen, dafür muss man schon anhalten und das Schild aus nächster Nähe betrachten. Nach Schlangen und Detmold, Neuenbeken und Bad Lippspringe, die auf dem Schild noch angegeben sind, ist Hameln der nächstgrößere Ort in der Region. Doch statt des Hamelner Schriftzuges klafft dort nun ein gelbes Nichts.

Bereits im Januar wurde die Redaktion der Dewezet von einem aufmerksamen Autofahrer darauf hingewiesen, dass an der Autobahn 33 bei Paderborn sowie in der westfälischen Stadt selbst diverse Hinweisschilder mit der Richtungsangabe „Hameln“ überklebt oder durch den Hinweis „Detmold“ ersetzt worden sind (wir berichteten). Dabei liegt Detmold im Gegensatz zu Hameln noch nicht mal an der B 1.

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  • An mindestens vier Wegweisertafeln an der B 1 zwischen Erwitte und Schlangen ist „Hameln“ überklebt worden. Foto: pk

Damals wies die Pressestelle von Paderborn die Verantwortung für diese Maßnahmen von sich und beteuerte, keinerlei Ressentiments gegen die Weserstadt zu hegen. Und das nordrhein-westfälische Landesverkehrsministerium ließ auf Anfrage verlauten, dass Detmold für die Nutzer der B 1 als Ziel wichtiger sei als das deutlich weiter entfernt liegende Hameln. Deshalb habe man bereits 2009 beschlossen, zukünftig sowohl in Paderborn als auch an der A 33 darauf zu verzichten, Hameln als Fernziel anzugeben.

Zu weit weg?

Offenbar eine Frage der Blickrichtung …

Wieso aber die Tilgung des Ortshinweises „Hameln“ an der B 1? Schließlich wurde Hameln auf dem Schild nicht etwa durch eine andere Stadt ersetzt. Nein, es wurde ersatzlos gestrichen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?

Aber wenn es nun nicht Verschwörungstheoretiker sind, die die Rattenfängerstadt zu einem Hirngespinst von CIA, Mossad oder Außerirdischen erklären wollen – wer könnte ein Interesse daran haben, dass die Menschen nicht mehr nach Hameln finden? Etwa doch die Stadt Paderborn, die sich als Bischofs- und Unistadt noch stärker in den Vordergrund spielen will? Bad Lippspringe, wo man sich zusätzliche Gäste für die Westfalentherme erhofft? Detmold, wo noch mehr Besucher ins Freilichtmuseum gelockt werden sollen? Oder vielleicht Bielefeld, die Stadt, die auf diese Weise hofft, sich aus dem Schattendasein, in das sie durch die „Bielefeld-Verschwörung“ hineingeraten ist, wieder herauskatapultieren zu können?

Weder noch, teilt Jan Santos vom Landesbetrieb Straßenbau NRW mit. „Das Fern- und Nahzielverzeichnis der Autobahnen und Bundesstraßen wurde geändert. Deshalb wurde das Hameln im Mai 2013 an der B 1 überklebt. Aus demselben Grund hat man Hameln in Paderborn von den Wegweisertafeln runtergenommen und durch Detmold ersetzt“, sagt Santos. Und wieso wurde das Fern- und Nahzielverzeichnis geändert? „Bei der Überprüfung des Verzeichnisses wurde festgestellt, dass Hameln in Paderborn noch zu weit entfernt ist, um auf Schildern darauf hinzuweisen“, sagt Santos. Dasselbe, führt Santos aus, gelte im Übrigen auch für Münster, das ebenfalls von den Schildern in Paderborn getilgt worden sei.

In Niedersachsen sieht man die Sache offenbar anders. Zumindest sind in Hameln die Hinweise auf die im Umkehrschluss ja ebenfalls „zu weit entfernte“ Stadt Paderborn nicht entfernt worden. Also vielleicht doch eine Verschwörung?

Fakten: Die Bielefeld-Verschwörung

Bei der Bielefeld-Verschwörung handelt es sich um eine Internetsatire. Die Idee dazu entstand Anfang der 1990er Jahre unter Freunden auf einer Studentenparty: „Bielefeld? Das gibt es doch gar nicht!“ Student Achim Held machte einen Text daraus und stellte ihn ins Internet: „Vor einigen Jahren fiel es einigen Unerschrockenen zum ersten Mal auf, dass in den Medien immer wieder von einer Stadt namens ,Bielefeld‘ die Rede war, dass aber niemand jemanden aus Bielefeld kannte, geschweige denn selbst schon einmal dort war“, ist dort etwa zu lesen. Dieselben „Unerschrockenen“ machten im Oktober 1993 dann eine bahnbrechende Entdeckung: Auf der A 2 war an mehreren Wegweisertafeln „Bielefeld“ überklebt. „Da wusste die Gruppe: Man ist nicht alleine, es gibt noch andere, im Untergrund arbeitende Zweifler, womöglich über ganz Deutschland verteilt, die auch vor spektakulären Aktionen nicht zurückschrecken.“ In den Folgejahren entwickelte sich die Bielefeld-Verschwörung zu einem Running Gag. Die Theorie bedient sich dabei typischen Argumentationsstrukturen von Verschwörungstheorien: Die Verschwörer sind nahezu allmächtig, und jeder, der etwas anderes behauptet, steckt mit „ihnen“ unter einer Decke. 2010 erschien der Film „Die Bielefeld-Verschwörung“. pk



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