weather-image
23°

Kontroverse Reaktionen auf Ausstellung im Münster / Einladung zum „Nachdenken über den Glauben“

Geschmacklos oder eine Frage des Geschmacks?

Hameln. Da steht er – völlig versunken in den Anblick einer Kirchensäule, aber irgendwie unpassend für das Gotteshaus gekleidet: ein Tourist mit Schirmmütze und kurzen Hosen, über die sich ein Bierbauch wölbt. Darf man so das Hamelner Münster betreten? Nebenan lümmelt sich ein Teenager auf der Kirchenbank und telefoniert ungeniert mit seinem Handy. Ist das Münster der richtige Ort für dieses Gespräch? Und wer hat, um Himmels Willen, der leicht bekleideten jungen Frau erlaubt, hinter dem Altar zu tanzen?

veröffentlicht am 10.06.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 18:41 Uhr

Nicht alle Skulpturen kommen an: Die Tänzerin in der Münster-Aus

Autor:

Karin Rohr
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

„Verletzen aber möchten wir nicht“

Sie überraschen, irritieren und provozieren – die zwölf lebensechten Münster-Menschen der Ausstellung „Typisches und Sakrales“. Besucher schütteln verwundert den Kopf, einige lächeln amüsiert, andere ärgern sich, sind verletzt. So wie Peter Woods, der in einem Schreiben, das im Münster ausliegt, feststellt: „Die Entscheidung des Kirchenvorstands, ein tanzendes Mädchen hinter den Altar, den heiligsten Ort, zu positionieren, ist nicht durchdacht. Diese Position ist nicht ,cool’, sie ist geschmacklos, respektlos, verletzend.“

Münsterkirchenpastorin Friederike Grote ist sich sehr wohl bewusst, dass einige der Skulpturen dieser aus Sachsen stammenden Ausstellung auf Irritationen stoßen. Das sei durchaus im Sinne der von den Künstlerinnen Jördis Lehmann und Anna Leuthardt eigens für Kirchenräume geschaffenen Schau, die in Hameln erstmals auf niedersächsischem Boden zu sehen ist. „Verletzen aber möchten wir nicht“, antwortet Friederike Grote in ihrem Schreiben an Woods: „Leid tut es mir, wenn wir durch die Positionierung der tanzenden jungen Frau Ihre religiösen Gefühle verletzt haben.“

Für die Münsterkirchenpastorin sind alle Figuren „Momentaufnahmen, ein Augenblick des Lebens eingefroren“. Sie könne sich gut vorstellen, dass die junge Frau am Altar „zur Ehre Gottes und zum Lob Christi“ tanze. Grote: „Für mich kann sich der Glaube mit dem ganzen Körper ausdrücken.“ Auch wenn sie einräumt, dass der Standort durchaus provozieren könne, steht eine Versetzung der Figur für den Ausstellungszeitraum nicht zur Diskussion. Die Präsentationsorte seien vom Kirchenvorstand bewusst gewählt worden, um ein „neues Nachdenken über den Glauben, über Traditionen und Tabus“ zu schüren. Rückgängig gemacht werden könne die Platzierung nicht: „Der KV-Beschluss ist verpflichtend und von der Landeskirche vorgeschrieben,“ erklärt die Pastorin, „damit nicht jeder nach dem eigenen Geschmack verstellen kann.“

Dass der betende Handwerker oder das auf den Altar krabbelnde Kind auch positiv wahrgenommen werden, hat Christel Amelung von der „Willkommensgruppe“ beobachtet, einer Gruppe von Freiwilligen, die Besucher in der Kirche begrüßen, ihnen etwas zur Geschichte des Bauwerks erzählen oder – wie in diesem Fall – in der Ausstellung Aufsicht führen. Eine Aufgabe, die Christel Amelung gern übernommen hat: „Viele Menschen gehen fröhlich aus der Kirche“, hat sie festgestellt. Auf ihre Frage, wie ihnen die Schau gefalle, habe sie eine überwiegend positive Resonanz erfahren. Amelung: „Viele finden sie interessant, aber es gibt natürlich auch kritische Stimmen.“

„Wir wussten, dass die Ausstellung kontroverse Reaktionen hervorrufen kann. Das ist auch beabsichtigt“, sagt Superintendent Philipp Meyer. Hinter Abwehrreaktionen steht für ihn die Frage: „Wollen wir bestimmte Personen in der Kirche nicht haben?“ Simon Pabst, Öffentlichkeitsbeauftragter des Kirchenkreises Hameln-Pyrmont, möchte da gern noch tiefer bohren: „Was stört?“ Und: „Erwarten wir immer dieselben Menschen in der Kirche?“

„Typisches und Sakrales“ ist im Münster noch bis 3. Juli, täglich von 10 bis 18 Uhr, zu sehen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?