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Pfleger, Ärzte und Juristen diskutieren über verschlossene Türen in Heimen

Geschlossene Gesellschaft?

Hameln. Es ist doch nur zu ihrem Besten – so lautete häufig die Argumentation, wenn in in der Pflege freiheitsentziehende Maßnahmen eingesetzt werden. Der Gedanke ist ja so unverständlich auch nicht; dennoch bleibt die Frage: Ist es moralisch in Ordnung, einen Menschen der Freiheit zu berauben, um ihn zu sichern – ob nun mit Bettgittern, sedierenden Medikamenten oder verschlossenen Türen? Nein, finden Mitglieder des sogenannten Werdenfelser Weges: Rund 30 Personen treffen sich regelmäßig, um alternative Wege auszuloten – so auch am Montagnachmittag. Dabei wird eines deutlich: Juristen, Ärzte, Pflegekräfte und Berufsbetreuer sprechen zum Teil sehr unterschiedliche Sprachen. Sie eint allerdings, dass sie sich mit dem Status quo in der Pflege nicht abfinden wollen.

veröffentlicht am 08.02.2016 um 18:39 Uhr
aktualisiert am 27.10.2016 um 20:21 Uhr

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Autor:

von andrea tiedemann
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Diskussionsbedarf gab es vor allem bei der Frage, wie offen ein Heim sein soll und kann. Wie sieht es eigentlich aus, wenn die Eingangs- und Ausgangstüren systematisch verschlossen werden? Oder was ist, wenn mit Tricks gearbeitet wird? Zahlencodes zur Türöffnung, vorgetäuschte Bücherwände, hinter denen sich eine Tür verbirgt – für viele Demenzkranke sei hier nicht klar, wie sie den Raum verlassen können, gibt Berufsbetreuerin Sabine Munzel zu bedenken. Ist dies also schon eine Unterbringung oder unterbringungsähnliche Maßnahme im rechtlichen Sinn, die einer Genehmigung bedarf?

Laut Desirée Wilkening, Richterin am Amtsgericht, sieht man den „Täuschungseffekt als marginal“ an. Von anderer Seite kommt Widerspruch: Wenn der Bewohner damit intellektuell überfordert sei, handele es sich sehr wohl um eine unterbringungsähnliche Maßnahme, wird argumentiert. Nicht weniger kontrovers wurden elektronische Fußmatten diskutiert, die dem Pflegepersonal ein Alarmsignal geben, wenn der Pflegebedürftige das Bett verlässt. Zunächst einmal gehe es dabei nur darum, auf den Bewohner aufmerksam zu machen. Ein einfühlsames Gespräch helfe dann oft, den Bewohner ins Bett zurückzubringen.

Was aber tun, wenn ein Bewohner wirklich um jeden Preis das Haus verlassen will und sogar gegen die Tür schlägt? Michael Jungnitz vom Altenpflegeheim St. Monika kennt solche Fälle. Generell müsse man doch prüfen, ob der Bewohner das Haus wirklich verlassen will. Denn häufig gehe es schlicht darum, Zuwendung oder Betreuung zu bekommen. Da ein Heim aber nun mal kein Gefängnis ist, muss jeweils im Einzelfall geprüft werden: Ist jemand orientiert und entscheidet, nachts mit dem Taxi zu den Angehörigen zu fahren, muss man ihn gewähren lassen.

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  • Zahlencodes, die Demenzkranke sich nicht merken können – ist das schon Freiheitsentzug?

Was hat die Bewegung schon erreicht? Im Bereich der Bettgitter und Fixierungsgurte habe ein „kultureller Wandel“ stattgefunden, sagt Wilkening, anders sehe es aber im Bereich der Medikation aus. „Hier tut sich noch nicht so viel.“ Vor allem müsse man mehr Ärzte mit ins Boot holen, denn das Problem mit sedierenden Medikamenten sei häufig, dass nicht genau differenziert werde in der ärztlichen Darstellung: Handelt es sich um eine medizinisch notwendige Therapie oder geht es darum, das Verhalten einzuschränken – letztlich also um eine freiheitsentziehende Maßnahme? Für diesen Fall wäre nämlich eine Genehmigung des Gerichts einzuholen. Dass bei Medikamenten in der Pflege immer wieder rechtlich nicht ganz sauber gearbeitet, berichtet Berufsbetreuerin Sabine Munzel. Sie hat die Gesundheitsfürsorge für mehrere Menschen übernommen, die nicht mehr selber entscheiden können und keine Angehörigen haben, die das übernehmen. „Ich bekomme gar nicht immer mit, dass die Medikation geändert wird“, berichtet sie aus ihrem Alltag. Dabei müsste sie eigentlich vor einer solchen Medikamentengabe an den Bewohner im Heim vorher dazu einwilligen – stellvertretend für den Pflegebedürftigen. Die Praxis sieht offenbar anders aus. Das Problem, so schält sich heraus, sind vor allem Zuständigkeiten: Wer muss wen informieren?



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