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Hüter eines Schatzes

Gerhard Fricke teilt seltene Hameln-Fotos im Netz

HAMELN/MÜNSTER. Gerhard Fricke ist der Hüter eines großen Schatzes – und teilt ihn großzügig mit dem Rest der Welt. Der Schatz des 57-Jährigen besteht aus Tausend und Abertausend Fotos, bei denen es sich vor allem um alte Aufnahmen von Hameln sowie um historische Postkarten handelt. Die sammelt und hegt und pflegt er nicht nur, sondern lädt sie auch Tag für Tag in der Facebook-Gruppe „Unser Hameln“ hoch. Darunter echte Fundstücke, um die ihn mancher beneidet.

veröffentlicht am 17.04.2018 um 18:33 Uhr
aktualisiert am 18.04.2018 um 10:50 Uhr

Die Osterstraße, weihnachtlich geschmückt, im Dezember 1971 mit Blick auf die Kepa. „Die Passanten sind teils unscharf beziehungsweise verwischt, was eher weniger an hektischer Betriebsamkeit der Vorweihnachtszeit liegt, als an langer Belichtungszeit
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Das Sammeln und Schießen von Fotos liegt in der Familie von Gerhard Fricke, wie er im Telefongespräch mit der Dewezet erzählt. Nach Hameln verschlage es ihn nicht mehr oft, seit er in Münster lebt und, als letzter noch lebender von ehemals vier Geschwistern, hier keine Verwandten mehr habe. Schon seine Großväter hätten in Hameln fotografiert. Besonders der eine, dessen Nachlass zuerst an Gerhard Frickes älteren Bruder, Ernst-Jürgen Fricke, überging, der selbst „leidenschaftlicher Fotograf“ gewesen sei, und nach dessen Tod Ende der 90er Jahre an ihn selbst. Mehr als 80 000 überwiegend alte Fotos umfasst Frickes Archiv, darunter 15 000 Dias. Dazu kommen etliche Ansichtskarten, von denen er bislang 1500 eingescannt habe.

Abgesehen von seinem eigenen Faible, den er für die Fotografie habe, sei es der Vorsatz gewesen, eine Familienchronik zu erstellen, die ihn dazu brachte, sich mit den unzähligen Fotografien aus seinem Familienerbe eingehend zu befassen. Sein erklärtes Ziel: eine Seite pro Tag zu schreiben.

1983 kehrte der Hamelenser seiner Geburtsstadt den Rücken, ging zur Bundeswehr und studierte da, bevor es ihn 1985 nach Münster verschlug – „der Liebe wegen“. Trotzdem hält er Hameln bis heute die Treue. Mit seinem Online-Abo der Dewezet halte er sich über die Geschehnisse in der Weserstadt auf dem Laufenden – und weiß, wie er sagt, das historische Digital-Archiv unserer Zeitung sehr zu schätzen. Bis dahin sei er auf die Print-Artikel seines Bruders angewiesen gewesen, der schon fleißig gesammelt habe. Inzwischen stöbert er im digitalen Zeitungsarchiv der Dewezet – und das täglich. „Ich gehe immer vom aktuellen Tag aus und gehe dann im Archiv zurück, 20, 30, 40 Jahre und so weiter“, erzählt er. Die gefundenen Artikel postet er, freilich mit Quellenangabe, in der Facebook-Gruppe: am vergangenen Montag etwa einen von vor 35 Jahren über die Eröffnung des Hotels Altstadt-Wiege in der Neuen Marktstraße, am Dienstag einen von vor 45 Jahren über die Großbaustelle des im Entstehen begriffenen Bellevue-Centers am 164er-Ring. Es seien „nette Geschichten“ wie solche, aber auch in der Gruppenkommunikation zu erfahren, wer wann mal wo gewohnt habe, was ihm zusätzlich Freude bereite.

Gerhard Fricke Foto: pr
  • Gerhard Fricke Foto: pr
1926: Gerhard Frickes Großvater (li.), Heinrich Wente (†1957), in seinem ersten Auto: einem Hanomag Komißbrot. Foto: G. Fricke/pr
  • 1926: Gerhard Frickes Großvater (li.), Heinrich Wente (†1957), in seinem ersten Auto: einem Hanomag Komißbrot. Foto: G. Fricke/pr
1976: Die Pfortmühle noch mit Brücke zum Speicher, rechts im Bild das einstige Hotel Bremer Schlüssel. Foto: G. Fricke/pr
  • 1976: Die Pfortmühle noch mit Brücke zum Speicher, rechts im Bild das einstige Hotel Bremer Schlüssel. Foto: G. Fricke/pr
Der Blick vom Klüt im Jahr 1913. Foto: G. Fricke/pr
  • Der Blick vom Klüt im Jahr 1913. Foto: G. Fricke/pr
Gerhard Fricke Foto: pr
1926: Gerhard Frickes Großvater (li.), Heinrich Wente (†1957), in seinem ersten Auto: einem Hanomag Komißbrot. Foto: G. Fricke/pr
1976: Die Pfortmühle noch mit Brücke zum Speicher, rechts im Bild das einstige Hotel Bremer Schlüssel. Foto: G. Fricke/pr
Der Blick vom Klüt im Jahr 1913. Foto: G. Fricke/pr

Das Besondere an diesen alten Aufnahmen besteht schon allein in ihrer Seltenheit. „Früher, wenn überhaupt, haben die Leute Familienfeiern fotografiert oder Porträts gemacht, aber normalerweise nicht den Bäcker Harms an der Ecke Koppenstraße“, sagt Fricke. Der Grund liegt auf der Hand: Fotografieren war lange Zeit teuer, jedes Motiv musste daher wohl überlegt sein. Ferner gehören zu Frickes Fundus die alten „Wegweiser durch Hameln“-Hefte, der einstige „Klüt-Kalender“ sowie die Standardwerke von Spanuth oder Sprenger. Denn Fricke beeindruckt nicht nur mit imposanten Bildern, sondern auch mit Wissen. Dies tritt zutage, wenn er die Fotos, die er hochlädt, entsprechend beschreibt, oder in anderen Facebook-Gruppen, wie in „Wenn du in Hameln aufgewachsen bist, dann …“, oder etwa auf der Facebook-Seite des Hamelner Stadtarchivs kommentiert. „Gerhard Fricke ist ein sehr aktiver Follower und Kommentator der Facebook-Seite des Stadtarchivs und beeindruckt uns immer wieder mit seinem profunden Hameln-Wissen“, bestätigt Stadtarchivar Olaf Piontek. „Er hat uns mit seinen Kommentaren schon des Öfteren sehr wertvolle und treffsichere Hinweise bei der Identifizierung von unbekannten Fotos gegeben.“

Und es ist nicht so, dass Fricke nicht noch andere Dinge zu tun hätte. Beruflich arbeitet er für die Westfalen Bus GmbH. „Ich mach’ das nicht aus Langeweile“, sagt er. Hauptantrieb sei die Familienchronik. Zwei Stunden verbringe er täglich damit, Fotos zu sichten und hochzuladen. „Ich bin da schon sehr bei der Sache, finde das richtig spannend“, sagt der verheiratete Vater von zwei erwachsenen Söhnen (26 und 28).

Es solle aber nicht der Eindruck entstehen, er lebe in der Vergangenheit. Im Gegenteil. Auch wenn er selbst mal nostalgisch das Vergangene verkläre, wisse er doch: „Früher war nicht alles besser“.

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