weather-image
10°
Warum er über Nacht pleite ging

Gerd Siepmann und das Wohnzimmer voller Unterschriften

HAMELN. Wenn Gerd Siepmann in den Spiegel mit dem goldenen Rand blickt, fühlt er sich zu Hause. „Das K3 ist mein zweites Wohnzimmer“, sagt er. Für die kleine Musikkneipe organisiert er Konzerte mit Künstlern aus aller Welt. Er tut das, weil er Livemusik liebt. Dabei stürzte die ihn vor fast 20 Jahren in die Pleite.

veröffentlicht am 04.09.2018 um 11:19 Uhr

In der Musikkneipe K3 haben sich Musiker aus aller Welt nach ihren Auftritten an der Wand verewigt. Viele von ihnen kennt Gerd Siepmann persönlich. Foto: mo
Muschik, Moritz

Autor

Moritz Muschik Volontär zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Am Tag darauf sollte eigentlich das letzte Konzert stattfinden, die Tour abrunden. „Es war kurz vor dem Abschlusskonzert einer Band, die ich damals begleitet habe“, erzählt Gerd Siepmann. Doch aus dem schönen Abschluss der Tour wurde nichts. „Der Tourneeleiter hat die Band einfach in den Flieger nach Kanada gesetzt und ist mit dem Geld abgehauen“, sagt er. Über Nacht ging Siepmann pleite. „Vorher hatte ich eine Firma, die gut funktionierte. Aber nach dieser Nacht musste ich mich irgendwie durchhangeln.“

Rückblick: Ein paar Jahre zuvor hatte Siepmann die Booking-Agentur „Rockline Promotion“ gegründet. Zu der Zeit wohnt er noch in seiner Geburtsstadt Duisburg. In den 1990er Jahren ging es voran. „Ein guter Freund rief mich an und fragte, ob ich nicht Lust hätte, Wishbone Ash zu buchen.“ Die Gruppe sei die „absolute Lieblingsband seiner Jugend“ gewesen. Siepmann organisierte eine Deutschland-Tour für die Band, begleitete über Jahre hinweg weitere Musiker. Alles lief gut – bis zu dieser verhängnisvollen Nacht ein paar Jahre später. „Ich habe danach sehr lange versucht, meine Schulden wegzubekommen, habe im Telefonmarketing gearbeitet und alles Mögliche gemacht“, sagt er. „Nur, damit ich meinen Traum weiterleben konnte.“ Schließlich meldete er Privatinsolvenz an.

Musik ist meine Leidenschaft. Das ist das, wovon, wofür und womit ich lebe.

Gerd Siepmann, Ratsmitglied

Inzwischen liegt die schwerste Zeit hinter ihm. Seine große Leidenschaft ist nach wie vor die Livemusik: „Das ist das, wovon, wofür und womit ich lebe.“ Als ihn sein Bruder Jochen 2005 fragte, ob er ihn beim „JochnRoll-Festival“ unterstützen könnte, musste er nicht lange überlegen. Ein paar Festivals später fing er im K3 in der Baustraße an. Als Agent organisiert er für die kleine Musikkneipe Konzerte mit Musikern aus aller Welt. „Es nutzt nichts, zu Hause vorm Computer zu sitzen und sich Youtube-Videos anzugucken“, meint er. „Live ist doch viel schöner.“

Gerd Siepmann sagt, er sei überzeugter Radfahrer. Der gebürtige Duisburger sitzt im Hamelner Stadtrat und ist Fraktionsvorsitzender der Partei Die Linke. Die Livemusik ist seine Leidenschaft. Foto: mo
  • Gerd Siepmann sagt, er sei überzeugter Radfahrer. Der gebürtige Duisburger sitzt im Hamelner Stadtrat und ist Fraktionsvorsitzender der Partei Die Linke. Die Livemusik ist seine Leidenschaft. Foto: mo

Dabei sei es ihm wichtig, Kunst und Politik zu verknüpfen. Siepmann sitzt im Hamelner Stadtrat, ist seit kurzer Zeit Fraktionsvorsitzender der Partei Die Linke. „In meiner Jugendzeit war ich politisch engagiert in der Friedensbewegung“, erzählt er. „Irgendwann aber war ich frustriert, weil mir der ideologische Unterbau fehlte.“ Lange ruhte sein politisches Engagement. Dann sei Lars Reineke, der damalige Fraktionsvorsitzende der Partei, auf ihn zugekommen. „Er fragte, ob ich nicht in die Politik gehen und sein Nachfolger werden möchte.“ Seit diesem Jahr hat er das Amt übernommen.

Ihm ist eine klare Positionierung gegen Rechtsextremismus wichtig. „Was dort in Chemnitz passiert ist, ist abartig“, sagt er. „Aber es ist eine Folge der Politik, die seit Jahren keine Antworten mehr weiß.“ Die kritische Haltung habe er von seinem Vater. „Er war früh politisch aktiv. Durch ihn bin ich ein kritischer Mensch geworden.“ Seine Mutter wiederum brachte ihm die ersten Griffe auf der Gitarre bei. Siepmann meint: „Wenn es in jeder Familie so einen Zusammenhalt geben würde wie bei uns, wäre die Welt ein bisschen besser.“

Als Musiker würde sich der 55-Jährige aber nicht bezeichnen, eher als Musikliebhaber. Dabei erzählt er stolz davon, dass er der erste Sänger einer Vorgängerband von „Blind Guardian“ war. Die Gruppe spielt heute zum Beispiel als Headliner beim berüchtigten Wacken Open Air. „Irgendwann habe ich festgestellt, dass ich nicht gut genug war“, sagt Siepmann. „Ich hatte zu wenig Ausbildung als Gitarrist oder Sänger.“ Also startete er mit der Organisation von Konzerten – lernte so viele prominente Künstler kennen. Einige von ihnen waren bereits im K3 – und haben die kleine Musikkneipe in der Baustraße bis auf den letzten Platz gefüllt. Nach ihren Auftritten haben sich die Bands an den gelben Wänden verewigt. Kaum eine Stelle ist noch frei. Darauf ist Gerd Siepmann stolz.

Wenn er in seinem zweiten Wohnzimmer vor dem meterhohen Spiegel steht, ist er zufrieden. Weil es der Ort ist, an dem er sich zu Hause fühlt. Und weil er die schlechten Tage hinter sich hat.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt