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Die fast blinde Anastasia Patsiarizis bleibt bei der HMT – unbefristet

„Gelandet!“

Hameln. Wer am Flughafen wartet, um jemanden abzuholen, kennt dieses schöne Gefühl: Endlich steht auf der Anzeigetafel „gelandet“. Sicher. Angekommen. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten hat auch Anastasia Patsiarizis dieses Gefühl. Sie darf durchatmen, darf bleiben, muss nicht länger rotieren, hat gefunden, kann aufhören, zu suchen. Mit 47 Jahren hat sie einen Job, unbefristet. Die Hameln Marketing und Tourismus GmbH stellt die blinde PR-Juniorberaterin fest an.

veröffentlicht am 11.09.2014 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:41 Uhr

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Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Hinter der gebürtigen Pyrmonterin liegen viele Jahre Zickzackkurs mit Ungewissheit. Bis heute, bis zum Ziel, war es „harte Arbeit“ sagt sie, die nie müde wurde, sich weiterzubilden und sich immer wieder zu bewerben. Sie war schon 25 Jahre alt, als sie sich erstmals ernsthaft damit befasste, das Arbeitsleben als Blinde meistern zu müssen. Vorher hatte sie sich, wie sie sagt, gar nicht „als so behindert wahrgenommen“. Zwar hatte ihr Sehvermögen seit ihrem 16. Lebensjahr immer weiter abgenommen, aber „behindert“? Zunächst hatte sie noch versucht, auf normalem Weg eine Ausbildungsstelle zu finden und war „kläglich gescheitert“. Irgendwann überwand sie sich und fragte bei der Agentur für Arbeit nach einer Umschulung für Blinde. Dass sie dafür zum Berufsförderungswerk für Sehbehinderte nach Düren musste, und nicht in Bad Pyrmont bleiben konnte, machte die Sache nicht besser – schließlich hatte sie eine sechsjährige Tochter, die dann notgedrungen während der Woche bei den Großeltern lebte. Sie lernte Kauffrau zur Bürokommunikation, eine kleine Sensation. Bis dahin waren Blinde vor allem Masseure oder Telefonisten, Klavierstimmer oder Korbmacher, erzählt Anastasia Patsiarizis.

Sie war arbeitssuchend, wie es heißt, hatte bei den Paritäten eine ABM-Stelle, befristet, war beim Hospizverein, befristet, war wieder arbeitssuchend, bildete sich weiter, … Nie gab es einen Platz zum Innehalten, stattdessen stets die Frage „wie geht es weiter, woher kommt das Geld?“. Parallel wuchs aber auch das Wissen um die eigenen Stärken: „Ich war irgendwie immer in der Öffentlichkeitsarbeit tätig“, habe sie festgestellt. Organisieren, reden, planen – ihr Ding. Trotz aller Anstrengungen aber: Sie fand keinen Arbeitgeber, nicht auf eigene Faust. „Jetzt muss ich mir einen stärkeren Partner suchen“, lautete ihr Entschluss. So stieß sie auf die Frankfurter Stiftung für Sehbehinderte und Blinde.

PR-Juniorberaterin in der dualen Ausbildung – das sollte es sein. 60 Unternehmen, die sie selbst vorgeschlagen hatte, wurden angeschrieben, abtelefoniert, gefragt, ob sie Anastasia Patsiarizis dieses zwei Jahre dauernde Volontariat ermöglichen können und wollen. Darunter die HMT. Beim zweiten Anlauf dann, nachdem alle Unternehmen bereits einmal abgeklappert waren, erklärte die HMT sich dazu bereit, erzählt Patsiarizis. „Wie sollen wir das denn machen“, fragen sich viele Arbeitgeber. Wie eine Blinde einarbeiten, wie beschäftigen, welche Arbeit kann sie, was geht nicht? Das herauszufinden, funktioniere nur im Gespräch, so die 47-Jährige, die über zwei Prozent ihrer einstigen Sehkraft verfügt – Tendenz schlechter werdend.

Bei der HMT funktionierte es letztlich so: „Wir haben ihr sukzessive immer mehr Aufgaben gegeben“, erzählt Geschäftsführer Harald Wanger. Er habe den Eindruck gehabt, dass die Stiftung das sehr professionell mache, die Betreuung, die Unterstützung. Zudem bekam und bekommt Anastasia Patsiarizis beziehungsweise die HMT finanzielle Unterstützung von der Agentur für Arbeit und dem Integrationsamt in Hildesheim.

Zum einen zahlen sie einen Teil des Gehalts, zum anderen die technische Ausstattung, die der fast blinden Frau das Arbeiten leichter macht: ein Lesegerät zum Beispiel, eine Braille-Leiste für die Tastatur, ein Modul fürs Telefon, damit sie erkennt, ob sie von intern oder extern angerufen wird. Alles in allem wurden jetzt gerade rund 30 000 Euro für die Anschaffungen bewilligt. Eine spezielle Sprachausgabe beispielsweise ermöglicht ihr das Hören von E-Mails und anderen Texten – in einer irren Geschwindigkeit, bei der ein Ungeübter kein Wort versteht. „Das ist so, als würde ein Sehender querlesen“, sagt Patsiarizis.

„Es tut allen gut, inklusiv zu arbeiten, der eigene Blick wird geweitet“, sagt Wanger über die seit zwei Jahren im Team Mitarbeitende. Aber er sagt auch: „Ohne die Bezuschussung würde es nicht gehen.“ Anastasia Patsiarizis jedenfalls ist froh über ihren festen Job. „Ich war immer auf dem Absprung, musste ständig weitersuchen und mich neu orientieren“, erzählt sie. Jetzt könne sie „hier getrost weiter ausbauen“, was sie bei der HMT begonnen hat: die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit erweitern, neue touristische Projekte erdenken und umsetzen, auch für blinde Besucher. Beruflich jedenfalls ist sie „gelandet“, wie sie sagt. Jetzt müsse sie nur noch eine Wohnung in Hameln finden, von der aus sie sicher geleitet zum Arbeitsplatz kommt.



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