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Von der Warteschule zu den „Altstadtmäusen“ – Einrichtung feiert 100. Geburtstag

„Gehörig gewaschen“ in die Kita

HAMELN. Die Haare verstrubbelt, weil die Zeit morgens einfach zu knapp war, Löcher in den Jeans, weil sie ohnehin im Laufe des Tages wieder durchgescheuert werden – überhaupt Jeans! Wer heute so in den Kindergarten kommt, fällt nicht auf. Vor 100 Jahren aber wäre das Kind, dessen Eltern gewagt hätten, es in dieser Erscheinung abzugeben, sehr wahrscheinlich wieder weggeschickt worden. Vor 100 Jahren wurde am 23. April 1919 in Hameln der erste städtische Kindergarten gegründet. Was heute die Altstadtmäuse sind, war bis dato eine private Warteschule gewesen. Und dort hatten die kleinen Kinder ordentlich auszusehen.

veröffentlicht am 12.04.2019 um 12:39 Uhr
aktualisiert am 12.04.2019 um 13:21 Uhr

Das Domizil der Altstadtmäuse an der Alten Marktstraße. Foto: BHA
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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„Gehörig gewaschen, gekämmt und ordentlich gekleidet“ – so mussten sie in den Räumen an der Alten Markstraße 40 erscheinen, gebracht von den „Ältern selbst oder von anderen erwachsenen Personen“. Um 7 Uhr im Sommer und um 8 Uhr im Winter. Längstens zwölf Stunden konnten die Kinder dort verbringen, bekamen Essen, mussten (!) schlafen, spielten, lernten. Voraussetzung dafür, dass Eltern ihre Kinder dort betreuen lassen konnten: dass sie, die „Ältern“, „arbeitslustig“ sind, wie es in den Bedingungen zur Aufnahme geschrieben steht. Auch die Kinder selbst mussten Kriterien erfüllen: Sie „müssen gehen können, zur Reinlichkeit bereits gewöhnt und gesund sein“ und nicht älter als sechs Jahre. Heute befindet sich in jeder Kita ein Wickeltisch.

In den Anfangszeiten – bereits 1842 wurde die erste private Warteschule der Stadt von Hausmutter Eveline Dietrich hier geführt – wurden 16 Kinder betreut. „Später waren es 40 bis 50“, weiß die heutige Leiterin Christiane Sievers. Sie bereitet sich seit geraumer Zeit zusammen mit ihren Kollegen auf das Jubiläumsfest für die Öffentlichkeit im Juni vor und erwartet zunächst einmal für den 15. April hohen Besuch für die Kinder: Ernie! Ernie aus der Sesamstraße kommt, zusammen mit seinem Quietscheentchen. „Wir hatten uns im Rahmen von ,Wünsch dir deinen NDR beworben‘“, erzählt Christiane Sievers. Und gewonnen.

Ohne gegründete Ursache darf ein Kind den Besuch der Anstalt nicht versäumen.

Aus den Aufnahmebedingungen

Diese besondere Begegnung mit dem wuscheligen Sesamstraßen-Star bleibt allerdings nur einigen Kindern der Kita vorbehalten. Auch die kleine 100-Jahr-Feier am 23. April soll intern stattfinden. Am Freitag, 28. Juni, lassen die Großen, die hinter den Altstadtmäusen stehen, es dann krachen. „Zusammen mit den Kindern und Senioren der A.R.A., die in diesem Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiern, haben wir ein tolles Programm mit vielen Aktionen geplant“, erzählt Christiane Sievers.

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Bei gutem Wetter wurde das Spielzeug nach draußen geholt. Vermutlich stammen die Fotos aus dem Jahr 1928. Foto: Blesius

21 Jahre nach der Eröffnung des ersten städtischen Kindergartens entstand in der ehemaligen Kapelle des Heiligen Jodocus ein Schlaf- und Ruheraum. Zuvor waren die kleinen Betten in einem Raum jeden Tag aufs Neue auf- und wieder abgebaut worden. Heute befindet sich dort, wo die Kinder zum Schlafen, zumindest zum Schweigen, verdonnert wurden, ein Gruppenraum. Wo Zwang herrschte, gilt heute: Wer möchte, darf schlafen. Wer übrigens damals angemeldet war, hatte auch zu kommen – „ohne gegründete Ursache darf ein Kind den Besuch der Anstalt nicht versäumen“! Mitbestimmung der Kinder wurde kleingeschrieben – heute werden die Bedürfnisse der Kinder in den Vordergrund gestellt, und es wird von den Angestellten darauf geachtet, dass sie bekommen, was sie für ein gutes Leben brauchen – als Bestandteil des sogenannten lebensbezogenen Ansatzes, nach dem die Kita laut Leiterin Christiane Sievers arbeitet.

Während die etwa 115 Mädchen und Jungen heute direkten Zugang zu einem 1200 Quadratmeter großen eigenen Außengelände haben, mussten ihre Vorgänger früher zum Draußenspielen immer einen Spielplatz in der Großen Hofstraße besuchen. Aus Kinderperspektive nahezu unbegrenzten Raum unter freiem Himmel gibt es heute für die Kinder der Außengruppe – die Waldmäuse –, die 2007 eröffnet wurde. 25 Kinder sind täglich auf dem Finkenborn unterwegs, umgeben von Natur. 18 Mitarbeiter kümmern sich um die Kinder in der Stadt und auf dem Klüt. Früher spielte sich der Kita-Alltag hauptsächlich an Ort und Stelle ab, heute „gehen wir viel mehr nach draußen“, sagt Sievers: Besuche bei der Polizei, der Feuerwehr, eine Waldwoche stehen auf dem Programm. In den 70ern, weiß Christiane Sievers, habe es neben den deutschstämmigen Jungen und Mädchen viele Kinder aus jugoslawischen, italienischen und griechischen Familien in der Einrichtung gegeben, heute zählt sie etwa 25 Nationen. Alle zusammen werden die 100-Jährige, „ihre“ Altstadtkita, in den kommenden Wochen gebührend feiern.

Information

Erinnerungen an die Kita

Pauline Fasse (31) war ab 1990 dort, ihre Kinder Linus (4) und Henry (3) sind es jetzt. Sie war zweieinhalb, erzählt Pauline Fasse, also noch sehr klein, und es sei gar nicht so einfach gewesen, dass sie in dem Alter schon dort hinkonnte, erzählt sie. „Ich habe sehr gute Erinnerungen an die Zeit und bin wirklich gerne hingegangen. Andrea, meine Erzieherin, arbeitet dort heute noch, und meine beste Freundin habe ich dort kennengelernt.“
Auch Christa Provost hat den Kindergarten besucht, von 1940 bis 1941. In einem handschriftlichen Brief gratuliert sie der Einrichtung zum 100-jährigen Bestehen und schreibt: „„Tante Lucie“ habe ich noch gut in Erinnerung.“ (Lucie Duwe war damals die Leiterin). Sie sei ganz stolz gewesen, dass sie nach „einiger Zeit mit kleinen bunten Stiften malen durfte (ich war 4 Jahre alt) mit den größeren Kindern), und ich war sehr stolz“. „Nicht schön“, schreibt sie weiter, „habe ich noch in Erinnerung, daß wir Mittagsruhe halten mußten, in bunten Liegestühlen, im Sommer im Garten, mucksmäuschenstill!!“ Sie sei damals alleine mit ihrer Freundin von der Deisterstraße bis zum Kindergarten gegangen – damals nicht so gefährlich, weil kaum Autos fuhren.



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