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Theater statt Wohnungen hieß es vor 65 Jahren – ein Rückblick

Gegen alle Widerstände

Das Hamelner Theater, früher als Weserbergland-Festhalle bezeichnet, wird in diesem Jahr 65 Jahre alt. Das TAB, also das Theater auf der Bühne, feiert ein kleines Jubiläum: Es wird 25 Jahre alt. Als das Theater in den 1950er Jahren erbaut wurde – Hameln war diesbezüglich ein echter Vorreiter im Norden –, zog es Besucher von Eschershausen bis Bad Nenndorf an. Der Bau machte Hameln zum kulturellen Mittelpunkt des Weserberglandes. Doch die Hürden, die die Befürworter damals überwinden mussten, waren immens hoch. Der Widerstand war massiv.

veröffentlicht am 08.08.2018 um 11:27 Uhr
aktualisiert am 08.08.2018 um 20:11 Uhr

Ein Hingucker: Die weich geschwungenen Formen lassen die verschiedenen Funktionsbereiche – hohes Bühnenhaus, Saal, Foyer und Treppenhaus – äußerlich zur Geltung kommen. Werner Wünschmann – damals angestellt beim städtischen Hochbauamt (!) – war Archi
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Die weich geschwungenen Formen des Bühnenhauses lassen schon von weitem erahnen: Hier steht etwas Besonderes. Für Theaterleiter Wolfgang Haendeler hat die „wunderschöne“ Form des Hamelner Theaters zugleich etwas Anthroposophisches, aber auch etwas Bauhausmäßiges. Klar und auf das Wesentliche reduziert, aber abgerundet. Ein Ort zum Wohlfühlen.

Auf den hätten in den 1950er Jahren allerdings viele gern verzichtet. Kultur hatte einen geringen Stellenwert in den Nachkriegsjahren. Das, was die Bevölkerung wirklich umtrieb, war der fehlende Wohnraum. Die Lage war katastrophal. Die schärfste Kritik am Bau eines Theaters kam von den Flüchtlingen. Auf einer Protestkundgebung wurden sogar Drohungen laut.

Die Ratsherren hatten mit Gegenwind gerechnet und den Bau des Kulturhauses wohlweislich in nichtöffentlicher Sitzung beschlossen. Der einstimmige Beschluss hinter verschlossenen Türen brachte die Gegner auf die Palme, Leserbriefe wurden geschrieben, in einem davon ein städtischer Volksentscheid nach Schweizer Vorbild gefordert.

Wolfgang Haendeler Foto: doro
  • Wolfgang Haendeler Foto: doro
Jürgen Schoorman Foto: doro
  • Jürgen Schoorman Foto: doro
Blick von oben auf das Theater. Dort, wo heute der Bürgergarten ist, war früher das Stadion. Foto: Archiv
  • Blick von oben auf das Theater. Dort, wo heute der Bürgergarten ist, war früher das Stadion. Foto: Archiv

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein und viele hungern gerade nach dem geistigen Brot.

Karl Schütze, Oberbürgermeister

Die Dewezet kritisierte, dass der Rat die Bevölkerung nicht mitgenommen habe. Der Rat berief daraufhin eine öffentliche Sitzung ein. Die Ratsfrau Krüppel (SPD) argumentierte unter anderem damit, der Jugend etwas Besseres zu bieten als „Schundliteratur und Wildwestfilme“. Die anwesende Jugend, so heißt es, habe applaudiert.

Auch Oberbürgermeister Karl Schütze war der Meinung, dass eine Stadt wie Hameln ein Theater nicht länger entbehren könne. Seine Begründung: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein und viele hungerten gerade nach dem geistigen Brot. Begünstigt wurde der Bau des Theaters zudem durch Gewerbesteuerrückzahlungen. (Quelle: Hameln damals & Heute, Die 50er Jahre in Hameln, Bernhard Gelderblom.)

Der Frage, ob die Finanzierung eines Theaters durch die öffentliche Hand nicht rausgeworfenes Geld ist, scheint auch danach nicht aus der Mode zu kommen. Die freiwillige Leistung wird von Bürgern, Politikern und den Medien zum Beispiel im Juni 1998 hinterfragt. Öffentlich wird über Sparmaßnahmen im kulturellen Bereich diskutiert, das Theater fürchtet unter anderem die Reduzierung des Kinder- und Jugendtheater-Programms. Auch heute sieht so mancher das Geld an anderen Stellen besser aufgehoben. Das häufigste Argument: das Theater ist ein Angebot für eine Minderheit.

Information

Kurze Theaterchronik

  • 1950: Das Monopol, in dem seit 1946 das Ensemble von P. B. Riefter spielt, wird zum Kino umgebaut.
  • 1951: Bau des Theaters mit 900 Plätze im Großen Haus, etwa 300 im Kleinen Haus
  • 1952: Kartenverkauf ab 25. Mai. Obwohl der Spielplan nicht steht, werden 600 Karten verkauft.
  • 1953: Einweihung des Theaters mit der „Zauberflöte“ am 2. Januar.
  • 1959: Gründung von Schülerring, und Jugendvolksbühne
  • 1969: Das kleine Haus wird umgebaut, Kosten: 1,6 Millionen DM, in den 1980ern muss es dem WBZ weichen.
  • 1990: Umbau des Großen Hauses nach 38 Jahren, Kosten: 7,3 Mio. DM
  • 1993: Umbenennung in Theater Hameln, Start der Kinder- und Jugendtheatergruppe, TAB eröffnet.
  • 1996: Gründung des Fördervereins „Freunde des Theaters Hameln e.V.
  • 2002: Dewezet Classics
  • 2010 Tanztheatertage
  • 2017: Umbau/Sanierung, 2,3 Millionen Euro.
  • 2018: 5. Januar, Eröffnung der Spielzeit 2017/18

Theaterleiter Haendeler indes ist froh, dass diese Minderheit bedient wird und dass die Stadt sich mit dem Umbau öffentlich zum Theater bekannt hat. Im Vergleich zu anderen Städten begnüge sich Hameln mit einer günstigen Variante: So würden in Detmold jährlich 20 Millionen Euro für das Theater ausgegeben, in Hameln nur rund zwei. Ohne die Spielstätte wäre die Stadt um einen Ort des Diskurses ärmer, sagt er.

Einer, der sich die Stadt ohne das Theater kaum vorstellen kann, ist Jürgen Schoormann. Gern erinnert sich der kulturell vielseitig interessierte ehemalige Rektor des Viktoria-Luise-Gymnasiums an seine Zeit als Kulissenschieber ab 1953. Der 17-Jährige, der aktiv im Schultheater mitspielte, genoss die Theaterluft in vollen Zügen. Einmal, so erinnert er sich, habe er den berühmten Oskar Werner – er gab den Hamlet in Hameln – hinter der Bühne erlebt: „Das san alles Abonnenten,“ habe er geschimpft. Er hatte sich wohl eine andere Art von Applaus gewünscht.

Was sich im Rückblick am meisten verändert hat? Der Spielplan! Schoormann wünscht sich mehr Klassiker. Die bürgerliche Hochliteratur habe es schwer, auch in den Schulen, wo Werke zum Teil nur auszugsweise gelesen würden.

Wolfgang Haendeler hält das Shakespeare-Paket der neuen Theater-Saison dagegen, „entstaubte Versionen“, wie er sagt. Und er erinnert an die Aufführung „Nathan der Weise“ des Theaters Osnabrück. An dieser Stelle sind sich Schoormann und Haendeler einig: Die war klasse. Weil die moderne Version intelligent umgesetzt wurde. Wenn so gespielt wird, könne man auch Jüngere für das Theater begeistern, ist man sich einig. Oder wie Carl Zuckmayer, der einst das Stück „Der Rattenfänger“ schrieb, es ausdrückt: „Die echte Realität des Theaters, und damit sein Erfolg, besteht in der nachhaltigen Unruhe, die es in den Herzen und Geistern der Zuschauer zu erregen vermag.“

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

Der Mensch hat nicht nur ein Recht auf Bildung und soziale Teilhabe, sondern auch Kultur. Trotzdem wird hier oft als Erstes gekürzt, wenn es finanziell eng wird. Als sei Kultur nur eine Zierde. Natürlich müssen Ausgaben hinterfragt werden, doch wir sollten nicht vergessen, dass Kunst wichtig ist. Sie denkt voraus, gibt Ahnung davon, was jenseits der Wirklichkeit liegen könnte. Das kann durch Romane, Rockkonzerte oder Theater geschehen. Wobei Letzteres vielleicht die individuellste Begegnung ist.



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