weather-image
12°
Wahltag in Berlin: Was die heimischen Delegierten vom neuen Bundespräsidenten erwarten

„Gauck ist ja nicht unfehlbar wie der Papst“

Berlin/Hameln. Es ist Sonntagmorgen in Berlin. Ein „schöner Sonntag“ wie wenige Stunden später Joachim Gauck sagen wird. Gabriele Lösekrug-Möller, SPD-Bundestagsabgeordnete aus Hameln, kommt aus der Kirche. Genauer aus dem Französischen Dom. Denn vor die Wahl des neuen Bundespräsidenten hat das Protokoll eine Andacht gesetzt. Gepredigt wurde „darüber, dass wir einander nicht mit Erwartungen überfrachten sollen“, erzählt die Politikerin, als sie gerade im Reichstag angekommen ist. Die Predigt hat ihr gefallen – auch der ausdrückliche Dank an Christian Wulff. Dass es auch nach der Wahl des neuen Bundespräsidenten nicht so ganz einfach werden könnte mit den vielen und hohen Erwartungen, wird im Gespräch mit den heimischen Vertretern in der Bundesversammlung schnell deutlich.

veröffentlicht am 19.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 18:41 Uhr

270_008_5335058_hm123_neuneu.jpg
Frank Henke

Autor

Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Für Lösekrug-Möller ist es bereits die vierte Wahl eines Bundespräsidenten. Diesmal wird ihr Kandidat gewinnen. „Die Erwartungen sind schon überhöht“, sagt Lösekrug-Möller am Getränkestand vor den SPD-Fraktionsräumen, bevor sie hinein muss – zum Zählappell vor der Wahl. Gauck werde aber sicherlich „ein Präsident, von dem wir viel an Mahnung zu erwarten haben“. „Wir“ sind in diesem Fall die Politiker.

Zu diesem „Wir“ gehört Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe nicht. Er durfte zur Wulff-Wahl als Ersatzmann anreisen, kam aber nicht zum Einsatz. Heute aber ist er dabei. Als einziger Nicht-Parlamentarier – sieht man von Minister Philipp Rösler ab – in Reihen der niedersächsischen FDP. „Eine große Ehre“ sei die Nominierung, erzählt er an der Glaskuppel mit Blick in den Plenarsaal. Dass er einmal fast Gaucks Kontrahenten gewählt hätte, diesmal aber Gauck mit ins Amt heben soll, sieht das FDP-Mitglied nicht als Widerspruch. Ein geeigneter Kandidat für das Amt sei Gauck für ihn schon vor zwei Jahren gewesen, allerdings war Wulff eben in seinen Augen noch ein bisschen besser. Die Wulff-Affäre, die schließlich zur Neuwahl führte, zeuge vor allem von einem „betrüblichen Verlust an Augenmaß und Fairness“. Der Umgang mit ihr in Medien und Politik habe „das Amt schwerer beschädigt als das, was Wulff gemacht hat“, sagt der Bückeburger. Gut möglich, dass der schaumburgische Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy (SPD) das etwas anders sieht. Laut Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe verbindet die beiden eine „intensive Hassliebe“. Ein verabredetes Online-Scharmützel unter Wahlmännern, live aus dem Reichstag, soll später aber an technischen Problemen scheitern.

Die Wahl selbst verläuft im Grunde so reibungslos, wie es sich die große Präsidentenkoalition aus Schwarz, Gelb, Rot und Grün erhofft hatte. Wären da nicht die Stimmenthaltungen. 108 Delegierte wollten sich lieber auf keinen der Kandidaten einlassen. „Das ist schon eine hohe Zahl“, sagt Ulrich Watermann, während sich Wahlleute und Gäste im Fraktionsbereich über das Buffet hermachen. Der SPD-Landtagsabgeordnete aus Bad Pyrmont stand zunächst – zum zweiten Mal – als Ersatzmann auf der niedersächsischen Wahlmänner-Liste. Nach dem Unfall einer Fraktionskollegin rückte er schon früh in die SPD-Fraktion der Gauck-Wähler. Die Enthaltungen dürften aus der Union stammen, mutmaßen er und Lösekrug-Möller. Eine Folge der holprigen Kandidatenfindung, „ein Zeichen der Unzufriedenheit mit der Taktik der Kanzlerin“ sieht Watermann darin. „Gauck ist genau die richtige Wahl“, ist Watermann überzeugt. In der Fraktionssitzung am Samstag habe dieser noch einmal deutlich gemacht, dass sein Begriff von Freiheit „nicht die Freiheit des Stärken“ sei. Die soziale Komponente vermissen manche Politiker beim neuen Präsidenten.

270_008_5335056_hm122_neu.jpg
270_008_5334894_hm200_1903.jpg

Zu diesen Politikern zählt Jutta Krellmann, Hamelner Bundestagsabgeordnete der Linken. Jetzt, kurz nach der Wahl, hat sie sich aber zunächst einmal mit der Kandidatin ihrer Partei beschäftigt. Drei Stimmen mehr als Linke im Plenarsaal hat Beate Klarsfeld eingesammelt. Die Linke freut es. „Gregor Gysi hat in der Fraktionssitzung eben versprochen, er werde nicht sterben, bevor Beate Klarsfeld das Bundesverdienstkreuz bekommen hat“, erzählt sie. Auch die anderen Fraktionen kamen nach der Wahl zu Mini-Sitzungen zusammen. Danke sagen – auch für die Sonderschichten der Mitarbeiter am und vor dem Wahlsonntag. Dem neuen Präsidenten kann Krellmann jedoch wenig abgewinnen. „Haben Sie seine Antrittsrede gehört? Es ging um Demokratie, aber nur im Rückblick auf seine eigene DDR-Historie.“ Ihr fehlt das Thema Faschismus – historisch wie aktuell. Und eben besagte soziale Komponente: „Soziale Ungerechtigkeit ist undemokratisch.“ Krellmann sieht die Präsidentenwahl in erster Linie als „Arbeitstag“. Dass sich mancher für die Wahl festlich angezogen hat „wie für einen Theaterbesuch“, kann sie nicht nachvollziehen.

Während draußen Servicekräfte feuchte Handtücher für verschmierte Fingerfood-Finger reichen, zieht Anja Piel, Landesvorsitzende der Grünen aus Fischbeck, im Fraktionssaal ihrer Partei Bilanz. Sie ist zufrieden mit dem Wahltag. Sogar die Zahl der Enthaltungen wundert sie nicht. „Weil Gauck ein Mann mit Ecken und Kanten ist.“ Erwartungen an ihn hat aber auch sie. Seine Äußerung über die „alberne“ Occupy-Bewegung der Kapitalismuskritiker will einer Grünen nicht so recht schmecken. Von einem Mann, „der ja aus der Bürgerrechtsbewegung kommt“, würde sie anderes erwarten. Auch, dass Gauck am Vorabend vor der Grünen-Fraktion bekannt hat, dass er sich „mit Ökologie nicht so auskennt“, begeistert Piel nicht. Sie glaubt, dass der Präsident in diesen Bereichen noch zulegen wird. Aber dennoch: „Nur weil wir ihn heute gewählt haben, ist er ja nicht unfehlbar wie der Papst.“ Ein Hinweis in diese Richtung war am Morgen auch schon im Französischen Dom zu hören.

Fotos und mehr zur Wahl finden Sie unter www.dewezet.de.

Ulrich Watermann und Gabriele Lösekrug-Möller vor der Reichstagskuppel. Unten links: Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe mit Gattin Nadja. Unten rechts: Jutta Krellmann (re.) beim Gruppenfoto neben Kandidatin Beate Klarsfeld (li.). Fotos: fh



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt