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Julia Weber hat für das „Castello“ ein klares Konzept

Gastronomin will Essen retten und Bedürftigen helfen

HAMELN. In deutschen Privathaushalten landen jährlich 4,4 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Das hat eine Studie der Gesellschaft für Konsumforschung 2017 gezeigt. Auch Gastronomin Julia Weber, Inhaberin vom „Castello“ in Hameln, hat es satt: „Es ist eine Realität, dass wir genießbare Speisen entsorgen“, sagt sie und ergänzt: „Ich hatte die Wahl: Nehme ich das Essen und verschenke es oder schmeiße es weg?“ Sie entschied sich für die erste Möglichkeit und meint: „Diese Wahl hat jeder.“

veröffentlicht am 12.11.2018 um 12:27 Uhr
aktualisiert am 12.11.2018 um 19:10 Uhr

Grüne Lösung? Julia Weber engagiert sich im Kampf gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln. Sie will etwas Gutes tun – und hat eine Idee. Foto: mo
Muschik, Moritz

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Moritz Muschik Volontär zur Autorenseite

Wenn Julia Weber von den Erfahrungen erzählt, die sie antreiben, kommen ihr die Tränen. „Einige Mütter freuen sich, ihren Kindern eine Kugel Eis kaufen zu können“, sagt die Inhaberin vom Restaurant „Castello“ mit leicht zittriger Stimme. „Das ist das Einzige, das sie ihrem Kind gönnen können. Aber auch nur, wenn es nicht zu viele Kinder sind“, meint sie. „Ganz ehrlich gesagt: Das ist einfach scheiße. Besonders, wenn ich weiß, wie viel in der Tonne landet.“ Daher war ein Food-Projekt schon immer Wunsch und Ziel der 43-Jährigen. Ein klares Konzept soll dafür sorgen, dass sich das Projekt auch trägt.

Die Grundidee ist recht einfach: „Viele Speisen können gerettet werden, indem sie verarbeitet werden, ganz speziell Fisch und Fleisch“, erklärt Weber. „Dafür gibt es gesonderte Gesetze.“ Tafeln zum Beispiel dürften etwa Fleisch aus der Frischetheke nicht annehmen, wenn es nicht eingeschweißt oder mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) versehen sei. „In Frankreich weiß man das – und hat deswegen parallel ein System aufgebaut“, sagt Weber. „Dieses System ist der Supermarkt mit dem Bistro.“ Kunden könnten dort sehr günstig essen – und die Supermärkte würden sich selbst finanzieren. Ein ähnliches Konzept verfolgt auch die Gastronomin aus Hameln.

Viele Speisen können gerettet werden, indem sie verarbeitet werden, ganz speziell Fisch und Fleisch.

Julia Weber, Inhaberin vom „Castello“

Aus geretteten Lebensmitteln bereitet sie einzelne Menüs zu. Diese Gerichte bietet sie schon jetzt hin und wieder in ihrem Restaurant an. Seit kurzem steht auch ein spezieller Kühlschrank vor der Tür an der Fischpfortenstraße – weil „dort die Hemmschwelle geringer ist“, so Weber. Der Kühlschrank ist mit einer Glasfront versehen und abschließbar. Auf einer Schiefertafel stehen Empfehlungspreise neben den Gerichten. Sie weisen auf die Menüs hin, die aus geretteten Lebensmitteln zubereitet wurden. Die Verpackungen sind biologisch abbaubar. Wenn Leute das Angebot annehmen, müssen sie nicht zahlen. „Die Leute können spenden, müssen aber nicht“, sagt Weber. Beispiel: Zahlt ein Gast mehr, finanziert er damit das Menü für einen Bedürftigen, der weniger zahlen kann. Weber erklärt: „Ich habe nicht die Erfahrung gemacht, dass das Projekt ausgenutzt wird.“ Der Kühlschrank wurde von einer Privatperson gespendet. Auch Händler, Privatpersonen und Firmen beteiligen sich am – so der Name – „Alma“-Projekt. „Es trägt sich“, so Weber.

Spendengerichte für Bedürftige: Menüs aus geretteten Lebensmitteln stehen in einem Kühlschrank vor dem „Castello“ an der Fischpfortenstraße. Auf der Schiefertafel daneben stehen Empfehlungspreise. Foto: mo
  • Spendengerichte für Bedürftige: Menüs aus geretteten Lebensmitteln stehen in einem Kühlschrank vor dem „Castello“ an der Fischpfortenstraße. Auf der Schiefertafel daneben stehen Empfehlungspreise. Foto: mo

Und das ist aus ihrer Sicht auch das wichtigste Ziel. Schließlich sei es gar nicht so einfach, einen Wirtschaftsbetrieb wie ein Restaurant zu führen und gleichzeitig das Projekt zu managen. „Das kann ich nicht mit eigenem Kapital kreieren“, sagt sie. Das nahe Ziel daher: über Crowdfunding oder andere Interessenten aus der Umgebung eine entsprechende Lokalität zu mieten, um das Projekt zu separieren. Schon jetzt läuft dies im „Castello“ – allerdings in relativ kleiner Größenordnung.

Die Motivation sei zwar nicht, über das Projekt einen gewinnbringenden Wirtschaftsbetrieb aufzubauen. Dennoch sollen Arbeitsplätze geschaffen werden – für die Zubereitung der Gerichte und die Organisation rund um das Projekt. „Jeder Schüler, jeder Student, jeder Mensch, der wenig Geld hat, aber auch Menschen, die in Hameln arbeiten und einen günstigen Mittagstisch haben wollen, sollen da essen können.“

Von ihrer Idee ist Julia Weber überzeugt, denn: „Es ist mehr als hirnrissig, dass ich Essen in der Hand halte und es in den Müll werfe“, sagt sie – und fügt dann hinzu: „Ich weiß, dass es anders geht.“



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