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Belastung oder Bereicherung?

Funktionieren Gymnasiallehrer an der Grundschule?

HAMELN. Die von der Landesregierung vorgeschriebenen Lehrerabordnungen treffen Gymnasien wie Grundschulen hart. Vor allem der Stundenplan ist für beide nur noch Flickwerk. Daneben wird die Eignung der Gymnasiallehrer für die Grundschule infrage gestellt, schließlich sind sie dafür nicht ausgebildet. Ein Klassenbesuch.

veröffentlicht am 20.02.2018 um 12:41 Uhr
aktualisiert am 20.02.2018 um 16:30 Uhr

Fachlehrerin Silke Jochim unterrichtet eine vierte Klasse - für sie eher Bereicherung als Belastung. Foto: Doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Klütschule, 11.30 Uhr, vierte Stunde. Deutsch steht auf dem Stundenplan der vierten Klasse. Guten Morgen, klatsch klatsch, liebe Klasse, Guten Morgen, klatsch klatsch, Frau Jochim, singen und klatschen die Kinder.

Silke Jochim unterrichtet normalerweise Deutsch und Französisch am Schiller-Gymnasium. Sie ist eine der Lehrerinnen, die abgeordnet wurden, weil die Not an den Grundschulen so groß ist. Sie ist, wie die anderen Kollegen vom Schiller, freiwillig gegangen. Wie viele Lehrerstunden ein Gymnasium abgeben muss, entscheidet die Landesregierung.

Mal unterrichtet Jochim an der Klütschule eine Sprachlernschülerin, mal Förderkinder, mal Deutsch. Daran, dass viele Stunden in der Grundschule mit zwei Lehrern besetzt sind, musste sie sich erst gewöhnen. An der Frage, ob das nötig ist, scheiden sich unter den Kollegen die Geister, sagt sie. „Bei uns am Gymnasium fehlen dafür Stunden“, viele würden das kritisch sehen. Sie selbst findet die Doppelbesetzung wichtig.

Eine andere vielfach geäußerte Kritik lautet, dass die Fachkräfte der Gymnasien pädagogisch und methodisch für den Job an der Grundschule nicht ausgebildet seien. Die Fachlehrerin bestätigt, dass der Unterricht eine Umstellung ist, „aber für mich funktioniert es“, sagt sie. Gewöhnen musste sie sich an die große Heterogenität der Klassen, daran, dass man weniger schafft, als bei den Großen und dass man genauere Angaben machen müsse. „Ich muss meine Erwartungen ständig zurückfahren“, sagt Silke Jochim. Am Ende empfinde sie den Unterricht aber dennoch mehr als Bereicherung, denn als Belastung.

Und die Kinder? Die arbeiten fleißig mit. Störungen sind selten. Selbst, als es schwieriger wird. Es geht um Textverständnis, Textbelege. Die Kinder sollen nicht nur beurteilen, ob bestimmte Aussagen falsch oder richtig sind, sondern auch sagen, in welcher Zeile das genau stand. „Dass mache ich auch mit meinen Schülern in der 12. Klasse“, erklärt sie den Grundschülern, „das ist etwas, das später wichtig bleibt.“

Bei der Hausaufgabe glaubt Jochim, dass sie sei möglicherweise zu schwierig ist: Die Kinder sollen die Geschichte in 70 Worten zu Ende schreiben, aber nicht einfach so, sondern dazu eine Art Schreibplan erstellen. Das hätte mehr Vorlauf gebraucht, schätzt sie. Die Konzentrationskurve geht gerade steil nach unten. Ein guter Zeitpunkt, um die Kinder zu befragen: Ist da ein großer Unterschied zwischen Frau Jochim und den Lehrern, die sie sonst so haben? „Nein, gar nicht“, sagen Ali, Medi und Jeremy, ohne zu zögern.

Silke Jochim weiss, dass es Kollegen gibt, die ihren Einsatz an den Grundschulen kritischer sehen. Ein Teil fühle sich nicht sinnvoll eingesetzt. Und auch die Grundschulen selbst haben Probleme. Zum Beispiel, wenn sie vier Lehrer für jeweils zwei Stunden zugewiesen bekommen, obwohl sie doch dringend eine Klassenlehrerin bräuchten. So geht es der Grundschule in Rohrsen.

Doch dann wird es für die Gymnasien enger. Nicht nur, dass es schwerer wird, die Löcher dort zu stopfen, die abgeordneten Lehrer würden auch weniger verdienen. Die Frage, ob die ungleiche Besoldung heutzutage noch gerechtfertigt ist, steht zwar auf einem anderen Blatt, zu einer ausgeglichenen Stimmung an den Grundschulen trägt sie, nebenbei gesagt, nicht bei.

Schwieriger als die pädagogisch-methodische Umstellung ist für die beteiligten Schulen allemal das Flickwerk im Stundenplan. Besser als vom Land einfach Stunden übergestülpt zu bekommen wäre es, wenn die betroffenen Gymnasien und Grundschulen sich untereinander absprechen können, um Lösungen zu finden, sagt Birgit Albrecht, Leiterin in Rohrsen. Bisher habe das gut geklappt. Doch bei der zweiten Welle von Abordnungen, die nun auf die Schulen zukommt, werde es schwierig. Die Flexibilität schwinde, wenn die Gymnasien Feuerwehrkräfte anfordern müssten, weil Lehrer an der Schule nicht mehr ersetzt werden können. Und auch die Freiwilligen werden knapp, sagt Jochim. Persönlich sieht die Zeit an der Grundschule dennoch als Gewinn.

„Ob die Zeit als Belastung oder als Bereicherung empfunden wird, hängt sehr von der Person ab“ sagt Kerstin Spickmann, Konrektorin der Klütschule. Ein Pädagoge, der sich zunächst sehr überrumpelt fühlte, habe ihr nach einiger Zeit gesagt: „Hut ab vor dem, was ihr leistet.“

Information

So viel müssen die Schulen abordnen:

  • Das Schiller-Gymnasium ordnet 120 Stunden ab (entspricht 5 Planstellen). Betroffen sind 18 Kollegen an acht Standorten.
  • Das Viktoria-Luise-Gymnasium muss 45 Stunden abordnen, das entspricht knapp zwei Planstellen á 23,5 Stunden. Betroffen sind 10 Kollegen an vier Standorten (3 Grundschulen, 1 Realschule)
  • Das Albert-Einstein-Gymnasium ordnet 68,5 Stunden ab Betroffen sind acht Kollegen; abgeordnet wird an vier Grundschulen, vier Kollegen gehen an die Theodor-Heuss-Realschule.
  • Die Integrierte Gesamtschule (IGS) muss 48 Stunden abordnen, betroffen sind vier Kollegen, die an drei Standorten unterrichten müssen.


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