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Absolventen am Ausbildungsmarkt wieder gefragt

Für Hauptschüler sind die düsteren Zeiten vorbei

Hameln. Er outet sich als echter Speed-Dating-Fan: Im Oktober 2011 traf Thomas Wegener in der Aula der Hamelner Pestalozzi-Schule auf Ronahe Bekler – und war so angetan von Ausstrahlung und Auftreten der heute 17-Jährigen, dass er sie prompt einlud. In seine Backstube. Zum Vorstellungsgespräch. Denn der Bäckermeister war nicht etwa auf der Suche nach einer Partnerin, sondern nach einem neuen Lehrling. Und das Rendezvous in der Pestalozzi-Schule hatte entsprechend keinen romantischen Hintergrund, sondern war ein speziell für Hauptschülerinnen und Hauptschüler organisiertes Treffen mit 16 regionalen Unternehmen aus Industrie und Handwerk.

veröffentlicht am 04.12.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 02:21 Uhr

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Autor:

Wiebke Westphalund Christoph Boßmeyer
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Für Ronahe Bekler war es das erste Mal überhaupt, dass sie persönlich mit einem potenziellen Arbeitgeber zusammentraf. Vom Berufseinstiegsbegleiter ihrer Schule, der Wilhelm-Raabe-Schule in der Südstadt, deren 9. Klasse die Hamelnerin damals besuchte, hatte sie zuvor wertvolle Tipps für Vorstellungsgespräch und Bewerbungsmappe eingeholt. Und dann intuitiv alles richtig gemacht, wie Wegener bestätigt: „Ronahe kam nicht nur mit einer tollen Mappe und einem Strahlen auf dem Gesicht an unseren Stand, sie war auch ehrlich – und gestand mir, dass sie eine Fünf in Mathe hat.“

Unter normalen Umständen hätten Wegener also nur die Zeugnisse und Unterlagen der jungen Frau vorgelegen, wäre eine Bewerberin wie Ronahe Bekler nicht einmal in die engere Auswahl gekommen. „Mit einer Fünf in Mathe fängt bei uns eigentlich keiner eine Ausbildung an, das ist sowohl für den Verkauf als auch im Backstubenbereich Voraussetzung“, sagt der Bäckermeister. Beim Speed-Dating aber bekäme man nicht nur eine Bewerbungsmappe, sondern einen Menschen dazugeliefert – und das war Ronahes große Chance.

Heute, mehr als ein Jahr später, ist die hübsche junge Frau nach Angaben ihres Chefs „der Sonnenschein in unserem Betrieb“, ist im fünften Monat ihrer Ausbildung zur Bäckereifachverkäuferin, verbringt zwei Tage pro Woche in der Elisabeth-Selbert-Berufsschule am Münsterkirchhof – und ist richtig gut in Mathe. „Früher hätte ich einen Realschul-Absolventen jedem Hauptschüler vorgezogen, hätte Zeugnisse und Lebensläufe bewertet – und so manches versteckte Talent, so manche verborgene Qualität übersehen“, sagt Wegener rückblickend. Heute weiß er, dass es Dinge gibt, die unter keinem Zeugnis stehen, Einschnitte, die in keinem Lebenslauf auftauchen – und dennoch prägender sind als jedes Praktikum der Welt. „Wenn man diese Faktoren berücksichtigt und die Auszubildenden zu begeistern weiß, sie mitnimmt, können sie über sich hinauswachsen“, zeigt sich der Bäcker überzeugt.

Wie wichtig es ist, dass jungen Menschen wie Ronahe Zukunftschancen aufgezeigt werden, erklärt Christina Rasokat. „Jahrelang hat man Hauptschülern abgewöhnt, stolz und selbstbewusst zu sein“, beklagt die Pressesprecherin der Arbeitsagentur, die die Speed-Datings mitorganisiert, „jahrelang wurde ihnen eingeredet, ohne Abitur oder mindestens guten Realschulabschluss sei man auf dem Ausbildungsmarkt nichts wert.“ Anstatt ihr Glück beim Bäcker oder beim Autohaus um die Ecke zu versuchen, gingen viele Hauptschüler nach dem erfolgreichen Abschluss der 9. Klasse weiter zur Schule, schleppten sich – „schulmüde und unmotiviert“, wie Rasokat aus Erfahrung weiß – durch Realschul-Abschlussprüfung oder Abitur und strandeten schließlich mit schlechten Noten und ohne Perspektive beim Arbeitsamt.

Dabei gibt es genügend Firmen in der Region, „hochpotente Arbeitgeber“, wie Rasokat sagt, die Hauptschul-Absolventen für Metallberufe oder Handwerk suchen, für Einzelhandel oder Pflegeberufe. Firmen wie Lenze, die Sumpfblume oder die Julius-Tönebön-Stiftung, die in diesem Jahr via Speed-Dating einen Lehrling suchten. Und unter den gut 60 Schülerinnen und Schülern mit Sicherheit fündig wurden.



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