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Jüdische Gemeinde in Hameln feiert Hanukkah / Für die Kinder gibt es an acht Tagen Geschenke

Frohes Fest mit Fettgebäck

Hameln. Beim Eintreten wird jeder geherzt, alle begrüßen sich – Schabbat Shalom! – wie Familienmitglieder, die sich lange nicht gesehen haben. Im Flur greifen die Frauen zur Bürste und kämmen sich, während die Männer sich im großen Saal eine Kippa nehmen. Das Fest zu Hanukkah und dem Ruhetag Schabbat der Jüdischen Gemeinde in Hameln am Freitag mutet wenig wie ein andächtiger Gottesdienst an, welcher von respektvoller Ruhe durchdrungen wird.

veröffentlicht am 22.12.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 18:21 Uhr

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Autor:

Julia Rau
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Laute Musik tönt aus großen Boxen, in der Küche neben dem Gebetssaal helfen ältere Frauen, die in Öl gebackenen Speisen – Blinis, Berliner und Latkes – vorzubereiten. Fast eine Stunde lang schwatzen und scherzen die Gemeindemitglieder miteinander. Meist auf Russisch. Der Gottesdienst selbst wird in zwei Sprachen gehalten. Deutsche und russische Sprecher wechseln sich ab. Die Lieder sind auf Hebräisch.

„Nehmt bitte alle Platz“, ruft Rachel Dohme hinter einem Pult hervor. Die Musik stoppt. Für einen Moment sind alle still, blicken nach vorn. Aber die Stille hält nicht lang an. Die Geschichten, bei denen die Mitglieder so abrupt unterbrochen wurden, werden noch schnell zu Ende erzählt. Irgendwann beginnt dann doch der offizielle Teil des Festes. Dreisprachig. Auf Deutsch und Russisch werden die Segenssprüche, die Brachot, zu Hanukkah und für Schabbat gesprochen. Die deutschsprachigen Juden nutzen die russischen Vorträge für Flüsterpläuschchen und umgekehrt. Je länger die Redner sprechen, desto mehr Menschen stecken die Köpfe zusammen. Die kleine Charlotte dreht sich auf ihrem Stuhl und strahlt die anderen an. Sie ist 19 Monate alt und brabbelt bei den Segenssprüchen mit. Niemand versucht, sie zur Ruhe anzuhalten. Ganz im Gegenteil: Wenn Charlotte quiekt, lacht der ganze Saal, Rachel Dohme legt in ihrer Ansprache sogar eine kleine Pause für sie ein.

Der Höhepunkt der Hanukkah-Feier ist das Entzünden der Kerze an dem achtarmigen Leuchter. Mit dem sogenannten Diener, einer blauen Kerze, wird das vierte Licht entzündet, denn am Freitag war der vierte der acht Hanukkah-Nächte. Die Gemeinde singt inbrünstig kurze Lieder auf Hebräisch. Im Hintergrund klirren Teller, in der Küche bereiten Helferinnen das Buffet vor. Der Saal duftet intensiv nach Öl und Gebäck. Nach den Gebeten und Liedern für Hanukkah folgen die für Schabbat. „Damit die Schabbatkönigin nicht eifersüchtig wird“, sagt Dohme.

Rachel Dohme mit ihrer Tochter Rebekka beim Fest-Gottesdienst. jmr

Rebekka Dohme, Jugendkantorin und Rachels Tochter, singt und hält dabei einen Kelch nach oben. Die Gemeinde stimmt ein. Sie segnen Wein und Brot. Danach bekommen die Kinder Geschenke und die Vorhänge des Puppentheaters öffnen sich. Es geht um den kleinen Schlomo, der sich ärgert, dass er nicht mit Weihnachten feiert. Die Erwachsenen können darüber nur schmunzeln. Viele von ihnen haben dieselbe Diskussion zuhause schon oft geführt. „Aber wir bekommen acht Tage lang Geschenke, das ist doch ziemlich cool“, sagt Patrizia Berhovski später.

Endlich ist das Buffet eröffnet. Alle stürmen zur langen Tafel und laden ihre Teller mit süßem Gebäck und fettigen Kartoffelpuffern voll, Großväter lassen ihre Finger über die Süßigkeiten kreisen, stibitzen ihre Lieblingsnascherei. Charlotte beißt in ihren ersten Berliner. „Das Essen ist immer toll bei jüdischen Festen“, sagt Benjamin Wendt. So familiär wie heute gehe es immer zu. Hanukkah ist bei Weitem nicht das wichtigste religiöse Fest im Judentum. „Es ist aber kulturell wichtiger geworden, weil es so nah an Weihnachten ist“, erklärt Rebekka Dohme. Ihre Mutter habe ihr Hanukkah nie als ein jüdisches Ersatzfest zu Weihnachten näher bringen wollen. „Sie hat immer klar gemacht, dass es ein tolles Fest ist“, sagt sie, kein Trostpreis zur Weihnachtszeit. Zur Hanukkah-Feier im Kreise der Familie gehören Lieder, Geschenke, fettiges Essen und eine Runde Dreidel (ein Kreisel mit vier Seiten) spielen, erklärt sie. Nach drei Stunden ist die Feier vorüber, alle gehen zufrieden mit klebrigen Fingern und Zucker in den Mundwinkeln nach Hause.



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