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Böhmisches Schlamassel

Filmtheater zeigt Meisterdetektiv Sherlock Holmes in Hochform

HAMELN. Eine Szene, maßgeschneidert für den ebenso exzentrischen wie genialen Detektiv mit seinen verblüffenden Schlussfolgerungen. Anhand der Taschenuhr seines Freundes und Helfers, Dr. Watson, bestimmt er deren Geschichte.

veröffentlicht am 23.09.2021 um 14:48 Uhr
aktualisiert am 23.09.2021 um 15:40 Uhr

pe

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Reporter

Ein paar Kratzer am Gehäuse erzählen vom Umgang mit der wertvollen Preziose, eingeritzte Nummern der Pfandleihe führen weiter zum wirtschaftlichen Auf und Ab des ursprünglichen Trägers, Watsons Bruder, von dem der Arzt sie übernommen hat.

Und Watson, für den sich Arthur Conan Doyle als Autor selbst zum Vorbild nahm, ist mit Markus Veith auch deshalb so blendend besetzt, weil er Doyle ausgesprochen ähnlich sieht. Mit ihm, quasi als Moderator und Biograf der berühmten Holmes-Fälle und zugleich auch Identifikationsfigur, der alle die Fragen stellt, die auch dem Leser – und im Falle des Filmtheaters Köln, am Mittwochabend mit „Neue Fälle für Sherlock Holmes“ im TAB – auch dem Publikum auf den Nägeln brennen.

Ohne aktuellen Fall herrscht in der Baker Street 221 b, dem legendären Holmes-Domizil, sozusagen tote Hose. Das ändert sich schlagartig mit dem Auftritt des böhmischen Königs, der von einer raffinierten Schönheit mit einem verfänglichen Foto erpresst wird und damit eine geplante Hochzeit, die den vor der Pleite stehenden Monarchen sanieren soll, gefährdet. Die Geschichte „Ein Skandal in Böhmen“ erschien 1891 im Strand Magazin und machte die Figur des Detektivs und seines Autors über Nacht weltberühmt.

Weil einem Schnelldenker wie Holmes ein einziger Fall nicht reicht, taucht Inspektor Lestrade auf und bittet in einem Mordfall um Hilfe – auch wenn er sich bereits auf den Sohn des Ermordeten eingeschossen hat. Holmes klärt den Fall, weil er genauer hinschaut – Inspector Colombo ist da ein würdiger Nachfolger – , lässt aber den zuständigen Kriminalisten im Unklaren. Den wirklichen Mörder bittet der Meisterdetektiv nur ein Schuldeingeständnis zu unterschreiben, um notfalls den jungen Verdächtigen vor dem Gefängnis zu bewahren. Und auch der andere Fall geht ein bisschen aus wie das sprichwörtliche Hornberger Schießen. Denn allen Verkleidungen zum Trotz erkennt Irene Adler Holmes, setzt sich aber, frisch getraut, nach Amerika ab. Die Erpressung verliert ihre Bedeutung, Majestät kann heiraten und sich sanieren.

Saskia Leder legt in ihrer Inszenierung Wert auf stimmige Atmosphäre und dem Ensemble gelingt es, echte Typen zu spielen. Raymond Dudzinski als Holmes, dem man fasziniert zuschaut, wie er, einmal auf der Spur, nicht mehr locker lässt, bis er den Fall gelöst hat und immer wieder seine stupende Wandlungsfähigkeit beweist. Markus Veith als guter Geist, den Holmes Kombinationen immer wieder verblüffen. Hervorragend in Doppelrollen, Saskia Leder, die ja auch Regie führt, als Irene Adler vor allem und Kirsten A. Lange als Mary Morstan, die bessere Hälfte von Dr. Watson. Joeri Burger als Mr. Lestrade – eine dankbare Aufgabe mit den slapstickartigen Teezeremonien und Dirk Volpert gleich in vier Rollen als König von Böhmen, lach- und trinkfester Kutscher, frischgebackener Ehemann und als Mr. Turner, ein ehrlicher Mörder, der seine Lebensgeschichte erzählt. Eine Rolle so gut wie die andere.

Das Filmtheater Köln, in Abständen immer wieder Gast auf unserer Bühne, hat mit seiner Schwarz-Weiß-Philosophie eine Nische entdeckt, mit der sie ihrem Publikum vor allem eines beschert: ebenso heitere wie wehmütig nostalgische Unterhaltung.



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