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Pablo Miró über seine Flucht

„Fast wären wir getötet worden“

HAMELN. Pablo Miró ist Liedermacher und glaubt daran, dass Musik etwas bewegen kann. In seinen Liedern setzt sich der Sänger und virtuose Gitarrist kritisch mit der Gesellschaft auseinander, insbesondere mit der deutschen und der argentinischen.

veröffentlicht am 14.01.2018 um 13:12 Uhr

„Meine Musik hat viel Rhythmik, viel Kraft, sie ist oft fetzig, aber auch melancholisch“, sagt Pablo Miró. Foto: Ralf Bittner/pr
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Die Einflüsse des Wahl-Berliners reichen von Astor Piazolla zu Mercedes Sosa, vom Tango bis zu Bossa Nova. Unlängst hat Miró mit dem bekannten deutschen Liedermacher Konstantin Wecker zusammengearbeitet. Wecker wird auch auf Mirós neuem Album „Courage“ zu hören sein. Bevor Pablo Miró am Donnerstag, 18. Januar, bei Vin & Vini an der Osterstraße auftritt, hat die Redaktion ihn interviewt. Ein Gespräch über die Leistungsgesellschaft, Verfolgung, Mut und Intimität.

Herr Miró, aus Ihren Pressetexten geht Ihr Alter nicht hervor. Wollen Sie Ihr Alter verstecken?

Pablo Miró: Ich habe mein Alter gut vertuscht, nicht wahr?! (lacht) Also ich bin 56 Jahre alt. In unserer Gesellschaft ist das Alter Teil einer Urteilsbildung, die ich ablehne. Die Leistungsstärke eines Menschen wird bei uns an der Laufbahn eines Lebens gemessen: Wie schnell hat jemand etwas geschafft? Die Menschen, ob Musiker oder Journalist, werden an den wenigen Einzelnen gemessen, die ganz besonders erfolgreich sind. Das setzt viele unter unnötigen Erfolgsdruck. Seit 36 Jahren bin ich international, musikalisch unterwegs, dies ist mein musikalisches Alter.

Ihre Großeltern flohen 1937 aus Berlin vor den Nazis nach Argentinien. 1976 flohen Ihre Eltern mit Ihnen vor der Militärdiktatur in Argentinien nach Deutschland. Wie war das für Ihre Familie, sich in das Land zu flüchten, aus dem Ihre Großeltern einst selbst flohen?

Meine Oma wollte nicht mehr nach Deutschland. Sie war etwas verbittert, nachdem, was ihr und meinen Urgroßeltern dort widerfahren ist. Aber wir, meine Eltern und ich, kamen mit dem Gefühl von Dankbarkeit nach Deutschland. Wir waren dankbar, dass wir hier mit offenen Armen empfangen wurden. Wir kamen aus einer militärischen, bedrohlichen Welt. Unser Haus wurde beschossen, fast wären wir getötet worden. Als wir in Deutschland ankamen, war Sommer. Mein Vater arbeitete als Oberarzt am Kreiskrankenhaus Herford, auch meine Mutter arbeitete als Ärztin. Die deutsche Kultur war uns durch meine Großeltern nicht fremd, als Kind war ich sogar schon einmal in Deutschland. Außerdem ist Deutsch sozusagen meine zweite Muttersprache.

Ihr neues Album heißt „Courage“. Wieso?

Mein neues Album heißt „Courage“, weil meine Lebensgeschichte, sowie die meiner Eltern und Großeltern sehr auf Courage basiert: Viele wichtige Schritte sind durch Mut entstanden. Courage ist Lebenselixier und ermöglicht die Umsetzung dessen, was uns am Herzen liegt. Dies ist der rote Faden der neuen CD.

Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben?

Ich bin Liedermacher. Der Kontakt zu Konstantin Wecker ist kein Zufall, sondern wohl darauf zurückzuführen, dass wir viele Gemeinsamkeiten haben. Uns beide beschäftigen die gleichen gesellschaftlichen Probleme und Sorgen um die Zukunft, die in unsere Poesie einfließen. Ich glaube an die Macht von Musik und Liedern, etwas bewegen zu können. Ich komme aus dem Süden Südamerikas, aus Argentinien, bin aufgewachsen mit brasilianischer Musik, Tango und natürlich argentinischer Musik und europäischen Einflüssen. Meine Musik hat viel Rhythmik, viel Kraft, sie ist oft fetzig, aber auch melancholisch. Das führt dazu, dass meine Konzerte voller Überraschungen sind. Anders denn als Komponist, stehen mir als Liedermacher pro Lied nur dreieinhalb Minuten zur Verfügung, um verstanden zu werden und die Zuhörer zu berühren, meine Gedanken oder Empörung zu vermitteln.

Wie kam der Kontakt zu Konstantin Wecker zustande?

Ich hatte seine vorletzte CD geschenkt bekommen, dadurch erfuhr ich von seinem eigenen Label, also habe ich ihm meine Musik geschickt. Zuerst stand ich nur mit seinem Manager in Kontakt, doch dann bekam er wohl selbst mal einen Song von mir zu hören und rief mich an. Während seiner Tournee haben wir uns dann mal getroffen. Ich gab ihm ein Privatkonzert auf meinem Hotelzimmer. Seitdem sind er, ein Idol für mich wie Peter Gabriel, Hermann van Feen oder Joni Mitchell, und ich Kollegen auf Augenhöhe, das ist toll. . Der gemeinsame Song mit ihm, „Gracias a la Vida“, ist für mich gewissermaßen ein Ritterschlag.

Im November spielten Sie noch gemeinsam mit Konstantin Wecker in der Berliner Philharmonie. Am kommenden Donnerstag treten Sie im sehr beschaulichen Vin & Vini auf. Wie passt das zusammen?

Der Kontakt zu Vin & Vini kam 2016 durch einen Fan von mir bei einem Konzert in Bad Pyrmont zustande. Seitdem bin ich schon zweimal dort aufgetreten. Es ist eine kleine, aber köstliche Location – köstlich in jeder Hinsicht. Denn auch hier gilt für mich, eine Location nicht nach ihrer Größe zu beurteilen. Tatsächlich ist die Qualität eines Konzerts in einer kleinen Location oft größer, denn dort herrscht viel mehr Intimität. Man schaut den Zuhörern in die Augen.

Sie haben Ihre Jugend in Herford verbracht. Hat es Sie damals schon mal nach Hameln verschlagen?

Nein, das nicht, das kam erst über meine Auftritte in Bad Pyrmont zustande. Dafür komme ich in diesem Jahr vielleicht noch einmal nach Hameln: für das Release-Konzert meiner CD „Courage“.

Hinweis: Das Konzert beginnt am Donnerstag, 18. Januar, um 20 Uhr bei Vin & Vini in der Osterstraße 17. Eintritt: 12 Euro.

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