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In der Rattenfängerstadt leben überdurchschnittlich viele unter 15-Jährige in relativer Armut

Fast jedes dritte Kind in Hameln ist arm

HAMELN. Die offizielle Quote ist bereits hoch, doch in der Realität sieht die Situation offenbar noch schlechter aus: Auf dem Papier gelten in Hameln 29,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren als arm, weil sie sogenannte Mindestsicherungsleistungen beziehen. Entweder in Form von Hartz IV oder nach dem Asylbewerberleistungsgesetz. Das sind insgesamt etwa 2700 Kinder.

veröffentlicht am 03.07.2019 um 11:00 Uhr
aktualisiert am 04.07.2019 um 10:20 Uhr

Birte Hansen

Autor

Reporterin zur Autorenseite

Weil es in Hameln-Pyrmont aber keine dezidierten statistischen Daten zu Familieneinkommen gibt und nicht alle Familien, die könnten, Hilfen tatsächlich in Anspruch nehmen, kann keiner mit Gewissheit sagen, wie viele Familien wirklich unter die sogenannte Armutsgrenze fallen. Hinzu kommen jene Familien, deren Einkommen nur knapp über der Armutsgrenze liegen – auch für diese Kinder ist es finanziell eng. Sprich: Die Dunkelziffer ist hoch, die 30-Prozent-Marke dürfte in Hameln durchbrochen werden. Für ganz Deutschland geht beispielsweise der Kinderschutzbund davon aus, dass insgesamt 4,4 Millionen Kinder von Armut betroffen sind und nicht drei Millionen.

Doch wer ist „arm“? Darüber streiten Menschen seit jeher, vielen kommen als erstes Bilder von Kindern im Jemen oder anderen armen Regionen der Welt in den Sinn. Doch neben dieser absoluten Armut, die Existenz bedrohend sein kann, steht die relative Armut, die über den „tatsächlichen materiellen Lebensstandard“ (Quelle: Wikipedia) der Menschen nichts aussagt. Sie vergleicht die Einkommen mit dem errechneten Mittelwert einer Gesellschaft. In Deutschland und der Europäischen Union gilt als arm, wer über weniger als 60 Prozent des mittleren Netto-Einkommens verfügt. „Für eine Alleinerziehende mit zwei Kindern sind das in Deutschland etwa 1440 Euro“, heißt es im Aktionsplan des Bündnisses gegen Kinderarmut in Hameln-Pyrmont. Für eine Familie mit zwei Kindern liegt die Grenze bei 1926 Euro netto im Monat – wer weniger als das hat, gilt als arm. In diese Summen eingerechnet sind alle Leistungen, die die Empfänger beziehen, wie beispielsweise Wohngeld, Kindergeld oder Kinderzuschlag.

Im Landkreis Hameln-Pyrmont liegt die Quote der als arm geltenden Kinder- und Jugendlichen im Jahr 2018 bei 21,2 Prozent, in Niedersachsen dagegen nur bei 14,8 Prozent. In Hameln und Hameln-Pyrmont liegt die Quote auch deswegen hoch, weil seit 2015 viele Asylbewerber in die Region kamen, und es sind vor allem „ausländische Kinder und Jugendliche“, die unter die Armutsgrenze fallen. Ihr Anteil liegt kreisweit bei 35,71 Prozent, obwohl der Anteil der ausländischen Bevölkerung in Hameln-Pyrmont bei unter zehn Prozent liegt. Von Armut häufiger betroffen als andere sind außerdem die Kinder und Jugendlichen von Alleinerziehenden, Arbeitslosen, aus Familien mit drei oder mehr Kindern.

Die Akteure, die sich 2013 zum „Bündnis gegen Kinderarmut“ zusammengeschlossen haben, versuchen, den Folgen der Armut entgegenzuwirken. Über 60 Projekte, die es bereits gibt, listet das Bündnis in einem Maßnahmenplan auf. Alle sollen letztlich zwei Zielen dienen: Gesundes Aufwachsen zu ermöglichen und mehr Bildungsgerechtigkeit schaffen. Oftmals, so hatte Thomas Wiese vom Jobcenter kürzlich deutlich gemacht, sei es jedoch schwierig, die Familien und Kinder, die von diesen Angeboten profitieren könnten, über diese Projekte zu informieren und ihnen eine Teilnahme nahezulegen.

Information

Auszug aus bestehenden Projekten

Das Bündnis gegen Kinderarmut organisiert selbst keine Projekte. Das übernehmen die über 30 Partner. Dazu zählen neben etlichen weiteren die folgenden Projekte:

Gesundes Kochen für 6- bis 14-Jährige am Kuckuck durch den Verein SAM, Begrüßungspakete für Eltern von Neugeborenen vom Landkreis, eine Babytasche vom DRK für dieselbe Zielgruppe, Kindertisch im Kinderspielhaus von der Stadt Hameln, Sprechstunden für Eltern am Kuckuck durch SAM für Hilfe in den Bereichen Kita und Schule, „Rucksack-Kita“ (ganzheitliches Sprachförder- und Bildungsprogramm für Kita-Kinder und deren Eltern) durch den Landkreis/Fachstelle Frühkindliche Bildung, Kreidetafel des Kinderschutzbunds Hameln und der Diakonie, Kleiderkammer für Kleinkinder durch die Diakonie Lernhilfe, Malschule, Sprachförderung am PC (alle durch SAM), pädagogischer Mittagstisch im Kinderspielhaus vom DRK Weserbergland, diverse Projekte für die Gestaltung des Übergangs von der Schule in den Beruf durch das Jobcenter oder Impuls und etliche mehr.



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