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Wie Anastasia Patsiarizis mit nur zwei Prozent Sehkraft selbstbewusst ihren Alltag meistert

Fast blind und mitten im Leben

Hameln. „Ich bin eigentlich ein Fall für den Blindenstock“, sagt sie und lacht, während ihre Finger ganz selbstverständlich über die Tastatur ihres Computers gleiten. Sie schreibt mit zehn Fingern. Blind. Das hat sie wie auch viele andere im Schreibmaschinenkurs gelernt. Nur: Anastasia Patsiarizis sieht tatsächlich fast nichts. Nur noch zwei Prozent Sehkraft sind der 46-Jährigen geblieben, die bei der Hameln Marketing und Tourismus GmbH (HMT) ein Volontariat als PR-Assistentin absolviert und dabei ständig mit ihren Aufgaben wächst: Pressearbeit, Interviews, Drehbücher für Videos, sogar Fotos hat sie schon gemacht. Selbstbewusst, ausgeglichen, unerschrocken wirkt die zierliche Bad Pyrmonterin mit griechischen Wurzeln. „Ja, ich bin eine Kämpferin“, sagt sie: „Und ein Optimist durch und durch.“ Dass Anastasia Patsiarizis fast nichts mehr sieht – bei der ersten flüchtigen Begegnung fällt das vielen gar nicht auf. Sie hat gelernt, sich gut auf ihre Umgebung einzustellen.

veröffentlicht am 05.07.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 16:21 Uhr

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Autor:

Karin Rohr
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Zwei Prozent Sehkraft, das heißt: „Ich nehme Silhouetten nur fragmentarisch wahr,“ erklärt Anastasia. Doch selbst diese partielle Wahrnehmung schwankt und hängt von der Tagesform ab: „Alles ist ungewisser geworden.“ Denn seit drei Jahren ist sie auch blendempfindlich, macht ihr zudem ein Grauer Star im Anfangsstadium zu schaffen. Die Hoffnung, dass sie ihre Restsehkraft behält, gibt die 46-Jährige trotzdem nicht auf. Sie leidet an einer Zapfen-Stäbchen-Dystrophie (ZSD), weiß heute: Das ist eine sehr seltene Form der Netzhauterkrankung. Doch bis zu dieser Diagnose war es ein weiter Weg.

Anastasia war ein ganz normales Kind, spielte Fußball, fuhr Rennrad. Mit ihren Augen war alles in Ordnung. Doch dann stellte sie mit 15 Jahren fest, dass sie aus der hinteren Reihe im Klassenzimmer nicht mehr gut erkennen konnte, was auf der Tafel stand. Sie rückte weiter nach vorn. Erste Diagnose: Kurzsichtigkeit. Ein fataler Irrtum: „Damit war ich abgekoppelt und kam schulisch nicht mehr mit.“ Mit 18 Jahren dann die bittere Wahrheit: Sie durfte keinen Führerschein machen. An der Medizinischen Hochschule in Hannover teilte man ihr mit, dass sie blind werden würde. Ein Schock. „Damals hatte ich noch 30 Prozent Sehkraft.“

Der Weg in die Dunkelheit. Anastasia hat ihn furchtlos angenommen – „ohne psychologische Hilfe“. Obwohl sie immer mehr loslassen musste. Aber es gab noch die Hoffnung, dass es nicht so schlimm würde, dass die Medizin Fortschritte machen und ihre Krankheit doch noch bezwingen würde. Dass sie nicht mehr Rennrad fahren und Fußball spielen konnte, tat weh. „Ich habe nach Alternativen gesucht und das Wandern entdeckt.“ Auf den Blindenstock verzichtet die Pyrmonterin auch heute noch weitgehend: „Ich kenne meine täglichen Wege.“ Und die Wanderwege in ihrer Umgebung auch. Auf ihren Traumberuf Tischler musste sie verzichten. Das Ausbildungsjahr Metall, das sie stattdessen antrat, durchlief sie „mehr schlecht als recht“. Auch die Arbeit an Maschinen in einem Sperrholzwerk war nicht das Richtige. Immer wieder gab es Rückschläge bei der Suche nach einem Job auf dem freien Arbeitsmarkt. Schließlich bekam sie eine einjährige Grundausbildung vom Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte, erlernte die Blindenschrift Braille, den Umgang mit EDV, das Zehnfingersystem und wurde zur Kauffrau für Bürokommunikation ausgebildet. Als PR-Assistentin bei der HMT leistet sie jetzt viel Medienarbeit: „Ich bin ständig gefordert“, sagt Anastasia glücklich: „Es gibt hier so viele tolle Betätigungsfelder.“

Informationen sind ihr am wichtigsten: „Ich möchte am liebsten alles in mich hineinsaugen, will ganz viel wissen.“ Sie liest Hörbücher, hört Radio, nutzt die Tonbandzeitung für Blinde. Auf das Fernsehen kann sie gut und gern verzichten. Ins Kino ist sie dagegen schon häufig gegangen: „Die große Leinwand und die Akustik sind ein Erlebnis.“

Dunkle Momente? Ja, die kennt sie: „Wenn bei der Suche nach Arbeit nichts gelingen wollte, dann war ich traurig und verzweifelt.“ Doch trübe Gedanken vertreibt Anastasia ganz gezielt: „Ich gehe raus, an die frische Luft, in die Natur, das macht frei.“ Mit der negativen Seite ihrer Erkrankung will sie sich gar nicht erst auseinandersetzen: „Das zieht mich nur runter.“ Ihr Freundeskreis sei ganz normal – „nur Sehende“. Und ihre inzwischen 28-jährige Tochter hat sie allein großgezogen. Das sei nicht immer einfach gewesen: „Der Haushalt war ja völlig anders strukturiert.“

Ihre Lieblingsfarbe? Schwarz. „Schwarz ist sehr elegant“, findet sie, „und so praktisch und pflegeleicht.“ Ob sie ein Vernunft- oder Bauchmensch sei? „Beides“, sagt sie. Und trotz ihrer hundertprozentigen Behinderung ist sie definitiv „ein Genussmensch“. Das macht Mut.



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