weather-image
13°

Aber die Glaubensgemeinschaft ist sich uneinig

Eziden gedenken Opfer des sogenannten Islamischen Staats

HAMELN. Am Donnerstag haben etwa 70 Eziden auf dem Rathausplatz der Opfer des Islamischen Staats (IS) im Nordirak gedacht. Am 3. August 2014 hatte der IS Sindschar überfallen, Zivilisten ermordet, Mädchen und Frauen entführt. Aber die Eziden sind sich uneins. Eine andere Eziden-Gruppe hielt eine eigene Gedenkstunde.

veröffentlicht am 03.08.2017 um 19:04 Uhr

Auf dem Rathausplatz gedenken am Donnerstagnachmittag Eziden der Opfer des Islamischen Staats (IS) im Nordirak und fordern die Freilassung der noch vom IS entführten ezidischen Mädchen und Frauen. Foto: Dana
Philipp Killmann

Autor

Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Es war, als hätten sie sich abgesprochen: Im April feierte eine aus dem Irak stammende Gruppe Eziden (auch: Jesiden) auf der Hochzeitshausterrasse öffentlich das ezidische Neujahrsfest, während das Ezidische Kulturzentrum Hameln die Feierlichkeit geschlossen in seinen Vereinsräumen beging. Am gestrigen Jahrestag des Überfalls des sogenannten Islamischen Staats (IS) auf die Eziden im Nordirak war es umgekehrt. Das Kulturzentrum gedachte des versuchten Völkermords am Nachmittag auf dem Rathausplatz, während die anderen Eziden beim Deutschen Roten Kreuz in der Zentralstraße eine Gedenkstunde abhielten. Von Absprache kann jedoch keine Rede sein.

Die Eziden sind eine Glaubensgemeinschaft, die sich mit dem Überfall durch den IS in mehrere Lager gespaltet zu haben scheint. Als der IS die Eziden am 3. August 2014 im Nordirak überfiel, etliche Menschen ermordete und etwa 5000 Mädchen und Frauen entführte und versklavte, schaute die Welt lange untätig zu. Es waren unterschiedliche kurdische beziehungsweise ezidische Kampfgruppen und Bürgerwehren, welche die verbliebenen Zivilisten erfolgreich vor dem IS beschützten. Doch spätestens mit der Befreiung der Region vom IS begann ein Streit darüber, wer sich falsch verhalten habe und wie es weitergehen solle. Diese Uneinigkeit spiegelt sich jetzt auch bei den Hamelner Eziden wider. Loqman Saleh ist am Tag des Überfalls auf Sindschar (kurdisch: Shingal) aus der Stadt geflohen. Heute lebt der 35-Jährige in Hameln. Er nimmt an der Veranstaltung auf dem Rathausplatz teil, zu der das 2012 gegründete Ezidische Kulturzentrum aufgerufen hat. Dass nur wenige Hundert Meter weiter eine andere Gruppe Eziden an einer anderen Gedenkstunde teilnimmt, stimme ihn traurig. „Wir sind uns uneinig, das ist nicht schön“, sagt er, wie Dendel Özdemir, der Vorsitzende des Kulturzentrums, ins Deutsche übersetzt. „Aber das ist die Realität“, fährt Saleh fort. „Auch in Sindschar sind wir uns ja nicht einig.“ Einige Eziden halten demnach zu Masud Barzani, dem Präsidenten der Autonomen Region Kurdistans im Nordirak, andere zur irakischen Regierung und wieder andere zu den kurdischen Kämpfern der PKK (Arbeiterpartei Kurdistans) und der Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG/YPJ). Die Demonstranten auf dem Rathausplatz halten zu letzteren. „Wir sind für unsere Befreier“, erklärt Özdemir. Nur ihnen trauten sie zu, eine friedvolle Zukunft für die Eziden in Sindschar zu schaffen. So wird Özdemir es später auch in einer vom Zentralverband der Ezidischen Vereine verfassten Rede proklamieren.

Etwa 70 Menschen sind der Einladung des Ezidischen Kulturzentrums gefolgt, darunter – wie Özdemir – aus der südöstlichen Türkei stammende Eziden, die schon vor gut 30 Jahren nach Deutschland kamen, sowie irakische und syrische Eziden. Laut Özdemir leben ungefähr 550 Eziden im Landkreis. Davon seien etwa 250 erst im Zuge des IS-Terrors im Nordirak und des Bürgerkriegs in Syrien dazu gekommen. Auch Landrat Tjark Bartels spricht: Andachten wie diese seien „ein Aufruf an die internationale Staatengemeinschaft, eine Lösung für die verfolgten Völkergruppen im Mittleren Osten aufzuzeigen“.

Fast doppelt so viele Teilnehmer verzeichnet die Veranstaltung von Nawaf Saydo beim Deutschen Roten Kreuz, wo sich am späten Nachmittag über 100 Eziden, die vor allem in den letzten drei Jahren vor dem IS nach Deutschland geflohen waren, und einige deutsche Integrationslotsen einfinden. Auf die Frage, weshalb die Eziden keine gemeinsame Gedenkstunde veranstalten, sagt er: „Wir wollen dieses Gedenken unpolitisch halten.“

Tatsächlich gibt es in der Zentralstraße keine politischen Parolen zu hören. Stattdessen werden kurze Filme gezeigt, welche die Not der Eziden in Sindschar dokumentieren, und anteilnehmende Ansprachen gehalten. Moderiert wird die Veranstaltung von dem ezidischen Hamelner Dichter und Gastronom Newaf Miro.

Stadträtin Maria Kurth-Harms mahnt an, dass der Völkermord an den Eziden in Vergessenheit zu geraten droht. Deshalb sei eine Veranstaltung wie diese so bedeutsam. Integrationsarbeit in Form von Arbeit und Bildung sei wichtig, aber über das Leid der Flüchtlinge zu sprechen, ebenso.

Dass die beiden Lager bis zur nächsten Veranstaltung zusammenfinden, scheint derzeit unwahrscheinlich. Die Eziden um Nawaf Saydo haben die Absicht, sich selbst zu organisieren und einen eigenen Verein zu gründen.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt