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„Stoppen Sie den Völkermord!“

Eziden gedenken Opfer der Terrormiliz IS

HAMELN. Verstörende Fotos von weinenden Kindern und langen Menschentrecks halten die Menschen in die Luft. „Stoppen Sie den Völkermord!“, ist auf Plakaten zu lesen. Auf dem Rathausplatz haben am Dienstag knapp 100 Eziden der Opfer des Überfalls des sogenannten Islamischen Staats im Nordirak gedacht.

veröffentlicht am 03.08.2021 um 16:30 Uhr
aktualisiert am 03.08.2021 um 20:00 Uhr

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Reporter zur Autorenseite

Der Kreis, den die Menschen auf dem Rathausplatz zur Mittagszeit bilden, wird innerhalb kurzer Zeit immer größer. Immer mehr Eziden (auch: Jesiden) finden sich ein, um auf die Not der Menschen aufmerksam zu machen, die sie im Nordirak zurücklassen mussten, nachdem der sogenannte Islamische Staat (IS) am 3. August 2014 das ezidische Siedlungsgebiet Shingal (auch: Sindschar) überfallen hatte. Tausende ezidische Männer wurden getötet, weitere Tausende ezidische Frauen und Kinder von der islamistischen Terrormiliz entführt und versklavt. Die Vereinten Nationen sprechen von Völkermord.

Redner, die sich auf dem Rathausplatz über einen Lautsprecher Gehör verschaffen, darunter auch Pir Ismail Hamzo, der Vorsitzende des Vereins der Eziden im Landkreis Hameln-Pyrmont, sprechen vom „andauernden Völkermord“. „Tausende Eziden sind immer noch entführt und vermisst“, heißt in einem Memorandum des Vereins, das eine junge Ezidin in einwandfreiem Deutsch verliest. „Seit sieben Jahren leben immer noch über 350 000 Eziden in Zelten ohne das Nötigste zum Leben und ohne Unterstützung der beiden Regierungen in Bagdad und Erbil und ohne dass sie in ihre Gebiete zurückgebracht werden.“

Dazu zählt auch die Familie von Aykan Farhan (32), wie er im Dewezet-Gespräch schildert. Ein junger Ezide, der Lehramt studiert, aber seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, übersetzt das Kurmandschi, die Sprache von Eziden und Kurden, zu denen die religiöse Minderheit ethnisch gehört, ins Deutsche. Das Geld der Familie habe nur für die Ausreise von Farhan, seiner Frau und dem gemeinsamen Kind gereicht. Seit 2015 lebten sie in Hameln, wo er sich mit Gelegenheitsjobs in der Gastronomie oder auf dem Bau durchschlage. Seine Eltern und Geschwister lebten mit ihren Familien seit dem Überfall des IS in einem Flüchtlingslager in Schaichan im kurdischen Autonomiegebiet im Nordirak. Doch weder von der Regierung in Bagdad noch von der in Erbil erführen sie Hilfe. Sie säßen dort fest, klagt Farhan.

Die Menschen in den Lagern lebten in prekären Verhältnissen, heißt es auch in dem Memorandum des ezidischen Vereins. Es fehle an Strom- und Wasserleitungen. Immer wieder gerieten Zelte in Brand, die Suizide junger Menschen nähmen zu.

Zurück nach Shingal könnten sie auch nicht, fährt Aykan Farhan fort, weil ihre Häuser zerstört seien und sie keine Unterstützung für den Wiederaufbau erhielten. Ganz abgesehen davon, dass sie sich dort nicht mehr sicher fühlten. Von Massakern oder Entführungen sei seine Familie glücklicherweise nicht betroffen gewesen, sagt der 32-Jährige. Viele Freunde und Bekannte hätten leider weniger Glück gehabt.

Viele Eziden, denen die Flucht gelang, suchten Asyl in Deutschland und anderen Ländern. In Hameln ist die Anzahl der Iraker, unter denen sich vor allem Eziden befinden, seit dem Genozid 2014 sprunghaft angestiegen. Nach Syrern und Türken bilden sie inzwischen die drittgrößte Bevölkerungsgruppe nichtdeutscher Staatsangehörigkeit der Stadt. 2019 gründeten einige der geflüchteten Eziden einen Verein, der sowohl kulturell als auch politisch die Öffentlichkeit sucht.

Ein Engagement, das Oberbürgermeister Claudio Griese (CDU) zu schätzen weiß, wie er in seiner Ansprache auf dem Rathausplatz anmerkt. Dort wurde ihm das Memorandum überreicht, ein Hilferuf des Vereins an die Bundesregierung, von der sich die Eziden Unterstützung beim Wiederaufbau von Shingal, der Verfolgung der Täter und bei der Asylgewährung erhoffen. „Wir wollen über die dafür zuständige Bundespolitik dazu beitragen, dass der Völkermord nicht weitergeht und dass Ihnen als Eziden Recht widerfährt“, so Griese. „Wir sind an Ihrer Seite.“ Applaus.

Weitere Redner folgen. Schließlich klingt Musik mit Männergesang aus dem Lautsprecher. Es ist ein Lied des ezidischen Dichters Haci Qirani, wie der junge Dolmetscher erläutert. Er habe darin den Genozid vom 3. August 2014 verarbeitet.



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