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Eine Spurensuche von Peter Kurbjuweit

Ex-Ratsmitglied veröffentlicht Buch über Suche nach Vater

HAMELN. Das Blut kommt zum Blut. So hätte Peter Kurbjuweits Buch auch heißen können. Er hatte diese Worte öfter von seinem Onkel gesagt bekommen. Was zusammengehört, findet zusammen. Jetzt ist das Buch, das von Kurbjuweits Suche nach dem Vater handelt, unter dem Titel „Das ist doch gar nicht dein Vater!“ erschienen.

veröffentlicht am 03.05.2018 um 17:10 Uhr

Peter Kurbjuweit im Büro des Kreisverbands Die Linke in der Domeierstraße. Foto: pk
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Bis vor wenigen Wochen war Kurbjuweit noch Mitglied im Rat der Stadt Hameln, dann gab er, wie berichtet, sein Mandat ab. Seitdem vertritt er Die Linke nur noch im Kreistag – und lässt sich von den lokalen Medien zu seinem Buch interviewen.

Es war Mitte der 90er Jahre, als Peter Kurbjuweit seinen Urlaub wieder einmal in Griechenland verbrachte. Dort gibt es „Caprice“, seine Lieblingskekse. Als er mal wieder eine dieser Keksdosen öffnete, fiel ihm in der Verpackung ein Zettel mit der Aufschrift „Dolcetti“ ins Auge. Dolcetti, kam ihm in den Sinn, so hieß doch sein leiblicher Vater, ein Grieche mit italienischen Wurzeln, den er nie kennengelernt hatte. Er hatte aber auch nie den Versuch unternommen, ihn kennenzulernen, zumal er ihn dazu überhaupt erst mal hätte ausfindig machen müssen. Allerdings hatte er daran nie Interesse gehabt. Das änderte sich, als er diese Keksdose öffnete. Kurbjuweit begab sich auf die Suche, 1996 war das, im Alter von bereits 50 Jahren.

Peter Kurbjuweit kam 1945 im Flüchtlingslager Watenstedt-Salzgitter als Sohn von Edeltraut Gregori zur Welt. Wenige Monate zuvor war sie aus dem damaligen Sudetenland, heute: Tschechien, ausgewiesen worden, verlor den Kontakt zu ihrem Verlobten, dem Vater ihres noch ungeborenen Kindes. Seinen Nachnamen hat Kurbjuweit von dem späteren Mann seiner Mutter, der ihn adoptierte.

Sein Vorname lautet eigentlich Jack-Peter. So steht es auf dem Buchtitel. Und in seiner Geburtsurkunde. Jack, das klingt englisch. Leitet sich in diesem Fall aber von Ciacomo ab. So hieß Kurbjuweits Großvater. Dessen Vater wiederum war um 1900 von Italien nach Griechenland ausgewandert. Dort kam Kurbjuweits Vater Pietro Dolcetti zur Welt. Dolcetti ist Italienisch und heißt Süßigkeiten, daher auch die Aufschrift in der Keksdose.

Erst mit 13 Jahren erfuhr Kurbjuweit, dass sein Vater nicht sein leiblicher Vater ist. Seine Mutter hatte die Familie bereits verlassen, als er eines Tages mit seiner Stiefmutter stritt und sie ihm unvermittelt an den Kopf warf, dass ein Vater gar nicht sein leiblicher Vater sei. Seine Großmutter bestätigte diese für ihn ungeheuerliche Neuigkeit. Infolgedessen sagte er sich von seiner Familie los und schlug sich fortan weitgehend alleine durch.

Auch davon handelt Kurbjuweits Buch: Wie er in den Baracken des Flüchtlingslagers aufwuchs, mit anderen Kindern und Jugendlichen Banden bildete und Zusammenhalt lernte. Von der Gefühlskälte der Eltern, besonders des Adoptivvaters, „einem preußischen Tapferkeitsoffizier“. Wie sich die Kinder die fehlende Nestwärme nach (und sogar vor) dem Sportunterricht vor allem in den heißen Duschen der Sportanlagen holten. Ferner erzählt Kurbjuweit in dem Buch von seiner Lehre zum Starkstrom-Elektriker, davon, wie er sich von Anfang an in der gewerkschaftlichen Jugendgruppe engagierte und wie nachhaltig ihm ein in diesem Zuge erfolgter Besuch des Vernichtungslagers Auschwitz prägte. „Der Besuch in Auschwitz und die Reise nach Tschechien mit meinem Onkel Takis, das hat mich politisch geprägt“, sagt der linke Kommunalpolitiker.

Die Suche nach seinem Vater ging Hand in Hand mit der Aufarbeitung der Geschichte seiner Familie. In Tschechien, dem damaligen Sudentenland, waren sein Vater und seine zwei Onkels Zwangsarbeiter, saß sein Onkel Takis im Gefängnis, wurde von der SA misshandelt. In dem Buch schildert Kurbjuweit, wie seine Mutter die Brüder in Teplice zusammenführt und ihnen zur Flucht verhilft. „Meiner Mutter verdanken sie die Lebensrettung“, erzählt Kurbjuweit.

Die – im Übrigen erfolgreiche – Suche nach seinem Vater in Buchform zu veröffentlichen, sei als Botschaft zu verstehen, sagt er. Es sei wichtig, sich mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen – auch um zu verhindern, dass sich Schreckliches, wie die erlittene Zwangsarbeit seiner Vorfahren, Auschwitz oder Zustände wie im Flüchtlingslager Watenstedt-Salzgitter wiederholen. Ein gutes Stück weit habe Kurbjuweit das Buch auch für seinen nunmehr über 90-jährigen Onkel Takis geschrieben. Längst hat die Familie in Griechenland ihn, den, wie er sagt, „fremden Deutschen“ aufgenommen und ins Herz geschlossen. Als Nächstes werde er daher nach Athen reisen und seinem Onkel Takis und anderen Angehörigen persönlich ein Exemplar seines Buches überreichen.



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