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Joachim Meyer will auf die Schwierigkeiten erkrankter Bundeswehrsoldaten aufmerksam machen

„Es war kein Horrorfilm – es war Realität“

Emmerthal. „Man will eigentlich gar nicht hinschauen. Aber am Ende schaut man dem Grauen direkt ins Gesicht. Es müssen Menschen sein, die da vor mir liegen – alle verbrannt in einer Scheune. Das Hirn nimmt jedes Detail des Grauens auf. Ich bin zu einer Salzsäule erstarrt. Es war kein Horrorfilm – es war die Realität.“ Was die ehemalige Bundeswehr-Sanitäterin Daniela Matijevic in ihrem Buch „Mit der Hölle hätte ich leben können“ schildert, sind teilweise grauenhafte Situationen, die sich nicht etwa bei der Vernichtung von polnischen oder jüdischen Zivilisten im Zweiten Weltkrieg abspielten sondern im Jahr 1999 im Kosovo, wo die Bundeswehr gemeinsam mit anderen Nato-Streitkräften für Frieden zwischen Serben und Kosovaren sorgen sollte. Der Friede im Kosovo wurde zwar hergestellt, aber Daniela Matijevic brauchte ganze zehn Jahre, um wieder einen einigermaßen sicheren inneren Frieden zu finden. Matojevic gehört zu den gut 20 000 Menschen – Tendenz steigend – geschätzten deutschen Kriegsopfern, die nach ihren Auslandseinsätzen unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leiden, einer psychischen Erkrankung, die nur schwer therapierbar ist – wenn überhaupt, zumal der Bundeswehr viele der dafür erforderlichen Fachärzte fehlen. Eine der wenigen Spezialkliniken, die Hilfe bei PTBS anbietet, ist die AHG Psychosomatische Klinik in Bad Pyrmont. Sie gehört zu den fünf bis sechs psychologischen Einrichtungen, deren Kompetenz die Bundeswehr nutzt.

veröffentlicht am 15.04.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 04.11.2016 um 06:21 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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Es war eine Fernseh-Sendung im WDR, die den früheren Berufssoldaten Joachim Meyer aus Klein Berkel im Herbst 2010 auf das Schicksal der PTBS-Opfer aufmerksam machte. Seitdem bemüht sich Meyer, die Probleme der Betroffenen verstärkt an die Öffentlichkeit zu bringen. „Nicht um für die Bundeswehr zu werben, sondern damit die Gesellschaft reflektiert, was die Soldaten erleben mussten“, erklärt er die Beweggründe seines Engagements. „Denn weder die Mehrheit der deutschen Politiker noch die deutsche Öffentlichkeit stellen sich den Problemen dieser Einsätze“, beklagt Joachim Meyer und betont, dass er es als „seine christliche Pflicht betrachtet, den Betroffenen Aufmerksamkeit zu schenken“.

Nun las der 69-Jährige im Gemeindehaus der katholischen Kirchengemeinde in Emmerthal dazu aus dem Buch von Matijevic und aus dem Buch „Ein schöner Tag zum Sterben“ der Bundeswehrärztin Heike Groos, die mehrfach als Wehrübende zu Einsätzen in Afghanistan war. Die Zahl der Zuhörer, die Meyer mit seinen Lesungen erreicht, ist meist nicht groß. Diesmal ist es ein Dutzend, das bereit ist, sich dem schwierigen Thema zu stellen, darunter auch eine ehemalige Bundeswehr-Sanitäterin, die selbst unter der posttraumatischen Belastungsstörung leidet und sich von der Bundeswehr „im Stich gelassen“ fühlt.

Auch Matijevic fühlte sich nach ihrer vierjährigen Dienstzeit schnell von der Bundeswehr „vergessen“. Die Jobsuche endet mit einer befristeten Stelle, es folgt ein Halbtagsjob, ständig leidet sie unter Kopfschmerzen, wird immer häufiger krank und erhält die Kündigung. Das Arbeitsamt fühlt sich für sie nicht zuständig, schickt sie zum Sozialamt, das sie ans Versorgungsamt verweist. Dort erhält sie die wenig ermutigende Auskunft, die Aktenbearbeitung brauche Zeit, einen Bescheid werde es für sie frühestens in ein paar Wochen geben, vielleicht auch erst in ein paar Monaten. Und dann der diskriminierende Satz, der sie wirklich wütend macht: „Herzchen, niemand hat Sie gezwungen, zum Bund zu gehen. Seien Sie froh, wenn wir überhaupt etwas anerkennen.“

Meyer ergänzt seine kleine Vorlesungsveranstaltung noch mit Fernsehaufnahmen aus Talk-Shows und Interviews, in denen ehemalige Soldaten ihr Schicksal schildern und deutlich machen, wie miserabel es ihnen geht. Kein Wunder, wenn man als im Kampfeinsatz psychisch Erkrankter bis zu zehn Jahre auf eine Therapie warten muss.



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