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Und doch sieht Reinhold Messner einen Sinn darin / Im Januar kommt der Abenteurer nach Hameln

„Es ist völlig unnütz, auf einen Berg zu steigen …“

Hameln. Unter dem Motto „Leben am Limit“ wird Abenteuer- und Bergsteigerlegende Reinhold Messner am Mittwoch, 22. Januar, in der Rattenfängerhalle von seinen Erlebnissen berichten. Die Dewezet hat vorab mit ihm gesprochen.

veröffentlicht am 04.12.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 13:41 Uhr

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Herr Messner, bitte einmal für Flachländer: Warum steigt ein Mensch auf einen über 8000 Meter hohen Berg?

Ein berühmter Mann hat einmal gesagt: Weil er da ist. So wie man damals Nord- und Südpol erobern wollte, wollte man eben auch die höchsten Berge besteigen. Aber diese Ausrede haben wir nicht mehr. Das ist alles schon gemacht worden. Es ist völlig unnütz, auf einen Berg zu steigen. Wir müssen selbst einen Sinn hineinlegen.

Und was ist für Sie der Sinn? Das ist der Kern meines Vortrages. Wer von uns hat denn die Frechheit zu sagen, was der Sinn des Lebens ist? Alle Götter, alle Religionen, die wir kennen, sind von Menschen erfunden worden. Im Grunde aus Machtinteressen. Den Sinn in mein Tun hineinlegen darf ich selbst. Wir dürfen selber Sinn stiften. Natürlich haben wir die Verpflichtung, da wir inzwischen sieben Milliarden Menschen sind, zu sehen, dass auch die anderen eine Überlebensmöglichkeit haben. Aber gerade wenn ich in eine archaische Welt gehe, in eine gefährliche Welt, habe ich das Recht, das zu tun. Ich störe dort niemanden. Der Laie fragt sich natürlich trotzdem, warum ich das tue, denn es ist keine nützliche Tätigkeit. Dem muss ich antworten, dass ich selber den Sinn stifte. Und je stärker jemand als Sinnstifter ist, umso weiter kommt er. Wenn ich etwas sinnhaft mache, mich damit auseinandersetze, dann werde ich viel weiterkommen, als wenn ich sage: Das ist ein absoluter Blödsinn. Nützlichkeit und Sinnhaftigkeit sind völlig verschiedene Werte. Felix Baumgartners Sprung aus der Stratosphäre war völlig nutzlos für die Menschen. Aber für ihn war es sehr sinnvoll.

Sie sagten, auf dem Berg störe man niemanden. Trotzdem hat man manchmal den Eindruck, dass Bergsteiger kaputtmachen, was sie lieben …

Das ist etwas, das mit unserer Natur zu tun hat. Wir Europäer haben mit der Aufklärung und der Romantik begonnen, die blaue Blume, das unerreichbare Ziel, hinter den blauen Bergen zu suchen. Die alpinen Vereine haben sich schon vor 150 Jahren auf die Fahne geschrieben, die Berge für möglichst viele zugänglich zu machen. Heute sind viele Leute in den Bergen unterwegs. Man hat Infrastruktur, Hütten, Seilbahnen gebaut. Jetzt wird alle Jahre der Everest von oben bis unten mit einer Infrastruktur versehen. Das kostet Millionen von Euro. Und dann werden Touristen in Hundertschaften dort hinaufgebracht. Das ist Tourismus, nicht Bergsteigen. Das Bergsteigen ist relativ schnell gerade von den alpinen Vereinen zum Tourismus umgewandelt worden. Weil ich das offen sage, hat mich der Deutsche Alpenverein aus allen Diskussionen ausgegrenzt. Ich darf dort nicht mehr auftreten. Der Deutsche Alpenverein ist ein Dienstleister für Bergtouristen. Ich bin eher jemand, der in eine archaische, gefährliche Welt hinausgehen will. Und meine Aufgabe ist es, dabei zu überleben.

Sie sind jetzt 69 Jahre alt …

Sie dürfen es ruhig sagen: Nächstes Jahr werde ich 70.

Gibt es eine Expedition, die Sie auch mit 70 noch reizen würde?

Ich komme gerade zurück aus Pakistan, wo ich im Karakorum und Himalaja war. Für Filmarbeiten, aber wir waren auch hoch oben. Ich sollte eigentlich gerade gar nicht hier sein, sondern in Indien. Aber die Dreharbeiten dort haben wir auf das nächste Jahr verschoben. Ich schließe auch nicht aus, dass ich im nächsten Jahr einen Berg angehe, der im Himalaja steht – der natürlich kein 8000er mehr ist. Das habe ich mir abgeschminkt. Ich erkenne an, dass ich in meinem Alter ungeschickter bin, dass ich langsamer bin. Ich habe auch nicht mehr die Schnellkraft und die Konzentrationsfähigkeit wie in jungen Jahren. Doch ich bin völlig damit einverstanden, dass ich altere. Um Weihnachten werde ich mit meinem Sohn in Afrika sein, um dort eine Erstbesteigung zu machen. Ich bin also immer noch aktiv, aber in geringerer Höhe und mit geringeren Schwierigkeiten als in meiner guten Zeit.

Wie haben Sie auf Expeditionen mit dem Leben abgeschlossen?

Das kann ich an einer Hand abzählen. Das war nicht so häufig. Aber es gab ein paar Momente, in denen ich sicher war: Ich komme um, es gibt keinen Ausweg. Ich hatte Glück. Wenn ich heute sagen würde: „Ich lebe noch, weil ich gut bin“, wäre das falsch. Ich lebe noch, weil ich auch Glück hatte. Aber nur das Glück lässt Sie nicht 100 Expeditionen und 3000 Bergtouren überleben. In erster Linie sind es das Können und die Vorsicht.Interview: Frank Henke

Reinhold Messner (69) kennt alle 8000er – im Januar berichtet er in Hameln von seinen Erlebnissen. pr



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