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Der Charme Quedlinburgs zieht viele junge Künstler an / Sonderzüge zu „Advent in den Höfen“

„Es ist die freie Entfaltung des Gedankens“

Quedlinburg. „Kunst hat es schwer hier in Quedlinburg. Die Menschen haben daran kaum Interesse. Die Stadt ist ausgeblutet und besitzt nur eine ganz kleine bürgerliche Schicht.“ Dr. Björn Egging, seit dem Sommer 2006 Leiter der Feininger-Galerie, urteilt über die Kulturszene der Weltkulturerbestadt eher mit dem Blick von außen: Er stammt aus Hamburg und arbeitete bis 2006 in Bielefeld. Aber Egging bestätigt auch: „Der Charme der Stadt zieht Künstler an.“ Lobend äußert er sich vor allem über das Ensemble des in Quedlinburg beheimateten Nordharzer Städtebund-Theaters, das gemeinsam von der Stadt, dem Landkreis und Halberstadt als Dreispartentheater betrieben wird – neben dem Sprechtheater gibt es auch Oper und Operette sowie Ballett. „Das ist hier ein interessantes, innovatives Theater, professionell und gut“, urteilt Egging. Mit jungen Regisseuren und Dramaturgen werde ein gutes Niveau erreicht, das sich als konkurrenzfähig erweise.

veröffentlicht am 08.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 17:21 Uhr

Mitglieder der Künstlergruppe „art quitilinga“ berei

Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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„Aber das kostet allein die Stadt pro Jahr fast 500 000 Euro“, bilanziert Bürgermeister Dr. Eberhard Brecht, „und damit annähernd die Hälfte unseres Kulturetats von etwa einer Million Euro.“ Auf die Kulturszene der Fachwerkstadt ist Brecht „richtig stolz“. Viele Künstler, die sich im Lauf der Jahre angesiedelt hätten, profitierten vom Tourismus. Das Problem der Stadt seien die Museumslandschaft und die freiwilligen Leistungen, die die Kommune für sie erbringe. „Zwölf Prozent unseres Haushalts geben wir in diesem Bereich für freiwillige Leistungen aus.“ Von der Kommunalaufsicht werde aber vorgegeben, dass es nicht mehr als fünf Prozent sein dürften. Brecht muss finanziell für drei Museen sorgen: für das Schlossmuseum, das Klopstock-Haus und das Fachwerk-Museum im alten Ständer-Bau. „Weil das Klopstock-Haus jährlich nur 6000 Besucher hat, werden wir es in diesem Winter erstmals für einige Monate schließen. Wir können nicht anders – wir müssen sparen, selbst wenn es nur kleine Summen sind“, erklärt Brecht.

Was bei dem Künstlerehepaar Roswitha und Wolfgang Dreysse zu einem harschen Urteil über die städtische Kulturpolitik führt: „Unsere Museen dümpeln vor sich hin“, erklären beide. „Seit Jahren haben das Schlossmuseum und das Klopstock-Haus keine Museumsleiter. Und in der Stadtverwaltung gibt es längst keine ordentliche Kulturabteilung mehr. Die Mitarbeiter wurden alle verschlissen.“ Auflagen der Stadt bremsten nicht selten Initiativen. Man habe lange nicht an einem Strang gezogen, auch wenn es jetzt wieder ganz gut laufe.

Egging betrachtet das „als negatives Signal für den Tourismus und die Kulturszene“ und ist froh, dass die Feininger-Galerie nicht am Tropf des städtischen Haushalts hängt. Am Jahresetat des Ausstellungshauses in Höhe von 600 000 Euro und jährlich 15 000 Besuchern beteiligen sich die Stiftung Moritzburg und der Landkreis gemeinsam mit der Sparkasse zu je 270 000 Euro, 50 000 Euro kommen vom Land, der Kostenbeitrag der Stadt beläuft sich lediglich auf eher symbolische 10 000 Euro. 600 000 Euro hören sich nur aufs Erste gut an. Eggings Urteil: „Wir sind klar unterfinanziert. Der Etat geht für die Personalkosten drauf. Geld für Ausstellungen ist kaum vorhanden.“ Was Egging nicht hindert, unverdrossen für die Zukunft zu planen. Sein nächstes Projekt: Im Vorderhaus der Galerie-Immobilie ein Stipendiaten-Programm einzurichten.

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Ein besonderes Highlight für Quedlinburg, aber auch zahlreiche auswärtige Besucher, ist der „Quedlinburger Musiksommer“, der bereits 1981 von Kirchenmusikdirektor Gottfried Biller ins Leben gerufen wurde. Es ist ein Festival für klassische Musik, in dessen Mittelpunkt die Pflege der Kirchenmusik steht, das sich aber auch Ausflüge in den Jazz, die Kammermusik oder die Symphonik erlaubt. Für seine Verdienste um den Musiksommer wurde Gottfried Biller in diesem Jahr zum Ehrenbürger Quedlinburgs erklärt.

Dass Quedlinburg nicht nur ein Magnet für junge Künstler, sondern auch für Lebenskünstler geworden ist, bestätigt auch das Künstler-Ehepaar Roswitha und Wolfgang Dreysse, das 1992 im Auftrag des Hamelner Unternehmens Vogeley zum 100-jährigen Firmenjubiläum auf dem Pferdemarkt die Bildsäule „Öffnung“ als Geschenk an die Stadt errichtete. „In der bildenden Kunst“, urteilen die beiden, „ist hier viel los, denn junge Künstler können gut in Quedlinburg leben.“

Schon 1990 habe sich eine Künstlergruppe gebildet, die auf dem Schlossplatz eine Freiluft-Galerie veranstaltet habe, erinnert sich Roswitha Dreysse. Dank geringer Miete habe die Künstlergruppe Q-Art lange Zeit in der Galerie „Weißer Engel“ Ausstellungen, Lesungen und kleine Konzerte organisiert. Mit der Hamelner Arche habe es ebenso wie mit anderen Künstlergruppen einen regen Austausch gegeben. „Q-Art hat bis ins Jahr 2000 bestanden. Dann hat die Stadt das Haus verkauft, und die Gruppe konnte die höhere Miete nicht mehr finanzieren.“ Und lange Zeit habe es im „Weißen Engel“ auch Kunstausstellungen zu Weihnachtsthemen gegeben: „Die waren richtig gut.“

Mit „art quitilinga“ gründete sich vor 13 Jahren ein neuer klassischer Kunstverein, dessen Hauptevent nach Darstellung von Roswitha Dreysse die ProVinz-Tage im Herbst sind. Mit der aus Texas stammenden Harriet Watts, die sich besonders in art quitilinga engagiere, habe der Verein eine echte Netzwerkerin, die für viele Impulse sorge und seit Jahren texanische Studenten nach Quedlinburg hole.

Moderne Kunst, Ausstellungen, Lesungen und kleine Theateraufführungen präsentiert eine zweite Künstlergruppe, die sich „7-Glas“ nennt. Mit ABM-Kräften habe die Gruppe ein Glasmuseum errichtet, erzählt Roswitha Dreysse, nicht ohne immer wieder auf die Sparpolitik der Stadt zu verweisen, die beim Theater zu einer starken Schrumpfung des Ensembles geführt habe. „Aber das Theater strahlt trotzdem auf die Kulturszene aus“, lobt die Quedlinburgerin. „Die Schauspieler treten nicht nur im Theater auf, sie nehmen auch an anderen Events teil.“

Dass Quedlinburg sich nicht nur Weltkulturerbestadt nennen kann, sondern sich inzwischen auch als Adventsstadt präsentiert, verdankt sie dem „Advent in den Höfen“, der seit 1998 jeweils am zweiten und dritten Adventswochenende in 24 Höfen der Stadt veranstaltet wird und „als Alternative zu den üblichen Weihnachtsmarktständen wirklich zum Kulturbild von Quedlinburg passt“, wie Roswitha Dreysse findet. Eine Arbeitsgruppe wache darüber, dass das Niveau gehalten werde, wobei die Gestaltung der Höfe komplett in Eigenregie geschehe. „Jeder Hof ist anders, hier herrscht große Vielfalt.“ Es gebe sogar Sonderzüge aus Berlin zum „Advent in den Höfen“, der seinen Anfang in dem am Marktplatz gelegenen Hotel Theophano nahm. Am ersten Advent leuchten zudem „Fünf Sterne am Schloss“ und leiten einen „lebenden Adventskalender“ ein, der 24 Tage lang rund um den Schlossberg jedes Mal ein anderes Märchen, ein kleines Theaterstück oder eine Lesung präsentiert.

Ergänzt wird die kulturelle Vielfalt in Quedlinburg durch bemerkenswerte andere Veranstaltungen. In der „Reichenstraße“ existiert ein Kabarett, das Galerie-Chef Egging als „durchaus anspruchsvoll“ bezeichnet. Lobend beurteilt der Hamburger auch das Programmkino Eisenstein. Ein „Zauber der Bäume“ mit Musik, Filmen und bildender Kunst wird von „7-Glas“ vor den Sommerferien im Brühlschen Park veranstaltet. Auch ein Jazz-Fest im Juni werde gut angenommen, betont Roswitha Dreysse.

Kunst und Kultur mögen es bei den Quedlinburger Bewohnern schwer haben, wie Egging meint. Die Künstler aber leben mit ihren Veranstaltungen große Vielfalt vor. Woher das kommt? Da kennt das Künstlerehepaar Dreysse nur eine Ursache: „Es ist die freie Entfaltung des Gedankens. Man kann jetzt einfach loslegen und schöne Sachen veranstalten. Das hat es zu DDR-Zeiten nicht gegeben.“

Romualdas Pozerskis, ein bekannter polnischer Fotograf, hängt seine Bilder mit einem Helfer für eine Ausstellung in Quedlinburg auf.



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